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Toilettentür mit männlichem und weiblichem Symbol

Riesendistanz zwischen Venus und Mars

Frauen und Männer sind noch unterschiedlicher als bisher gedacht. Das jedenfalls behauptet ein Team von Psychologen, das eine ältere Studie über die Persönlichkeitsmerkmale von 10.000 US-Bürgern und -Bürgerinnen neu ausgewertet hat. Die "Distanz zwischen Venus und Mars" wurde bisher unterschätzt, meinen sie.

Psychologie 05.01.2012

Das lag vor allem an den bisher angewandten, unzureichenden statistischen Verfahren, betonen der Psychologe Marco Del Giudice von der Universität Turin und seine - durchwegs männlichen - Forscherkollegen.

Frauen seien deutlich sensibler und fürsorglicher als Männer, letztere neigen dafür signifikant mehr zu dominantem Verhalten und sind gefühlsmäßig stabiler.

Die Studie:

"The Distance Between Mars and Venus: Measuring Global Sex Differences in Personality" Marco Del Giudice und Kollegen ist in der Open-Access-Fachzeitschrift "PLoS One" erschienen.

Selbsteinschätzung der Persönlichkeit

Die Frage, inwieweit sich Männer von Frauen unterscheiden oder nicht, wird von Soziologie, Psychologie, Biologie und anderen Disziplinen verschieden beantwortet, und diese Antworten haben sich im Laufe der Zeit auch immer wieder geändert.

Wenn in den vergangenen Jahren verstärkt versucht wurde, mit Hilfe von genetischen oder neurologischen Studien nach den fundamentalen Differenzen zu suchen, so werfen Kulturwissenschaftler zurecht ein, dass auch diese Studien nicht unbeeinflusst sind von der konkreten historischen und gesellschaftlichen Situation.

Insofern ist auch die aktuelle Studie ein Baustein eines Puzzles, das sich "Geschlechterdifferenz" oder belletristisch gerne "Venus vs. Mars" nennt. Del Giudice und seine Kollegen haben sich jenen Ausschnitt gewählt, der die Selbsteinschätzung von Persönlichkeitsmerkmalen betrifft.

Gar nicht so viele Unterschiede?

In einer Aufsehen erregenden Studie aus dem Jahr 2005 wollte die US-Psychologin Janet Hyde von der Universität Wisconsin diesbezüglich herausgefunden haben, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.

Laut ihrer Metaanalyse differierten 78 Prozent der untersuchten Eigenschaften nicht oder nur sehr schwach zwischen den Geschlechtern. Dazu gehören etwa Fähigkeiten zur mathematischen Problemlösung, das Übernehmen von Führungsrollen, Impulsivität, Selbstwertgefühl und Redseligkeit.

Klare Unterschiede zeigten sich laut Hyde nur in wenigen Bereichen wie in manchen motorischen Belangen und dem Hang zu körperlicher Aggression, die beide bei Männern ausgeprägter sind. Die Psychologin plädierte daher dafür, das verbreitete Differenzmodell durch eine Ähnlichkeitshypothese zu ersetzen, da letztere viel besser von den empirischen Daten gestützt werde.

Differenz- vs. Ähnlichkeitshypothese

Die "Gender similarities hypothesis", wie Hyde ihre Studie auch nannte, wurde in Folge sehr einflussreich. Bis 2010 brachte sie es etwa in der Zitatsionsdatenbank ISI auf 247 Einträge, wie nun del Giudice und seine Kollegen betonen.

Auf der anderen Seite des Spektrums gebe es zahlreiche Studien, die psychologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen aus den verschiedenen Bedingungen im Evolutionsprozess abgeleitet haben. Persönlichkeitsmerkmale verhalten sich ihnen zufolge nicht neutral gegenüber der sexuellen Selektion, sondern Gefühle, Verhalten bis hin zu Gedanken sind deren Folgen.

Die beiden Psychologen Alastair Davies und Todd Shackelford haben deshalb konsequenterweise von "two human natures" gesprochen.

Die großen Fünf der Persönlichkeitspsychologie

Welche der beiden Richtungen auch recht hat: Am wichtigsten sei eine möglichst exakte empirische Datenlage, beschreiben del Giudice und seine Kollegen ihr aktuelles Ansinnen.

Für ihre Studie werteten sie die Daten des Persönlichkeitstests 16PF aus, der in den 1940er Jahren entwickelt wurde und von fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit ausgeht: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Rigidität bzw. Gewissenhaftigkeit.

Diese "Big Five"der Persönlichkeitspsychologie kann man in mehrere Unterkategorien aufteilen, in der aktuellen Studie sind die Forscher von 15 Merkmalen ausgegangen. Die verwendeten Daten stammen von rund 10.000 im Jahr 1993 befragten US-Bürgern, rund die Hälfte davon Frauen.

Frauen sensibel, Männer dominant

Bei der Auswertung der Daten zeigten sich verschiedene Unterschiede zwischen Männern und Frauen, je nachdem welches statistische Verfahren angewandt wurde. Bei univariaten Analysen der 15 Persönlichkeitsmerkmale waren die Differenzen noch relativ gering: Frauen sind laut Selbsteinschätzung deutlich "sensibler, wärmer und fürsorglicher", Männer "emotional stabiler, dominanter und regelbewusster".

Wandten die Forscher hingegen eine multivariate Analyse an, mit der sozusagen ein Gesamtprofil der Persönlichkeit erstellt werden kann, wurden die Unterschiede riesengroß. Je nach Methode überschnitten sich die Eigenschaften von Männern und Frauen verschieden gering, im Minimalfall waren es nur zehn Prozent.

"Wir glauben, dass das wahre Ausmaß der Geschlechterdifferenz in Sachen Persönlichkeit bisher durchwegs unterschätzt wurde", schreiben del Giudice und seine Kollegen in ihrer Studie. "Unsere Daten sind eine deutliche Verbesserung der bestehenden Literatur", urteilen sie selbstbewusst und raten ihren Kollegen, es ihnen methodisch gleichzutun.

Einwand gegen mögliche Einwände

Als gewiefte Forscher begegnen sie auch gleich möglichen Einwänden. Zwar basiere ihre Studie auf Selbsteinschätzungen von Frauen und Männern, die sozial erwünschte oder geschlechtsstereotype Antworten beinhalten könnten. Dies treffe aber zum einen auch auf ältere Studien zu, inklusive jener von Janet Hyde.

Zum anderen gebe es Beweise, dass Selbsteinschätzungen die wahren Unterschiede nicht nur nicht verstärken, sondern sogar reduzieren würden. Eine ältere Studie etwa habe gezeigt, dass in Ländern, in denen die gesellschaftlichen Geschlechterunterschiede objektiv geringer waren, die persönlichen Selbsteinschätzungen von Männern und Frauen weiter auseinanderlagen.

Dass auch die statistische Herangehensweise an das ewige Problem von "Mars und Venus" nicht frei von kultureller Beeinflussung ist, beweist in jedem Fall ein Detail der Arbeit von del Giudice und Kollegen. Bei der Effektstärke, ein wichtiges Maß für die Unterschiede der Persönlichkeitsmerkmale, verwenden sie die Vorzeichen so: Bei Männern steht für einen höheren Wert ein Plus, bei Frauen ein Minus.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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