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Fotomontage von Miles Davis und Beethoven

Beethoven und Miles Davis sind ansteckend

Sind wir unseren Freunden so ähnlich, weil wir sie nach unseren Vorlieben auswählen, oder passen wir uns im Lauf der Zeit an, bis wir einander ähnlich sind? Zumindest auf Facebook-Freunde trifft Ersteres zu, sagen Sozialforscher. Es gibt aber auch Ausnahmen: Die Liebe zu klassischer Musik und zu Jazz wird von Freunden erlernt.

Netzwerkforschung 20.12.2011

Beethoven und Miles Davis scheinen also ansteckend zu sein, lässt sich aus der Studie eines Soziologenteams um Kevin Lewis von der Universität Harvard in Cambridge schließen.

Die Studie:

"Social selection and peer influence in an online social network" von Kevin Lewis und Kollegen ist in den "PNAS" erschienen.

Zwei Erklärungsmodelle

Vom Kindergarten über den Berufsalltag bis zum Altersheim neigen Menschen eher zu Freunden mit ähnlichen Vorlieben und Eigenschaften. Wie es zu dieser sozialen Homophilie kommt, ist aus Sicht der Sozialwissenschaft nicht eindeutig klar, zwei Mechanismen werden aber zumeist als Erklärung genannt.

Die eine lautet volkstümlich: "Gleich und gleich gesellt sich gern". Die andere geht davon aus, dass sich Eigenschaften in Netzwerken ausbreiten, sich die Mitglieder von Gruppen also gegenseitig in ihrem Verhalten beeinflussen und nach und nach ähnlicher werden.

Welcher der beiden Mechanismen stärker wirkt, ist empirisch nicht so einfach zu untersuchen. Zumindest für jenen Teil der Soziologie, der sich nur für das messbare Verhalten der Menschen interessiert, bietet das Internet eine immer bessere Möglichkeit dazu.

Facebook-Profile vier Jahre lang untersucht

Ö1 Sendungshinweise:

Miles Davis ist zu hören in Apropos Musik (23.12., 15.05 Uhr) und in "Es war, als hätt' der Himmel ..." (24.12., 22.30 Uhr), Ludwig van Beethoven u.a. in Aus dem Konzertsaal (23.12., 19.30 Uhr).

Konkret haben Kevin Lewis und seine Forscherkollegen die Facebook-Angaben von 1.600 Studenten eines US-College analysiert. Zwischen 2006 und 2009 überprüften sie einmal pro Jahr die Informationen ihrer Profile, was Freundschaften und persönliche Vorlieben betrifft - mit Billigung von Facebook, wie sie betonen.

Um die Vorlieben zu vergleichen, bildeten die Forscher für die Kategorien Musik, Filme und Bücher insgesamt 15 Geschmacksgruppen. In der Musik z.B. "Pop", "Rock" und "Klassik bzw. Jazz", bei den Filmen etwa "Blockbuster" und "Liebesfilme" und bei Büchern z.B. "existenzielle" und "alte Favoriten".

Diesen 15 Clustern ordneten sie die insgesamt über 10.000 konkreten Vorlieben der Studenten zu. Aus methodischen Gründen verwendeten sie nur die 100 jeweils am häufigsten genannten. Da nur von rund 200 Studenten Daten aus allen vier Untersuchungsjahren vorhanden waren, werteten die Forscher auch nur diese aus.

Rocker unter sich

Der wichtigste Grund, warum die Studenten miteinander befreundet sind, ist ganz banal und heißt: räumliche Nähe. Die Tatsache, im gleichen Haus des College-Campus zu wohnen, erklärt eine mögliche Facebook-Freundschaft am besten. Auf den Plätzen dahinter: das Absolvieren der gleichen Studienrichtung, sozioökonomische und ethnische Ähnlichkeiten sowie die Verbundenheit durch einen gemeinsamen dritten Freund.

Aber auch die auf Facebook angegebenen Vorlieben spielen eine Rolle. Bei vier der 15 Geschmacksgruppen haben die Forscher einen statistisch signifikanten Zusammenhang gefunden: So freunden sich in der Musik Rocker und Klassik- bzw. Jazzliebhaber miteinander an, im Kino Fans von "dunklen Satiren" und "schlüpfrigen Komödien".

Vorlieben für bestimmte Bücher und alle anderen untersuchten Gruppen sind für das Entstehen einer Freundschaft hingegen statistisch irrelevant. Am wenigsten aussagekräftig - weil insgesamt am meisten unter den Studenten verbreitet - sind Vorlieben für "Popmusik", "Blockbuster" und "das College-Bücherregal".

Indie ist das Gegenteil von Klassik

Wenn man die Beeinflussung des eigenen Geschmacks über den Zeitraum von vier Jahren betrachtet, zeigt sich ein anderes Bild. Nur ein einziger der 15 Geschmackscluster ist dann von Freundschaft geprägt: die Klassik bzw. der Jazz. Wer einen Freund mit diesen Vorlieben hat, wird tendenziell selbst zum Beethoven- oder Miles-Davis-Fan.

Alle anderen Vorlieben sind laut den Forschern hingegen nicht ansteckend. Bei "Indie-Music" ist sogar das Gegenteil der Fall. Wer einen Freund mit einem Faible für die alternative Musikrichtung hat, tendiert dazu, sie nach einiger Zeit selbst abzulehnen.

Eine Frage des Kulturstatus

Kevin Lewis und seine Kollegen erklären dies mit dem sehr unterschiedlichen Stellenwert der Musikrichtungen. "Klassik bzw. Jazz könnten deshalb speziell 'ansteckend' sein, weil sie als Signal für einen hohen Kulturstatus gelten. Studenten mit Freunden, die Indie-Musik mögen, scheinen sich hingegen symbolisch von ihnen zu distanzieren", schreiben sie in ihrer Studie.

Generell würden sich zumindest auf Facebook eher Menschen treffen, die bereits über gleiche Interessen verfügen. Ihre Interaktionen würden in erster Linie dazu dienen, die vorhandenen Beziehungen zu stärken.

Aus der Online-Welt auf die reale schließen wollen die Forscher nicht. Sie bezeichnen die Facebook-Friends als eine Form von "schwacher Sozialbeziehung". Im echten Leben ist die Frage nach der Homogenität von Gruppen noch ein bisschen komplizierter.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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