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Moschee in  Abu Dhabi bei Sonnenuntergang

Modern, aber nicht säkular

Die Islamwissenschaften prosperieren in Krisen- und Reformzeiten. Und die islamische Reformbewegung blickt auf eine lange Tradition zurück. Gudrun Krämer vom Institut für Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin spricht über alte Ideen im gegenwärtigen politischen Umbruch.

Islamwissenschaften 16.12.2011

science.ORF.at: In der islamischen Reformbewegung gibt es eine jahrhundertalte Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit religiöser Praxis in Bezug auf Staat und Gesellschaft. Unterscheidet sich hier die islamische von der christlichen Welt?

Porträt Gudrun Krämer

IWM

Gudrun Krämer ist Islamwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Diese Woche war sie im Rahmen der Vortragsreihe "Rethinking Religion in the Modern World" zu Gast am IWM in Wien

Gudrun Krämer: Religiöse Reformer in islamisch geprägten Gesellschaften unterscheiden sich in vielem nicht grundsätzlich von Reformern in christlichen Gesellschaften. Sie nehmen Anstoß, im wortwörtlichen Sinn, an Ideen, an Praktiken, die sie unter ihren Mitmenschen beobachten und versuchen, diese zu korrigieren. Dahinter steckt zunächst Mal Potenzial, denn sie gehen davon aus, dass die Gesellschaften reformfähig sind und das ist nicht selbstverständlich.

Woran nahmen und nehmen die Reformer Anstoß?

Das unterscheidet muslimische von christlichen Reformern. Es gibt so etwas wie einen klassischen Kanon und der besteht einerseits aus religiösen, philosophischen und theologischen Lehren, die von Reformern über die Jahrhunderte als unannehmbar betrachtet wurden. Vor allem aber gibt es eine ganze Reihe von Praktiken, an denen sie sich stoßen, zum Beispiel Heiligenkult, Magie, bestimmte Formen der Geschlechtervermischung oder überhaupt ein zu freies Auftreten der Frau. Aber auch ein zu selbstbewusstes Auftreten von Nicht-Muslimen in einer islamischen Gesellschaft.

Das heißt Reformer haben in der islamischen Geschichte nicht unbedingt eine offene oder liberale Haltung?

Häufig sind sie sehr konservativ und wollen einen Zustand wieder herstellen, den sie für ideal halten. Kritik an den obwaltenden Praktiken von Muslimen hat es von frühester Stunde an gegeben. Wenn wir also heute muslimische Reformen beobachten, zum Beispiel im islamistischen Gewand, dann bauen die auf einer sehr alten Tradition auf. Das sind Kritikpunkte, die sie heute noch in Teilen der islamistischen Szene sehen. Islamisten und muslimische Reformer sind nicht gleichzusetzen, aber es gibt eben Überschneidungen.

Aber ist ein ziviler Staat mit islamischem Referenzrahmen nach wie vor Forderung?

Von manchen. Die Muslimbrüder stellen seit Jahren diese Forderung. Aber sie wollen keine islamische Republik installieren, wie man sie etwa aus dem Iran kennt, wo die Mullahs, die Religions- und Rechtsgelehrten, unmittelbar an der politischen Macht beteiligt sind. Dafür werden sie von vielen kritisiert.

Wer sind diese Kritiker?

Die Kritiker im islamischen Lager nennen wir heute mit einem Sammelbegriff Salaphisten. Sie betrachten die Forderung nach einem zivilen Staat mit religiösem Referenzrahmen als zu weichgespült. Sie geißeln diese Forderung als Verrat an den wahren islamischen Werten und kritisieren die Muslimbrüder scharf.

Die Scharia ist für viele zu einem Reizwort geworden in Zusammenhang mit Rechtsstaatlichkeit. Woran liegt das?

Die Scharia ist ja kein einheitlicher Kodex, wie etwa das Bürgerliche Gesetzbuch. Sie stellt eine vielfältige Tradition von Texten dar, die aus der Sicht der Gläubigen, auf dem göttlichen Gebot beruhen und insofern auch einen gewissen Grad der Unantastbarkeit haben.

Wie die Scharia dann aber konkret interpretiert und angewendet wird, ist sehr unterschiedlich und Spielball gesellschaftlicher Interessen. Man muss sich als Außenstehender immer klar machen, dass viele Muslime mit der Scharia eine große Hoffnung verbinden: ein Gesetz, das nicht von Despoten gemacht ist und das für Gerechtigkeit sorgt und deswegen von Menschen gemachten Gesetzen vorzuziehen sei. Diese utopische Hoffnung muss man kennen, weil man sonst nicht verstehen kann, dass Menschen sehenden Auges nach Scharia rufen. Die Scharia hat ja traditionell Elemente, die sich mit dem westlichen Rechtsstaatsempfinden nicht vereinbaren lassen, wie Körperstrafen etwa.

