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Blutprobe für Aidstest

Top-Wissenschaft 2011: Aids-Prophylaxe

Wie üblich hat das Fachblatt "Science" auch heuer wieder die "wissenschaftlichen Durchbrüche des Jahres" vorgestellt. Sieger 2011: Aids-Therapie mit prophylaktischer Wirkung. Auf den Plätzen: Kometenverwandtschaften und Liebe unter Urmenschen.

"Breakthrough" 23.12.2011

"Früher dachten wir, man müsse sich entweder für Behandlung oder für Vorbeugung entscheiden. Wir sollten das so schnell als möglich vergessen. Denn Behandlung ist Vorbeugung." Wenn ein erfahrener Aids-Forscher wie der US-Amerikaner Myron Cohen einen Paradigmenwechsel ausruft, dann hat das schon etwas zu bedeuten.

Anlass für die Neubewertung ist eine klinische Studie, die im August dieses Jahres veröffentlicht wurde. Sie zeigte: Antiretrovirale Medikamente (kurz ARVs) reduzieren nicht nur die Zahl der HI-Viren im Blut. Sie verringern auch das Übertragungsrisiko - bei heterosexuellen Paaren um ca. 96 Prozent.

Erst Skepsis, dann Begeisterung

Dabei standen Forscher den ARVs bis vor kurzem durchaus skeptisch gegenüber. Die Schweizer Aids-Kommission warnte etwa 2008 noch davor, diese Medikamente als Schutz vor einer Ansteckung anzusehen. Die bisherigen Ergebnisse seien "unvollständig", die Schlüsse "irreführend", "unverantwortlich", "gefährlich". Auch Vereinte Nationen und WHO warnten, Kondome seien weiterhin unverzichtbar. Denn selbst wenn im Blut keine HI-Viren nachzuweisen seien, könnten die Erreger weiterhin in Samenflüssigkeit und Scheidensekret flottieren - und somit für eine Ansteckung sorgen. Doch eine große angelegte Studie, in Fachkreisen "HPTN 052" genannt, sorgte für den Umschwung.

1.763 Paare aus Afrika, Brasilien, Indien, Thailand und den USA hatten daran teilgenommen. Jeweils einer der beiden Partner hatte sich mit HI-Viren infiziert, war aber noch nicht an Aids erkrankt. Das Team um Studienleiter Myron Cohen teilte die Infizierten in zwei Gruppen: Eine erhielt sofort ARVs, die andere sollte sie erst dann bekommen, wenn die Zahl gewisser Immunzellen unter ein kritisches Niveau gefallen war.

"Neue Vision"

Eigentlich war geplant gewesen, die Studie bis zum Jahr 2015 laufen zu lassen und erst dann die beiden Gruppen zu vergleichen. Doch eine unabhängige Gruppe von Forschern, die die Daten beobachtete, drängte Cohen und Co. zu einer früheren Veröffentlichung. Bis zur Publikation der Ergebnisse im "New England Journal of Medicine" (Bd. 365, S. 493) hatten sich 28 Personen bei ihren Partnern mit HIV infiziert. Bis auf eine Ausnahme stammten alle aus jener Gruppe, die erst später ARVs hätte erhalten sollen.

Ö1-Sendungshinweis

Über die wissenschaftlichen Durchbrüche des Jahres berichtet auch die Sendung "Wissen aktuell", Freitag, 23. Dezember 2011, 13:55 Uhr

Die Forscher um Cohen stoppten daraufhin ihren ursprünglichen Plan und stellten die schützenden Medikamente ab sofort allen infizierten Probanden zur Verfügung. Wenngleich diese Geschichte von "Science" zum wissenschaftlichen "Breakthrough of the Year" gekürt wurde, ist damit Aids noch nicht besiegt. Die antiretroviralen Medikamente sind keine Impfung, sie müssen ein Leben lang genommen werden und sind außerdem sehr teuer.

Zu einer "Generation ohne Aids", wie sie jüngst von der Obama-Administration als Ziel formuliert wurde, ist es noch ein weiter Weg. Gleichwohl sei die Studie Anlass für Optimismus, sagt die Nobelpreisträgerin und HIV-Expertin Françoise Barré-Sinoussi: "Sie hat unsere Vision verändert."

Am Stockerl: Asteroiden und Urmenschen

In der Kategorie "Runners-Up" listen die Herausgeber von "Science" unter anderem folgende Erkenntnisse auf: Die japanische Raumsonde "Hayabusa" hat 2010 Proben des Asteroiden "25143 Itokawa" zur Erde gebracht. In diesem Jahr wurden die Analysen veröffentlicht, Resultat: Itokawa besteht aus dem gleichen Material wie die meisten auf der Erde gefundenen Meteoriten. Diese Verwandtschaft wurde bisher verschleiert, weil Asteroiden durch Sonnenwind und kosmische Strahlung stark verwittern.

Der "Denisova-Mensch" ist ein Vertreter der Gattung Homo, dessen fossile Überreste erst vor ein paar Jahren im südlichen Sibirien entdeckt wurden. Wie Genomanalysen zeigen, tragen wir modernen Menschen auch DNA unseres ausgestorbenen Verwandten in unserem Erbgut - und zwar bis zu fünf Prozent. Wie es dazu kam, ist noch nicht endgültig geklärt. Variante eins: Homo sapiens und Denisova-Mensch trafen einander vor 40.000 bis 60.000 Jahren in Ostasien und hatten Sex miteinander. Variante zwei: Der Neandertaler freundete sich zu dieser Zeit näher mit dem Denisova-Menschen an und gab die erworbenen Chromosomen seinerseits an Homo sapiens weiter.

Ausblick auf 2012

Einen Ausblick auf das Jahr 2012 bietet "Science" ebenfalls an. Ganz oben auf der Liste stehen - wenig überraschend - zwei physikalische Rätsel. Zum einen wird zu klären sein, ob Neutrinos tatsächlich mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Raum reisen können, wie jüngste Experimente nahelegen. Zum anderen erhoffen sich viele eine endgültige Antwort auf die Frage, ob es das Higgs-Teilchen - Überbringer der Masse im Universum - gibt. Falls nicht, ist keineswegs Enttäuschung angebracht.

Dann nämlich wird es erst recht spannend, weil die Forscher nach einer neuen Physik jenseits des Standardmodells der Elementarteilchen suchen müssen. Der Teilchenbeschleuniger des Forschungszentrums CERN steht dafür bereit: Die Energie der darin stattfindenden Teilchenkollisionen wird in den nächsten Jahren noch weiter erhöht - damit sollten die Physiker auch die exotischen Ideen ihres Theoriefundus überprüfen können.

Robert Czepel, science.ORF.at

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