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Szene aus dem Musical "Tanz der Vampire" im Wiener Ronacher

"Sehnsucht nach Magie"

"Eskapismus funktioniert immer", sagt der deutsche Kulturhistoriker Stefan Zahlmann. Im 19. Jahrhundert sei die Technik zentrales Motiv der utopischen Literatur gewesen, heute habe Magie die Science-Fiction abgelöst: Fantasy, nicht Wissenschaft, erfülle die Sehnsüchte der Leser.

Literatur 02.01.2012

Zahlmann ist seit kurzem Professor am Institut für Geschichte der Universität Wien und beschäftigt sich mit dem Menschenbild in den populären Medien der letzten 200 Jahre. Er untersucht, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse mit Utopien und technischen Visionen verbinden.

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich unter anderem mit Science-Fiction-Romanen vom 19. Jahrhundert bis heute. Jules Verne oder H.G. Wells zählen zu den Begründern dieses literarischen Genres. Gibt es inhaltliche Schwerpunkte, thematische Gemeinsamkeiten, die sich erkennen lassen?

Stefan Zahlmann: Der Science-Fiction-Roman des 19. Jahrhunderts ist stark technik- und zukunftsorientiert. Wenn sie an Jule Vernes denken, da werden viele Entwicklungen der Gegenwart "vorweggenommen". Der Wasserstoffmotor wird im 19. Jahrhundert schon als die zukünftige Energiequelle schlechthin dargestellt. Jules Verne beschreibt bereits damals die Möglichkeit, Wasserstoff als Energieträger zu nutzen. Er berichtet von Reisen zum Mittelpunkt der Erde, zum Mond oder zum Meeresgrund und beschreibt merkwürdige Szenarien der Verlorenheit einer Generation in einer feindlichen Welt.

Wie verändert sich die inhaltliche Ausrichtung der Science-Fiction im 20. Jahrhundert?

Stefan Zahlmann

Universität Wien

Der Kulturhistoriker Stefan Zahlmann forscht und lehrt im Rahmen der Professur für Geschichte und Theorie von Medienkulturen am Institut für Geschichte der Universität Wien.

Die Möglichkeit andere Welten, andere Dimensionen oder Räume zu entdecken, wird noch stärker problematisiert. Die Chance mit anderen Menschen oder Lebensformen zu kommunizieren rückt in den Mittelpunkt des Interesses. Das heißt, im 19. Jahrhundert steht vielleicht eher die Technik, im 20. und 21. Jahrhundert eher die interzivilisatorische Auseinandersetzung im Fokus der literarischen Auseinandersetzung.

Sind diese unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkte bezeichnend für die jeweilige Gesellschaft, in der die Romane entstanden sind?

Man meint sehr oft, dass Medien und allgemein kulturelle Phänomene immer ein Spiegel der Zeit sind, in der sie entstehen. Ich finde, diese Spiegelmetapher hinkt etwas. Denn ein Spiegel braucht kein Subjekt, um etwas widerzuspiegeln. Er spiegelt auch dann etwas wider, wenn keiner reinschaut. Die Auseinandersetzung, die ein Künstler oder ein Autor mit einem Phänomen sucht, ist jedoch eine subjektive, und sie basiert auf subjektiven Interessen und Darstellungsabsichten. Sein Erfolg hingegen verweist darauf, dass er möglicherweise gerade den Nerv der Zeit trifft.

Warum sind im 19. Jahrhundert sowohl Science-Fiction, als auch Fantasy-Geschichten so erfolgreich?

Es war eine Welt, die vor extremen Veränderungen stand. Die Wirtschaft globalisierte sich, die Migrationsbewegung globalisierte sich, es gab soziale Ungleichheit, die Arbeiterklasse wurde unterdrückt. All diese demographischen, zivilisatorischen, sozialen, technischen Veränderungen, und womöglich auch der permanente Kriegsdruck, führten dazu, dass sich die Menschen nach einem "Anderen", nach Ursprünglichkeit und Authentizität sehnten. Und dieses "Andere" konnte nicht von Politikern oder realen Machthabern kontrolliert werden, sondern von Gefühlen oder spirituellen Kräften.

Heute sind besonders Fantasy-Geschichten mit Zauberern und Vampiren am Markt besonders erfolgreich. Gibt es Zeiten, zu denen solche eskapistischen Inhalte mehr florieren als zu anderen?

