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Kalenderblatt wird umgeblättert

Zeit für eine Reform

Schon jetzt wird darüber gesprochen, auf welche Wochentage der Heilige Abend und Silvester nächstes Jahr fallen werden, denn davon hängt auch die Zahl der arbeitsfreien Tage ab. Ein neuer Kalender könnte uns Forschern zufolge derartige Debatten in Zukunft ersparen und das Leben insgesamt vereinfachen.

Kalender 29.12.2011

Bei dem Modell, das der Astrophysiker Richard Conn Henry von der Krieger School of Arts and Sciences und der Wirtschaftswissenschaftler Steve H. Hanke von der Whiting School of Engineering entwickelt haben, gleicht ein Jahr dem anderen, jeder Kalendertag würde für immer auf denselben Wochentag fallen.

Von natürlichen Zyklen zum Kalender

Der Vorschlag ín "Globe Asia":

"Changing Time" von Steve H. Hanke and Richard Conn Henry

Kalender helfen dem Menschen seit Urzeiten, sich im Lauf der Dinge zurechtzufinden. Heute dienen sie meist der minutiösen Lebensplanung, zu Beginn ging es vor allem um langfristige Rhythmen - so konnte man etwa den Wechsel der Jahreszeiten einigermaßen überblicken. Den natürlichen zeitlichen Ablauf in ein brauchbares Schema zu pressen, ist allerdings gar nicht so einfach.

Die ersten Kalender orientierten sich an den Mondphasen, die auch die Basis des heutigen Monats sind. Sonnen- bzw. astronomische Zyklen bilden die Grundlage des Jahres. Hinzu kam noch das Wochensystem von sieben Tagen, welches vermutlich schon bei den Sumerern verwendet wurde - ein Rhythmus, der jedoch keine offensichtliche natürliche Basis besitzt, sondern wohl eher kulturell geprägt wurde.

Blöderweise enthalten beide naturgegebenen Zyklen keine runde Tagesanzahl: Die Zeit zwischen zwei gleichen Mondphasen dauert circa 29,531 Tage; ein astronomisches Erdenjahr etwa 365,2422 Tage.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Reform berichtet auch Wissen Aktuell am 29.12. um 13:55.

Verfeinerte Berechnungen

Wurden frühe Kalender noch nach Bedarf an diese kleinen Anomalien angepasst, versuchte man später mit Hilfe von Schalttagen und Schaltjahren die aufgetretenen Verschiebungen wieder einzuholen. Aber auch diese Regelungen mussten immer wieder verbessert werden. Die letzte große Kalenderreform war die Einführung des Gregorianischen Kalenders, der heute weltweit verwendet wird. In unseren Breiten wurde er bereits 1582 vom Papst verordnet, in China wurde er erst 1949 eingeführt.

Der zuvor gültige Julianische Kalender, der auf Julius Caesar zurückgeht, hatte zu massiven Problemen bei der Berechnung des christlichen Osterfestes geführt. Das Kalenderjahr war um etwa 11 Minuten länger als das Sonnenjahr.

Daher wurde das System für den Gregorianischen Kalender verfeinert: Eine übergeordnete Schaltregel schließt bestimmte Jahre, die eigentlich Schaltjahre gewesen wären, wieder davon aus. So wurde eine größere Genauigkeit erreicht, das Kalenderjahr weitgehend mit dem astronomischen Jahr synchronisiert. Der 21. März rückte wieder in unmittelbare Nähe zum astronomischen Ereignis des Primar-Äquinoktiums, der Frühlings-Tagnachtgleiche der nördlichen Erdhalbkugel.

Die Zeiten ändern sich

Aber obwohl der Kalender ziemlich perfekt funktioniert, wurde er seit seiner Einführung auch immer wieder kritisiert. Zeitgenössische Reformer wie Henry und Hanke haben sehr profane Argumente. Die vielen Unregelmäßigkeiten stören heute bei der Planung und führen vor allem im Geschäftsleben zu allerlei praktischen Problemen. So versucht man etwa im Finanzwesen die Anomalien des Kalenders mit verschiedenen Berechnungsmethoden zu umschiffen. Dadurch entstünden aber oft nur neue Komplikationen. Es wäre also höchst an der Zeit für einen entrümpelten Kalender.

Und so soll er aussehen: Im Gegensatz zu früheren Reformvorschlägen wird die Sieben-Tage-Woche beibehalten, ein vor allem für religiöse Menschen wesentlicher Punkt. Das Jahr soll 364 Tage haben. Auch soll es weiterhin 12 Monaten geben, die das Jahr allerdings in regelmäßige Viertel teilen. Jedes Viertel umfasst genau 91 Tage, zwei Monate mit dreißig Tagen, gefolgt von einem mit 31. Damit sich das alles langfristig mit dem Sonnenjahr ausgeht, wird alle fünf oder sechs Jahre ein Minimonat bzw. eine Zusatzwoche eingeführt - genau sieben Tage lang. Wie sich das berechnet, kann man auf der Website des "Hanke-Henry Permanent Calendar" nachlesen.

Herauskommen regelmäßige Jahre, in denen Feiertage, Geburtstage und andere Jubiläen immer auf denselben Wochentag fallen. Das ermöglicht laut Henry und Hanke eine sinnvolle Planung, im Arbeitsleben und in der Schule genauso wie in der Freizeit.

Idealer Zeitpunkt für den Start einer Übergangsphase wäre nach Ansicht der Forscher der 1. Jänner 2012. Sowohl im neuen als auch im derzeit gültigen Kalender sei dies ein Sonntag. Natürliches Abschlussdatum wäre der 1. Jänner 2017, da sei wiederum in beiden Modellen ein Sonntag. Fünf Jahre sollten für die Umstellung aller Systeme demnach reichen.

"Eine Zeit, ein Datum"

Die Reformabsichten von Henry und Hanke machen nicht beim Kalender halt, am liebsten würden sie gleich das ganze Zeitsystem erneuern, sprich vereinfachen. Sie wünschen sich eine ersatzlose Streichung aller Zeitzonen sowie der Sommerzeit. Die Einführung einer universalen Zeit würde unser aller Leben erleichtern.

Viele Zeitzonen innerhalb eines Landes sind aus wirtschaftlichen Gründen äußerst unpraktisch, daher habe beispielsweise die russische Führung 2010 zwei Zonen gestrichen, 2011 hat ebendiese auch die Sommerzeit zur gültigen Standardzeit erklärt. Global könnte die Synchronisierung laut den Forschern ebenfalls sehr hilfreich sein, man müssten nur seinen Stundenplan anpassen: Während einige nach wie vor von neun bis siebzehn Uhr arbeiten, beginnen andere einfach erst um 22 Uhr.

"Eine Zeit und ein Datum auf der ganzen Welt", davon träumen Henry und Hanke. "Alles würde sich Jahr für Jahr identisch wiederholen. Der Durcheinander durch Zeitzonen und Unregelmäßigkeiten wäre endgültig vorbei. Die Wirtschaft und somit wir alle würden profitieren." Ob der Rest der Welt ein dergestalt vereinfachtes und synchronisiertes Leben überhaupt will, bleibt abzuwarten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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