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1936: Schild mit Aufschrift "Juden verboten!"

"Selbstmord war Selbstbehauptung"

Selbstmorde sind das Forschungsthema des deutschen Historikers Christian Goeschel. Er hat die Geschichte Deutschlands 1918 bis 1945 als eine Geschichte persönlicher Dramen nachgezeichnet. Fazit: Im "Dritten Reich" war der Freitod für Verfolgte oft die letzte Möglichkeit, Würde zu bewahren.

Interview 12.01.2012

science.ORF.at: Was sagen die Selbstmorde zwischen 1918 und 1945 über den Zustand der damaligen Gesellschaft?

Christian Goeschel: Sie sagt uns insofern etwas über den Zustand einer Gesellschaft, als sich die Zeitgenossen der Selbstmörder mit dem Phänomen auseinandergesetzt haben. Für das nationalsozialistische Regime war der Selbstmord ein moralischer Indikator für den Zustand der deutschen Gesellschaft.

Die Selbstmordraten waren während des Dritten Reiches sehr hoch, weswegen die Nationalsozialisten versuchten, Medienberichte zu vermeiden und entsprechende Statistiken zu unterdrücken.

Christian Goeschel

Francesco Filangeri

Zur Person

Christian Goeschel, Jahrgang 1978. Studium der Geschichte an den Universitäten York und Cambridge. Forschungsaufenthalte in Berlin und Washington, DC. Promotion in Cambridge bei Richard Evans.

Unterrichtet Neuere Europäische Geschichte am Birkbeck College der University of London. Ab Februar 2012 berufen an die Australian National University in Canberra. Spezialisiert auf die Geschichte des Dritten Reiches und des faschistischen Italiens.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 12.1., 13:55 Uhr.

Den Selbstmord als Indikator zu deuten ist allerdings nicht neu. Das hatten zuvor bereits Soziologen versucht - wenngleich mit ganz anderen Motiven.

Man könnte sogar sagen, die Soziologie wurde begründet durch eine Selbstmordstudie. Emile Durkheim hat 1897 in "Le Suicide" versucht, Selbstmorde als Moralstatistik zu interpretieren.

Zwar betrachten Historiker und Soziologen diesen Ansatz mittlerweile relativ skeptisch - dennoch handelt es sich dabei um eine wichtige intellektuelle Tradition. Die Selbstmorde zwischen 1918 und 1945 spiegeln meiner Ansicht nach die ökonomischen, politischen und sozialen Umstände dieser Zeit wider.

Was zeigt der statistische Vergleich zwischen Weimarer Republik und Drittem Reich?

Wenn man von zwei Hauptereignissen - nämlich der Selbstmordwelle der deutschen Juden sowie der Selbstmordepidemie 1945 gegen Kriegsende - absieht, sind die statistischen Unterschiede nicht allzu groß.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Die Selbstmordraten stiegen kontinuierlich seit 1918 und sie stiegen weiter, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren. Und zwar trotz des nationalsozialistischen Getöses bzw. der Angeberei, man hätte sämtliche Gründe für Selbstmorde beseitigt - das war nicht der Fall.

Die Nationalsozialisten haben in den 1930ern versucht, die Selbstmorde während der Weimarer Republik politisch für sich zu nützen.

Sie waren natürlich nicht die einzigen, die das Weimarer System dafür verantwortlich gemacht haben. Das zog sich durch das gesamte politische Spektrum. Ich habe auch die Presseberichte während der Weimarer Republik ausgewertet.

Deren Grundtenor: Die Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Versailler Vertrag und die Reparationszahlungen an die Alliierten hätten die hohen Selbstmordraten bedingt. Die Menschen glaubten damals daran - das historisch nachzuweisen, ist allerdings sehr schwierig.

Tote Frau auf einem Sofa

Suhrkamp

"Selbstmord im Dritten Reich" von Christian Goeschl, Suhrkamp Verlag, 338 Seiten, ISBN: 978-3-518-42269-4

In den Medien wurde auch die Hypothese ventiliert, Selbstmorde hätten mit drei Faktoren zu tun: der Urbanisierung, Säkularisierung und Modernisierung des Lebens.

Aus heutiger Sicht würden das Selbstmordexperten wohl als völlig abstrus bewerten. Gleichwohl müssen wir diese Diskussionen als Historiker ernst nehmen. Ich habe mich zum Beispiel mit dem Berliner Pastor Gerhard Füllkrug auseinandergesetzt. Er war in der Weimarer Zeit einer der wichtigsten Protagonisten der Selbstmordprävention, schrieb Bücher und hielt Vorträge zu diesem Thema.

Und auch er behauptete: Die Modernisierung sowie die Tatsache, dass die Leute nicht mehr so oft in die Kirche gehen würden - das seien die Hauptursachen für die Selbstmorde dieser Zeit.

