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Stempeldruck: "Fälschung"

"Es geht um Ehre, Ehre, Ehre"

"Die Wissenschaft ist ein feudales System. Und das Peer-Review ist organisiert wie eine konspirative Organisation", sagt der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich. Er fordert mehr Transparenz - sowie eine "Wissenschaftskultur, in der Fehler nicht als größte Schande gelten".

Interview 13.01.2012

science.ORF.at: Laut einer aktuellen Studie ist die Zahl der wissenschaftlichen Journalbeiträge in den letzten zehn Jahren um 44 Prozent gestiegen. Die Zahl der "Retractions", also wieder zurückgezogene Arbeiten, hingegen um das 15-Fache. Warum ist das so?

Gerhard Fröhlich: Wie bei allen Formen abweichenden oder kriminellen Verhaltens ist es immer schwierig zu sagen, ob die Tatbestände objektiv gestiegen sind. Es könnte auch daran liegen, dass die Leser kritischer geworden sind. Oder daran, dass die Editoren nun eher gewillt sind, Retractions vorzunehmen.

Es kommt jetzt mehr ans Licht, was früher im Dunkel blieb?

Genau. Früher haben sich die Herausgeber von Fachjournalen furchtbar geziert und Arbeiten nur dann zurückgezogen, wenn das sämtliche Autoren wollten und per Unterschrift bestätigt haben. Da wurde vieles so belassen oder unter euphemistischen Titeln wie "Corrections" oder "Publisher's Notes" nur geringfügig korrigiert. Heute werden Papers von Redaktionen zurückgezogen - auch wenn nicht alle Autoren zustimmen.

Einer Statistik zufolge gehen rund 44 Prozent aller Retractions auf wissenschaftliches Fehlverhalten zurück, 28 Prozent auf handwerkliche Fehler, elf Prozent auf nicht reproduzierbare Resultate, der Rest fällt in die Kategorie "andere Ursachen". Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Gerhard Fröhlich

Universität Linz

Zur Person

Gerhard Fröhlich lehrt und forscht am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie Johannes Kepler Universität Linz.

Arbeitsgebiete: Kultur- und Medientheorie, Wissenschaftsforschung, Informationswissenschaft, wissenschaftliches Fehlverhalten.

Die genauen Prozentsätze sind natürlich auch von der Erhebungsmethode abhängig. Der Anteil der nicht zuzuordnenden Ursachen ist jedenfalls relativ groß, er liegt über zehn Prozent. Viele Fehler passieren ohne Absicht, durch Hektik und Schlamperei. Untersuchungen zeigen: Je höher der Journal-Impact-Faktor, umso häufiger die Retractions.

Eine Fehlerursache sind die sukzessive größer werdenden Teams. Es gibt eine eindeutige Korrelation zwischen der Zahl der Co-Autoren und der Zahl der Retractions. Viele Köche verderben den Brei: Entweder, weil die Spezialisten die Arbeit der anderen nicht mehr verstehen und einander gar nicht mehr kontrollieren können. Oder nicht kontrollieren wollen, weil die Kollegen beleidigt sein könnten.

Keine gute Nachricht für die Naturwissenschaften, wo es einen ausgeprägten Trend zu großen Autorenteams gibt.

In bin selbst in den "weichen" Sozial- und Kulturwissenschaften tätig. Bösartigerweise könnte man sagen: Hier muss man deswegen kaum Retractions schalten, weil man kaum etwas replizieren kann. Schadenfreude ist jedenfalls nicht angebracht - in welchem Forschungsfach auch immer.

Als die ersten Skandale in US-amerikanischen Medizinzeitschriften aufgetaucht sind, sagten die Physiker: Bei uns kann so etwas nicht passieren, weil unser Peer-Review-System sehr gut ist. Und in Deutschland hieß es, bei uns gibt es so etwas nicht, das passiert nur in den USA. Dann kamen die ersten Skandale in der Physik sowie in Deutschland.

Empörung fällt bei Betrugsfällen meist sehr selektiv aus: Der der Fälschung mehrerer Studien überführte Klonforscher Hwang Woo-suk war zwar Koreaner, aber sein wichtigster Co-Autor, der ihm erst den Eintritt ins Fachjournal "Science" geliefert hat, war Amerikaner. Er kam ungeschoren davon.

Was kann man gegen Fehler und Fälschungen tun?

Literatur

Science publishing: The trouble with retractions, Nature (Bd. 478, S. 26; doi:10.1038/478026a).

Weblog Retraction Watch

Fröhlich, Gerhard (2011): "Die Journalbranche hat Gewinnraten wie der Waffen- und Drogenhandel", in: Dobusch, Leonhard et al. (Hg.): Freiheit vor Ort. Handbuch kommunale Netzpolitik, München: Open Source Press

Vom Standpunkt der Wissenschaftstheorie aus betrachtet sind Korrekturen und Retractions das Normalste auf der Welt. Dem Ideal einer fehlerfreien Wissenschaft nachzuhängen wäre unsinnig. Was wir brauchen, ist eine fehlerfreundliche Wissenschaftskultur, in der nicht alles als größte Schande gilt.

Die Wissenschaft ist ein feudales System: Es geht um Ehre, Ehre, Ehre. Und als Konsequenz dessen kehren die Fachjournale noch immer vieles unter den Teppich. Ohne kritische Leserinnen und Journalisten wäre kein einziger der großen Skandale aufgedeckt worden.

