Standort: science.ORF.at / Meldung: "Vielleicht das "Gottesteilchen""

Elementarteilchen, künstlerische Darstellung

Vielleicht das "Gottesteilchen"

Die erhoffte Sensation wurde es nicht: Physiker vom Kernforschungszentrum CERN haben "Hinweise" auf die Existenz des lange gesuchten Higgs-Bosons gefunden. Diese könnten sich aber wieder in Luft auflösen. Mit definitiven Antworten ist erst Ende 2012 zu rechnen.

Higgs-Boson 13.12.2011

Das Elementarteilchen sei den bisherigen Daten zufolge am ehesten im Energiebereich zwischen 116 und 130 Gigaelektronenvolt (GeV) zu finden, sagte Fabiola Gianotti, die Sprecherin des ATLAS-Experiments am Teilchenbeschleuniger LHC.

Die Daten des zweiten Detektors zur Higgs-Suche, CMS, ließen auf den Bereich von 115 bis 127 GeV schließen, so die Cern-Forscher. Die Hinweise seien aber noch nicht stark genug, um tatsächlich von der "Entdeckung" des Higgs-Teilchens zu sprechen, hieß es in einer Pressemitteilung des Cern.

Einzeln für sich genommen sei keines der Ergebnisse statistisch relevanter als eine zweimal hintereinander gewürfelte Sechs. Interessant sei aber, dass mehrere Messungen auf den Bereich zwischen 124 und 126 GeV hinwiesen. "Wir können zu diesem Zeitpunkt keine Rückschlüsse ziehen", betonte Gianotti. "Wir brauchen mehr Analysen und mehr Daten."

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Suche nach dem "Gottesteilchen" berichten auch die Ö1 Informationssendungen, etwa die Journale.

Das Higgs-Teilchen gilt als letztes fehlendes Puzzleteil im derzeit gültigen Standardmodell der Teilchenphysik, ohne die sich die Masse der Elementarteilchen nicht erklären lässt (siehe: Higgs-Teilchen - Physikalisches ABC).

"Erstaunliche Übereinstimmung"

Manfred Krammer vom Wiener Institut für Hochenergiephysik nennt die Übereinstimmung der beiden Experimente ATLAS und CMS "erstaunlich". Vor allem deswegen, weil bereits sehr große Energiebereiche in der Suche ausgeschlossen werden konnten: "Die bisherigen Versuche haben gezeigt, dass das Higgs-Teilchen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht im Bereich über 127 Gigaelektronenvolt existiert. Und frühere Versuche haben die Region unter 114 Gigaelektronenvolt ausgeschlossen", so Krammer gegenüber science.ORF.at.

"Allerdings sind die beiden Experimente in diesem Bereich nicht besonders empfindlich. Die übereinstimmmenden Signale könnten daher auch Zufall sein. Eine streng wissenschaftliche Aussage über die Existenz oder Nicht-Existenz des Higgs-Teilchens ist noch nicht möglich."

Warum das CERN dennoch heute eine Pressekonfernez zu diesem Thema abgehalten habe, erklärt der am CMS-Experiment beteiligte Physiker mit im Vorfeld kursierenden Gerüchten über einen möglichen Nachweis des Higgs-Teilchens. "Wir wurden durch Blogbeiträge und Zeitungsartikel gewissermaßen gezwungen, nun für Klarheit zu sorgen." Endgültige Urteile wird es erst Ende 2012 geben: Dann werden die Cern-Physiker rund vier Mal so viele Daten in Händen halten wie nun - wohl genug, um Zufällen und Gerüchten keinen Raum mehr zu geben.

science.ORF.at/dpa

Mehr zu diesem Thema: