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Die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI), Sabine Ladstätter

Eine Archäologin mit Millionen "Studenten"

Sabine Ladstätter wollte schon als Kind Archäologin werden. Seit zwei Jahren ist sie Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts und leitet die Grabungen in Ephesos. Nicht zuletzt weil alljährlich zwei Millionen Touristen in die antike Stadt pilgern und ihr historisches Wissen bereichern, ist sie Österreichs Wissenschaftlerin des Jahres 2011.

Wissenschaftlerin des Jahres 09.01.2012

Der Titel wurde der 43-jährigen Kärntnerin am Montagvormittag vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien verliehen. Mit dem Preis wird das Bemühen von Forschern und Forscherinnen gewürdigt, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen.

Ladstätter gelingt das u. a. damit, dass sie den Reiseführern von Ephesos zweimal im Jahr den aktuellen Stand der Forschung vorträgt, wie sie im Interview erzählt.

science.ORF.at: Sie haben einmal gesagt, dass Sie schon in der Volksschule wussten, was Sie später einmal werden wollen. Stimmt das?

Die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI), Sabine Ladstätter

APA, Georg Hochmuth

Sabine Ladstätter ist Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts und Grabungsleiterin in Ephesos.

Auszeichnung seit 1994

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs vergibt seit 1994 jährlich den Titel des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin des Jahres. Er zeichnet damit nicht die wissenschaftliche Qualität der Preisträger aus, sondern ihre Fähigkeit, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich vermitteln zu können.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Wissenschaftlerin des Jahres, Sabine Ladstätter, berichten auch die Ö1 Journale, 9.1., 12.00 Uhr.

Sabine Ladstätter: Ja. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, haben wir mit unserer Klasse die Grabungen auf dem Magdalensberg besucht. Ich wusste damals noch nicht, wie die Leute heißen, die da graben, also habe ich meine Lehrerin danach gefragt. Sie antwortete: "Archäologen", und das wollte ich dann werden.

Was hat Sie als Kind so fasziniert?

Dass sich unter der Erde etwas verbirgt. Ich hatte diese kindliche Neugier, nach etwas zu suchen. In dem Dorf Lassein, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich mit meinen Cousins dann auch gleich im Garten gegraben.

Etwas gefunden?

Nein, leider nichts außer Kartoffeln (lacht).

Den Preis als Wissenschaftlerin des Jahres bekommen Sie in erster Linie für die Vermittlung von Wissenschaft. Die Archäologen haben es da im Vergleich zu anderen Disziplinen eher leicht.

Das stimmt. Wir produzieren Bilder und argumentieren auch mit ihnen. In unserer stark visuell geprägten Zeit ist das einfacher als mit Texten. Andererseits ist das in der Archäologie immer so gewesen, und der expliziten Frage nach Wissensvermittlung hat man sich erst seit wenigen Jahren gewidmet. Ich denke: Wir werden von der öffentlichen Hand bezahlt, deshalb ist es richtig und wichtig, unsere Forschungsergebnisse auch einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Was machen Sie da konkret?

Neben aktiver Medienarbeit auch sehr viele populärwissenschaftliche Vorträge: in Österreich und in der Türkei, auf Deutsch, Englisch und Türkisch. 2011 waren es 30 derartige Vorträge, u. a. auch zwei vor Reiseleitern in Ephesos. Jedes Jahr kommen zwei Millionen Touristen, um sich die Ausgrabungen anzusehen. Wir hören natürlich, was die Reiseleiter erzählen. Ihnen fehlt meistens der Wissensstand der letzten Jahre, weil zwischen Entdeckung und Publikation von Ausgrabungen immer Zeit vergeht. Das ist schade, weil meines Erachtens auch die Touristen wissen sollten, was der aktuelle Stand ist. Deshalb halte ich die Vorträge für die Ephesos-Führer ab. Es kommen Hunderte von ihnen und sie geben dann das Wissen an die Touristen weiter.

Sie sind seit 2009 Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts, das von Franz Joseph gegründet wurde. Wie ist es, Leiterin einer Institution zu sein, die seit über 100 Jahren mehr oder minder das Gleiche macht?

Das Schwierige ist, diese Tradition einerseits wertzuschätzen, weil es ohne sie z. B. Archive nicht geben würde, die wirklich einzigartig sind, und andererseits ein modernes Unternehmen daraus zu machen. Sinnvolle Traditionen sollen fortgesetzt werden, wenn sie aber nur der Tradition wegen existieren, muss man auch mit ihnen brechen und Innovationen einführen, etwa was die Digitalisierung unserer Ergebnisse betrifft oder die Evaluation ganzer Forschungsfelder.

Wo hat es z. B. solche Brüche gegeben?

Etwa in Carnuntum, wo das Österreichische Archäologische Institut immer beteiligt war, das Projekt aber in den letzten Jahren vom Land Niederösterreich übernommen wurde und blendend geführt wird. Oder in Ephesos, wo wir die Grabungen umstrukturiert haben. Früher hat man an einzelnen Stellen geforscht: Einige Forscher gruben an dieser Stelle, andere an jener. Ich habe das aufgelöst und übergreifende Fragestellungen als Dach über die Grabung gestellt, z. B. "Kult und Herrschaft". Dem widmen sich heute mehrere Kollegen mit unterschiedlichen Ansätzen. Ich persönlich arbeite am Kaiserkulttempel, eine Kollegin am Artemision usw.

