Standort: science.ORF.at / Meldung: "Sechs Genome, ein Körper "

junger Rhesusaffe

Sechs Genome, ein Körper

US-Forscher haben bis zu sechs verschiedene Embryonen im Reagenzglas zusammengesetzt und in die Gebärmutter weiblicher Rhesusaffen implantiert. Diese brachten laut Aussage der Forscher gesunde Affenbabys zur Welt. Die bizarre Methode könnte die Grundlagenforschung revolutionieren.

Affen-Chimäre 05.01.2012

Es mutet ein wenig frankensteinesk an, was Forscher um Shoukhrat Mitalipov im Fachblatt "Cell" berichten. Der Stammzellenforscher von der Oregon Health & Science University hat mit seinen Mitarbeitern erstmals Primaten-Chimären hergestellt. Chimären sind Tiere oder Pflanzen, die aus Zellen unterschiedlicher Organismen bestehen, und daher auch unterschiedliche DNA-Stränge in ihren Zellkernen tragen. Bei Mäusen sind solche Mischwesen längst Bestandteil der Forschung.

Bei Mäusen längst üblich

Die Studie

"Generation of Chimeric Rhesus Monkeys", Cell online (doi: 10.1016/j.cell.2011.12.007).

Wenn Forscher etwa die allerorten verwendeten Knockout-Mäuse herstellen (denen zu Studienzwecken bestimmte Gene aus dem Erbgut entfernt wurden), dann tun sie das über den Umweg einer Chimären-Generation. Primaten-Embryonen sind allerdings im Vergleich zu Maus-Embryonen ungleich sensibler.

Letztere entwickeln sich zu lebensfähigen Mischwesen, sofern man embryonale Stammzellen eines Tieres im Reagenzglas züchtet - und sie dann in die Blastocyste (ein frühes Entwicklungsstadium der befruchteten Eizelle) eines anderen Tieres implantiert.

Zwei junge Rhesusaffen

Rhesusaffe

Rheussaffen-Chimären namens Roku und Hex

Mosaik aus Embryonen

Bei Primaten funktioniert diese Methode nicht. Deshalb haben Mitalipov und Co. nun einen andere Ansatz gewählt: Sie verbanden bis zu sechs Embryonen im Vier-Zell-Stadium und setzten diese Aggregate in die Gebärmutter von Rhesusaffen ein. Offenbar erfolgreich: Die Leihmütter brachten gesunde Junge zur Welt, das Zellmosaik ihrer Körper scheint - bislang - klaglos zu funktionieren. "Die Zellen der verschiedenen Embryonen verschmelzen niemals", erklärt Mitalipov. "Aber sie bleiben zusammen und bilden Gewebe und Organe."

Hintergrund der Studie ist die Erkenntnis, dass zwischen embryonalen Stammzellen aus dem Reagenzglas und solchen aus einem lebendigen Embryo ein Unterschied besteht. Letztere dürften ein noch größeres Entwicklungspotenzial besitzen - vermutlich der Grund, warum die Mäusemethode bei Primaten nicht funktioniert.

Mitalipov will nun diese Unterschiede genauer erforschen, um Grundlagen für zukünftige Stammzelltherapien zu schaffen. Chimären aus menschlichen Embryonen müssten auf diesem Weg nicht hergestellt werden, betont er. Ethische Debatten wird das Experiment wohl dennoch auslösen.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: