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Porträt Otto Neurath

Otto Neuraths politische Seite

Otto Neurath (1882-1945) ist vor allem als Ökonom, Philosoph, Soziologe und Bildpädagoge bekannt. Ein Wiener Politikwissenschaftler Wien hat die vielen Facetten des österreichischen "Universalgenies" untersucht und sich dabei vor allem der lange vergessenen politischen Seite Neuraths gewidmet.

Politikwissenschaftler 29.12.2011

Diese soll auch im Fokus einer für 2013 geplanten Biografie stehen, die im Zsolnay Verlag erscheint.

Mehr als ein Wissenschaftler

Neurath ist vor allem als Entwickler der "Wiener Methode der Bildstatistik" bekanntgeworden. Gemeinsam mit dem deutschen Grafiker Gerd Arntz setzte er seine Idee des "Bilder-Esperanto" um und entwickelte das Bildersprachen-System Isotype, welches er zur Veranschaulichung statischer Größen einsetzte.

Darüber hinaus war Neurath wichtiges Mitglied des "Wiener Kreises" sowie Gründer des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien und des Mundaneum Instituts in Den Haag: Nichts Geringeres als die Organisation des Weltwissens nach der Logik von Datenbanken sollte hier versucht werden. Als bekennender Sozialist zur Flucht zuerst in die Niederlande, dann nach Großbritannien gezwungen, verstarb Neurath 1945 in Oxford.

Neurath nur als Wissenschaftler zu verstehen, ginge aber an der Sache vorbei, so Günter Sandner von der Universität Wien im APA-Gespräch. Vor allem dessen politische Orientierung sei als Bindeglied zwischen den verschiedenen Aspekten seines Werks zu verstehen. Schon als Schüler sei Neurath stark politisiert gewesen: Durch seine erste Frau, die Feministin Anna Schapire inspiriert, hätte Neurath sich der sogenannten Frauenfrage gewidmet. Auch die soziale Frage sowie Bildung und Erziehung seien für ihn fundamental gewesen.

"Consulting sociologist of human happiness"

Schon 1919 war Neurath, der auch in Berlin studierte, Präsident des Zentralwirtschaftsamts der kurzlebigen Münchner Räterepublik gewesen. Nach Inhaftierung und gerichtlicher Verurteilung wegen Beihilfe zum Hochverrat wurde er nach Österreich ausgeliefert, wo er sich in der Sozialdemokratie engagierte und als Austromarxist galt. Der Bürgerkrieg 1934 zwang Neurath ins niederländische Exil.

Das Interesse für Statistik und Quantifizierung verweisen auf Neuraths wissenschaftliches und politisches Interesse am "menschlichen Glück", das laut Sandner zu einer entscheidenden Kategorie seiner weiteren Arbeit wurde. Die Betonung der gesellschaftlichen Notwendigkeit von "Planung" und die Vereinbarkeit von Planung und Freiheit wären wichtige Eckpunkte, die sich durch Neuraths gesamtes Wirken zögen.

Noch immer, so Sandner, könne man Neuraths Schriften mit großem Gewinn lesen. Vor allem im Lichte aktueller Krisen gewänne seine radikale Kritik am Kapitalismus eine neue Bedeutung. Auch die Frage der Endlichkeit natürlicher Ressourcen wäre von ihm in ihrer Brisanz schon erkannt worden. Bildung und Erziehung seien ebenso zentral gewesen: Vor allem seine neu entwickelte Bildersprache sei als Beitrag zur "visuellen Erziehung", als "Empowerment" kulturell und sozial Benachteiligter zu verstehen.

Neurath sei dabei stets auf der Suche nach der Grundlage für ein glückliches menschliches Zusammenleben gewesen. Als "sehr gute Selbstbeschreibung" sieht Sandner die kolportierte letzte eigene Berufsbezeichnung Neuraths: als "consulting sociologist of human happiness" wollte dieser sich verstanden wissen, als Wissenschaftler des menschlichen Glücks.

science.ORF.at/APA

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