Das Wissen um Ephesos wird laufend erweitert. Was ist der Letztstand, speziell was das Ende der antiken Stadt betrifft?

In Ephesos war die Forschung stark auf die klassische griechisch-römische Antike konzentriert, was mit dem Monumentenbestand zu erklären ist, der hauptsächlich aus dieser Zeit stammt. Ich wollte aber speziell die Spätzeit nach der großen Blüte im fünften und sechsten Jahrhundert untersuchen, habe deshalb gezielte Grabungen gemacht und Quellen ausgewertet.

Wir wissen heute, dass die Stadt im Gegensatz zu früheren Ansichten nicht im siebenten Jahrhundert abgesiedelt wurde, sondern bis ins 14. Jahrhundert besiedelt blieb, wenn auch viel geringer und auf andere Weise. Die Stadt wurde verländlicht, es gab plötzlich Häuser mit großen Gärten und Weiden. Die Gesellschaftsstruktur der griechischsprachigen Byzantiner mit christlichem Glauben hat sich stark gewandelt.

Nur zwei Kilometer von Ephesos entfernt entwickelte sich ab dem zehnten Jahrhundert die türkische Stadt Ayasoluk mit einer großen Blüte im 14. Jahrhundert. Diese beiden Ansiedlungen, die eine christlich, die andere muslimisch, verbindet eine starke handelstechnische Anbindung: Viele Straßen mündeten hier aus dem Hinterland, dazu kam der Hafen, mit dem man die Waren verschiffen konnte. Der Handel blieb bis in die frühe Neuzeit die zentrale Lebensader der beiden Städte.

Wie kam es dann zum Ende?

Ab dem 14. Jahrhundert wurde Ephesos abgesiedelt, vermutlich wegen der Malaria, die das Sumpfgebiet immer unbewohnbarer gemacht hat. Die Einwohner zogen sich in die Berge zurück. Auch die Türken verließen Ayasoluk im 17. Jahrhundert wegen der immer unwirtlicher werdenden Umgebung. Als Österreich dort 1895 zu graben begonnen hat, war der Ort praktisch abgesiedelt. Die gesamte Infrastruktur der Region resultiert aus dem Grabungsunternehmen Ephesos und dem sich daraus entwickelnden Tourismus.

Warum führt die Türkei heute die Ausgrabungen nicht selber durch?

Zum einen sind das historisch gewachsene Strukturen. Als die Archäologie in Mitteleuropa als Wissenschaft entwickelt wurde, war sie das im Osmanischen Reich noch nicht. Die Situation hat sich stark geändert, die Türkei hat heute ein gutes Universitäts- und Ausbildungssystem und dementsprechend auch eine entwickelte archäologische Wissenschaft. Wir versuchen jetzt in Form von Kooperationen die Grabungsprojekte weiterlaufen zu lassen. Ephesos ist eine österreichische Lizenz, aber ein hoch internationales Unternehmen. Der Hauptanteil der Mitarbeiter stammt aus Österreich, Deutschland, der Türkei und Italien, dazu kommen aber noch 17 weitere Nationen. Die Türkei ist so reich an Funden und an Fundplätzen, dass Türken und Ausländer hier sehr gut miteinander arbeiten können.

Und das wird so bleiben?

Ich denke schon.

Bei Ihrer Bestellung zur Grabungsleiterin in Ephesos vor zwei Jahren ist es zu Unstimmigkeiten gekommen. Das hatte mit Ihrem Vater zu tun, der bis heute Obmann des Kärntner Abwehrbundes ist und dem von der türkischen Seite "antitürkische Einstellungen" vorgeworfen wurden. Ist das korrekt?

Ja, das stimmt.

Sie sollen sich mit ihm über seine Ansichten gestritten haben. Worum ging es da konkret?

In unserer Familie wurde sehr viel diskutiert, wobei ich keine antitürkischen Aussagen von ihm kenne. Sehr wohl aber haben wir viel über die Slowenenfrage in Kärnten gesprochen. Er kennt meinen Standpunkt und ich seinen, aber das sind Diskussionen, die wir vor 20 Jahren geführt haben. Wir sind draufgekommen, dass wir da keinen gemeinsamen Nenner finden und dennoch ein zufriedenes Familienleben führen können.

Wie ist da Ihr Standpunkt?

Nur so viel: Ich habe mich im Sommer 2011 sehr gefreut, als es endlich eine Lösung für die Ortstafelfrage in Kärnten gegeben hat. Ich habe die slowenische Minderheit immer als ganz große Bereicherung empfunden und auch sehr viele slowenische Freunde. Und ich habe über den Hemmaberg bei Globasnitz dissertiert, wo ich auch einige Zeit gewohnt habe.

Apropos Zweisprachigkeit: Sie haben eine heute siebenjährige Tochter, die auch Türkisch spricht ...

Sie ist in Ephesos aufgewachsen, Türkisch ist nicht nur ihre Sprache, sondern auch Teil ihrer Kultur und Identität. Mein Lebensgefährte und ich legen großen Wert darauf, dass sie sich diesen Schatz der Zweisprachigkeit erhält. In Wien hat sie deshalb ein sehr nettes türkisches Kindermädchen, das auf sie aufpasst. Ich selbst spreche nicht so gut Türkisch, aber wenn türkische Freunde kommen, sagen sie, dass unsere Tochter das sogar akzentfrei tut.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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