Kommen wir zum Dritten Reich. Ihrer Studie zufolge müssen die Selbstmorde auch als Akte der Selbstermächtigung in einem repressiven System gelesen werden.

Der Selbstmord ist der individuellste Akt, den der Mensch begehen kann. Speziell für jene, die im Dritten Reich politisch oder rassisch verfolgt wurden, war der Freitod - um diesen Begriff zu gebrauchen - das letzte Mittel, um Würde zu bewahren. "Selbstbehauptung" ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wort.

Ein Beispiel dafür ist etwa der Wiener Literat und Kulturphilosoph Egon Friedell, der 1938 aus dem Fenster sprang - nicht ohne die Passanten auf der Straße mit dem Ausruf zu warnen: "Treten Sie zur Seite!"

Egon Friedell stürzte sich aus dem Fenster seiner Wohnung in der Gentzgasse 7 im 18. Bezirk, weil SA-Leute an seine Wohnungstür geklopft hatten. Übrigens nicht um ihn zu verhaften, sondern um ihn einzuschüchtern, weil er dem Regime aufgrund seiner Publikationen ein Dorn im Auge war. Friedell ist ohne Zweifel ein wichtiges Beispiel der Selbstbehauptung, aber es gab hunderte Fälle unter Wiener Juden nach der Annexion Österreichs:

Die Brutalität des Antisemitismus ab dem März 1938 war beispiellos und stellte alles bisher Gewesene in den Schatten. Es gab so viele Selbstmorde, dass auch die ausländische Presse in Frankreich, Großbritannien und den USA darauf aufmerksam wurde und darüber kritisch berichtete.

Es heißt, Protestanten begehen häufiger Selbstmord als Katholiken, weil dieser für letztere stärker tabuisiert sei. Deckt sich das mit ihren Untersuchungen?

Man könnte das eines der "Grundgesetze" der Selbstmordforschung seit Durkheim bezeichnen. Das Selbstmordtabu des Katholizismus findet zwar tatsächlich in Statistiken seinen Niederschlag.

Es könnte aber auch daran liegen, dass Selbstmorde von Medizinern und Gesundheitsämtern in katholischen Gebieten einfach als Unfälle oder andere Todesarten verbucht wurden. Für viele Familien war es eine Schande, einen Selbstmörder in ihren Reihen zu haben - insofern muss man diese Regel sehr stark hinterfragen.

Die statistischen Unterschiede sind Konstrukte - oder stärker ausgedrückt: Fälschungen?

"Fälschungen" würde ich nicht sagen. Aber ich glaube, dass Selbstmordstatistiken die vorherrschenden sozialen und kulturellen Werte widerspiegeln.

Welchen Status hatte der Selbstmord für das Judentum?

Zunächst muss man festhalten: Die meisten jüdischen Selbstmörder waren wohl nicht besonders religiös, da deutsche Juden sehr assimiliert waren. Die Religion spielte also eine geringere Rolle als man annehmen könnte. Im Judentum ist allerdings der Selbstmord unter gewissen Umständen erlaubt. Man denke zum Beispiel an den Massenselbstmord von Juden in der Festung Masada im ersten Jahrhundert: Er gilt bis heute als heroisches Beispiel des jüdischen Freiheitswillens.

Während des Holocausts gab es innerhalb des Judentums Debatten, wie man mit diesem Thema umzugehen habe. Im jüdischen Krankenhaus Berlin diskutierten etwa die Ärzte darüber, ob Menschen nach gescheiterten Selbstmordversuchen behandelt werden sollten.

Auch nach dem Krieg blieb das Verständnis für den Freitod aufrecht: Auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt a.M. gibt es etwa eine Allee mit Gräbern von ungefähr 800 Juden, die den Freitod wählten. Von einer Tabuisierung dieser Selbstmorde im Judentum kann jedenfalls keine Rede sein. Unter den unvorstellbar grausamen Bedingungen der Judenverfolgung war er eine akzeptable Handlungsweise.

Wie war die Position der Nationalsozialisten zu diesem Thema?

Zum einen lehnten Nazis den Selbstmord als feige ab. Laut NS-Diskurs galt es als unvorstellbar, dass sich ein "Volksgenosse" oder eine "Volksgenossin" - um die NS-Diktion zu verwenden - selbst das Leben nehmen würde. Der Mensch - ausgenommen sogenannte "Minderwertige" - hatte kein Recht dazu, weil er Teil der "Volksgemeinschaft" war. Zum anderen wurde jedoch der Selbstmord gebilligt, wenn es sich um eine "heroische Selbstaufopferung" handelte.

1945 gab es tausende Selbstmorde von Nazis, die als "Selbstopfer" bezeichnet und akzeptiert wurden. Das gilt auch für Hitler: Im Radiobericht nach seinem Selbstmord wurde behauptet, er habe Deutschland bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus verteidigt.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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