Vor kurzem hat der Rektor einer österreichischen Universität ein Plagiatsgutachten bei mir angefordert und war ein wenig zerknirscht, weil an seiner Uni nun erstmals so ein Fall auftaucht. Ich habe ihm geantwortet: "Seien Sie doch froh, dass Sie nun einen Fall haben. Niemand wird Ihnen glauben, dass es an Ihrer Uni noch niemals ein Plagiat gegeben hat." Wenn wir glauben, dass das Aufdecken von Fehlern eine Schande ist, dann begeben wir uns außerhalb der Wissenschaft, die von der Kritik lebt.

So gesehen dürfte eine Retraction keinen Karriereknick bedeuten.

Leider gibt es eine gewisse Doppelbödigkeit und Doppelzüngigkeit im Wissenschaftssystem. Bei offiziellen Anlässen reden alle äußerst salbungsvoll. Sobald die Mikrofone ausgeschaltet sind und man beim italienischen Buffet mit einem Glas Rotwein steht, erzählt jeder die Skandale und Peinlichkeiten der Kollegen. Auch in der Wissenschaft gibt es Schimpfklatsch. Die Einschätzung von Forschern, Institutionen und Journalen läuft oft ungeprüft, nämlich bloß über Gerüchte.

Wir sollten jedenfalls nicht jeden Fehler sofort bestrafen. Schon Thomas Morus hat gesagt: Je strenger die Strafen, umso schlimmer werden die Verbrechen. Wenn ich für Ladendiebstahl fast die gleiche Strafe wie für Mord bekomme, dann neige ich dazu, sicherheitshalber auch den Ladeninhaber zu töten. Auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen müssen eine zweite oder dritte Chance bekommen.

Perfide, ausgeklügelte Betrugsaffären ausgenommen: Der holländische Psychologe Diederik Stapel hat etwa jahrelang Experimente und Studien frei erfunden - da muss man freilich schon härter durchgreifen.

Vielfach wird kritisiert, das Peer-Review-System sei zu lückenhaft. Aber kann ein Forscher wirklich Fälschungen durch Lektüre von Artikeln erkennen? Er oder sie muss doch in gewisser Hinsicht glauben, was da steht, und kann nur die Plausibilität des Geschriebenen abschätzen.

Nehmen wir das Beispiel des erwähnten Klonforschers Hwang: "Nature" hat damals meines Wissens nach dessen Artikel abgelehnt. Das Konkurrenzjournal "Science" hat sie publiziert, weil ein prominenter US-Amerikaner Co-Autor war. So gesehen hat das Peer Review von "Science" versagt, nicht aber jenes von "Nature".

Historisch betrachtet: Im frühen 17. Jahrhundert war die Wissenschaft ein Hobby von adeligen Amateuren. Der Begriff "Peer" hat daher nichts mit Gleichrangigkeit zu tun. Peers sind im Englischen hohe Adelige oder Oberhausmitglieder. Weil es damals schon viele Streitigkeiten gab, musste jedes Experiment vor Zeugen aufgeführt werden. Irgendwann wurde die Publikationsflut so stark, dass man darauf verzichtet hat. Seitdem geht's bergab. Man müsste viel öfter Rohdaten und Labortagebücher anfordern.

Wäre Open-Access ein Gegenmittel?

Untersuchungen zeigen: Viele Wissenschaftler haben die von ihnen zitierte Literatur nicht gelesen. Unter "Lesen" verstehe ich bereits flüchtiges Überfliegen. Denn als Experte kann man einen Artikel schon nach wenigen Minuten vorläufig einschätzen. Dieses Manko liegt unter anderem daran, dass die Artikel etwas kosten und noch dazu mühsam zu erwerben sind. Der Kauf eines Artikels kann online bis zu 15 Minuten dauern.

Das Closed-Access-System erschwert also die wissenschaftliche Kommunikation. Das ist deswegen so fatal, weil fast alle wissenschaftlichen Skandale von kritischen Lesern und Leserinnen aufgedeckt wurden - und nicht von Gutachtern. Es müssten auch sämtliche Gutachten veröffentlicht werden, um Transparenz zu schaffen. Doch das ist nicht der Fall: Das Peer-Review ist organisiert wie eine konspirative Organisation.

Liegt es auch am Geld? Kann man mit Closed-Access mehr Geld verdienen als mit Open-Acess?

Würde ich nicht sagen. Auch Open-Access muss jemand bezahlen, in diesem Fall eben Autoren, Stiftungen und Forschungsinstitutionen. Das ist im konventionellen System übrigens auch so, nur wird das schamhaft verleugnet. Wer etwa farbige Bilder in einem Fachartikel haben will, muss in der Regel dafür bezahlen.

Meine Erfahrungen mit Verlagen sind deprimierend: Das sind Menschen, die nur an Post und Papier glauben. Digitale Korrekturen gibt es nicht, das muss alles noch immer per Fax oder Brief gemacht werden.

Warum verweigern sich Verlage der elektronischen Ausformung?

Bei allen größeren Wirtschaftsbetrieben gibt es zwei Abteilungen: In den Entwicklungsabteilungen sitzen die Freaks, die etwas Verrücktes produzieren. In der Marketingabteilung sitzen ganz konservative Leute, die sagen: Der Kunde ist dafür nicht reif. Die meisten Innovationen werden bereits betriebsintern niedergebügelt.

Es wundert mich nicht, wenn es auch in der Wissenschaft so zugeht. Und ich rede nicht von kleinen österreichischen Verlagen, mit denen ich gute Erfahrungen habe, sondern von internationalen Großunternehmen mit zum Teil hunderten Journalen im Repertoire. Diese Verlage verdienen so gut, dass dies nur mit Waffen- und Drogenhandel vergleichbar ist. Und wer bestens verdient, warum sollte der dazulernen wollen?

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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