Wächst denn die Islamophobie in unseren Breiten?

Ich gehe davon aus, dass es viel Zwiespältigkeit und Verunsicherung gibt, übrigens auf beiden Seiten. Der Arabische Frühling hat schon dazu beigetragen, dass bestimmte Urteile in Frage gestellt wurden. Das war auch ein intellektuelles Erdbeben.

Wenn nun aber als Folge dieser Unruhe Islamisten unterschiedlicher Couleur in Ländern, die sich verändert haben, an die politische Macht kommen, wird vielleicht manches alte Urteil wieder hervorgeholt. Ich fröne meinem angeborenen Optimismus und hoffe, dass sich eine durchaus kritische, aber doch informiertere Sicht weiter verbreiten wird.

Europa ist also auch einem kritischen Blick ausgesetzt. Kann es überhaupt als demokratiepolitisches Vorbild für islamische Länder fungieren?

Während der Aufstände im Frühjahr dieses Jahres konnte man etwas sehr Interessantes beobachten: Viele derer, die auf dem Tahrir Platz in Kairo standen, haben die Ideen, die Europa propagiert, freudig aufgenommen. Freiheit, Mitbestimmung, Rechtsstaatlichkeit, gute Regierungsführung, alles Prinzipien, die Europa und der Westen seit Jahren propagieren.

Und die Menschen auf dem Tahrir Platz haben diese Ideen aufgenommen, obwohl sie wissen, dass weder Europa noch Amerika ihre eigenen Ideale glaubwürdig umsetzen. Wie etwa die militärischen Interventionen in islamisch geprägten Ländern, die massiven Waffenverkäufe an Despoten, die Unterstützung, die man autoritären Herrschern bis zum Schluss hat zukommen lassen, die Migrations- und Marktpolitik Europas zeigen.

Welchen islamischen "Umbruchsländern" trauen sie eine politische, eine demokratische Erneuerung am ehesten zu?

Tunesien hat auf Grund seiner Geschichte, seiner demographischen, sozialen, wirtschaftlichen Verhältnisse eine reale Chance. Auch wegen seiner geographischen Lage: Es ist nicht direkt in den Konflikt zwischen Israel und Palästina eingebunden.

Wie sehen sie die Chancen Ägyptens?

Dieses Land steht vor enormen Problemen, wenn es die Hoffnungen befriedigen will, die die Menschen in diese Revolution gesetzt haben: die Besserung ihrer Lebensumstände, fairere Chancen und eine rechtsstaatliche, im weitesten Sinn demokratische Regierung.

Die Militärführung, die jetzt an der Macht ist, klammert sich an ihre Privilegien. Ich bin dennoch optimistisch, weil sich die Menschen noch eine ganze Weile daran erinnern werden, was sie in diesem Frühjahr aus eigener Kraft erreicht haben. Man kann nur hoffen, dass die Bildung einer Militärjunta - die viele prognostizieren - auf den Widerstand breiter Bevölkerungskreise treffen wird.

Die Motivationen der Demonstranten am Tahrir Platz waren doch recht unterschiedlich. Es ging um demokratische, soziale, frauenrechtliche Forderungen. Prägt das auch die gegenwärtige politische Situation?

Neben all den Unterschieden, gibt es doch einen gemeinsamen Nenner: Die Menschen sind unter Einsatz ihres eigenen Lebens aufgetreten gegen Korruption, Repression, massive Einschüchterung durch die Politik. Sie wollen eine Gesellschaft, die fair und gerecht regiert wird, mit Transparenz und Mitbestimmung. Unabhängig davon, wie viel Islam man in diesem Rechtsstaat will.

Wo stehen hier die Salaphisten?

Bei den Salaphisten wissen wir noch nicht genau, wie sie hier einzuordnen sind und wer hinter ihnen steht. Denn diese Männer - ich kenne hier keine prominenten Frauen-, die bei den Wahlen recht gut abgeschnitten haben, waren nicht bei der Revolution dabei. Viele haben noch Anfang dieses Jahres dagegen gepredigt, auf die Straße zu gehen und einen Umsturz zu suchen. Sie sind also in keiner Weise Träger dieses Umsturzes, sie könnten höchstens Nutznießer der Revolution werden. Sie haben zwar nicht die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, aber zu viele, wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf.

Ist durch diesen arabischen Frühling die politische Komponente, die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung in den Islamwissenschaften noch stärker geworden, als früher?

Ganz sicher. Wenn man zynisch ist, kann man sagen, dass die Islamwissenschaften und bestimmte Regionalwissenschaften von den Krisen leben. Wir "profitieren" auch von dem momentanen Umbruch. Doch der ist glücklicherweise positiv konnotiert.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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