Ö1-Sendungshinweis

Von Tag zu Tag, "Solaris - Stanislaw Lems Visionen", 22. Dezember 2011, 14:05

Eskapistische Geschichten funktionieren immer, grundsätzlich, egal ob Science-Fiction oder Fantasy. Aber die Form, in der diese Wirklichkeitsflucht formuliert wird, also mit welchen Narrativen sie erzählt wird, unterscheidet sich. Der Science-Fiction-Roman des 19. Jahrhunderts ist ganz klar eskapistisch. Aber er ist positiv konnotiert, weil der Fortschrittsoptimismus noch ungebrochen war. Es herrschte die Idee vor, dass wir mit Technik alles überwinden können, worunter wir leiden. Die Hoffnung, dass das Experiment "Zivilisation" gut ausgehen könne, war vor 200 Jahren wesentlich größer als heute.

Im Moment haben wir eine Art Fantasy-Eskapismus. Der Unterschied zwischen Fantasy und Science-Fiction ist ja ganz klar das Moment der "Magie". Science-Fiction ist technisch rational erklärbar und naturwissenschaftlich machbar. Zumindest in den Theorien, die den Geschichten zu Grunde gelegt werden und auch in den medialen Produkten. Hingegen ist "Magie" etwas völlig Vormodernes, Unwissenschaftliches und Untechnisches.

Heißt das, die Menschen haben heute Sehnsucht nach Erklärungen jenseits von Wissenschaft und Rationalität?

Harry Potter kann zaubern. Und diese Zaubergeschichten sind ja gerade ungemein erfolgreich. Mit Magie kann man alles erklären in der Welt. Es gibt eine Sehnsucht nach Lösungen allgemeiner Probleme und Konfliktkonstellationen durch bestimmte, irrationale Mittel. Und jetzt ist gegenwärtig die Zauberei sehr attraktiv.
Und der Vampirmythos auch. Unter anderem wegen dieses Aufgehens in der Unendlichkeit, das ja mit der "Vampirwerdung" verbunden ist. Vampire sind ja so gut wie unsterblich.

Aber Vampirmythen sind doch schon lange, in regelmäßigen Abständen immer wieder erfolgreich?

Gar nicht so lange wie allgemeinhin angenommen wird. Der Vampirmythos ist eine Erfindung der Romantik und des späten 19. Jahrhunderts. Damals sind die klassischen Texte dieses Genres entstanden. Und er hat damals funktionieren können, weil man eben vorab ganz andere eskapistische Mythen hatte, nämlich diese technizistische Hoffnungen. Aber es war zu jeder Zeit klar, dass es keine Vampire gibt.

Existieren Vampirgeschichten nicht schon viel länger?

Es wird immer gesagt, der Volksglaube hätte einen besonderen Hang zum Vampirismus und diese Geschichten würden seit Jahrhunderten überliefert. Aber das stimmt eben nicht. Im 19. Jahrhundert werden unglaublich viele Mythen rückwärts "gestiftet". Etwa die Geschichten von Hexen, von weisen heilenden Frauen, von Vampiren oder Werwölfen. Die Grundzüge werden zwar durchaus aus mittelalterlichen Texten entnommen. Aber da wird dann oft von einer Kontinuität vom 8. bis ins 18. Jahrhundert gesprochen - und die existiert de facto nicht.

Gerade heute florieren diese Mythen in der kommerziellen Literatur, in Kinofilmen und im Fernsehen. Ist die technisch und wissenschaftlich "fundierte" Science-Fiction aus der Mode gekommen?

Der Trend ist schon so. Und vor dem Trend zeichnen sich die Ausnahmen ab, die den Trend dann bestätigen. Die Wissenschaft sucht ja auch immer nach diesen Ausnahmen.
Wenn sie Vladimir Sorokin nehmen, einen russischen Utopisten der Gegenwart, dann finden wir in seinen Werken durchaus Science-Fiction-Elemente. Er ist natürlich kommerziell nicht so erfolgreich wie Harry Potter oder die Twilight-Saga.

Bei Sorokin wirkt das Image der rationalen und kalten Science-Fiction als Stilmittel. Da wird eine ganz aktuelle Gesellschaftskritik überhaupt nicht mehr mythisch verpackt, sondern ganz brutal, kalt und technizistisch dargestellt. Und bevor jetzt auf einmal alle in Moskau demonstriert haben, war die Luft der Meinungsfreiheit knapp und das Atmen viel schwer. Da brauchte man diese Form der Literatur, um über Alternativen zu dem bestehenden System nachdenken zu können. Auch das ist eine Form von Eskapismus.

Marlene Nowotny, science.ORF.at

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