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Ein Ritter kämpft mit einem anderen

Die Verheißungen Jerusalems

Kreuzzüge werden heute gegen alles Mögliche geführt: gegen Drogen, gegen Terror, gegen diese oder jene unliebsamen Gegner. Das Ziel der historischen Kreuzritter hieß Jerusalem, das aber weit mehr war und ist als nur ein Ort im Nahen Osten.

Kreuzzüge 16.01.2012

Welche Verheißungen das irdische und himmlische Jerusalem seinen "Befreiern" bot und was das mit heutigen Fußballfans und George W. Bush zu tun hat, verrät die Literaturwissenschaftlerin Judith Frömmer in einem science.ORF.at-Interview.

Porträtfoto der Literaturwissenschaftlerin Judith Frömmer

IFK

Judith Frömmer ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Romanische Philologie der LMU München und derzeit Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 16.1. hält Judith Frömmer einen Vortrag mit dem Titel "Das Jerusalem der Renaissance. Tassos Gerusalemme liberata".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 16.1., 13:55 Uhr.

science.ORF.at: Laut Google News kam der Begriff "Kreuzzug" in den Medien zuletzt in sehr unterschiedlichen Bereichen vor. Der Autor Daniel Kehlmann verneinte, einen Kreuzzug gegen das Regietheater zu führen, die Fußballfans von Fortuna Düsseldorf befanden sich auf einem "Kreuzzug ins Glück", auch an George W. Bushs "Kreuzzug gegen den Terrorismus" wurde erinnert. Warum eignet sich der Begriff für so unterschiedliche Dinge?

Judith Frömmer: Weil er weniger konkrete historische Ereignisse bezeichnet, als vielmehr einen Interpretationsrahmen bildet. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Begriffsverwendungen ein von starken Überzeugungen getragenes Vorhaben - früher waren das vor allem religiöse, zumindest offiziell. Heute kann man aber offensichtlich auch einen Kreuzzug gegen das Regietheater führen, auch wenn mir das keine sehr glückliche Verwendung des Begriffs zu sein scheint. Beim "Kreuzzug ins Glück" schwingt die jenseitige Verheißung der Kreuzzüge noch mit, das himmlische Jerusalem, das im irdischen Jerusalem immer schon als Anschein da war.

Für Fortuna Düsseldorf, aktuell in der zweiten deutschen Fußballliga, wäre vermutlich schon der deutsche Meistertitel ein Jerusalem.

Vielleicht. Die Fußballfans machen im Stadion ja pseudoreligiöse Erfahrungen, sie gehen in der Masse auf, werden zum Teil eines Quasi-Heeres, wie es ja auch die Fußballspieler auf dem Platz bilden, die es zudem mit einem Gegner zu tun haben, den man, wenn nicht vernichten, so doch vernichtend schlagen muss. Vermutlich spielen da religiöse Empfindungen eine Rolle, die in profanen Zielen ihre irdische Entsprechung finden und sich vermischen. Aber auch bei den historischen Kreuzzügen gab es ja durchaus profane Ziele.

Bei Bush hingegen sind die militärischen Zielsetzungen offensichtlich, auch wenn er die Aussage vom "Kreuzzug gegen den Terror" fünf Tage nach dem 11. September getroffen hat, also zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht klar war, wo der Antiterror-Krieg genau hingehen sollte. Der Begriff "Kreuzzug" bietet einen sehr offenen Interpretationsrahmen, der sich relativ flexibel für verschiedene Unternehmungen verwenden lässt. Zudem ist er in ein apokalyptisches Szenario eingebunden.

Wie sieht diese Apokalypse aus?

Zur Zeit der historischen Kreuzzüge war die Vorstellung verbreitet, dass das himmlische Jerusalem anbricht, wenn das irdische zerstört wird. Mit dem Reich Gottes, dem man den Weg bereiten wollte, ließen sich also die militärischen Operationen rechtfertigen. In der apokalyptischen Tradition ergreift der Antichrist kurz vor dem Weltenende die Herrschaft über Jerusalem. Sein Gegenspieler im Kampf um Jerusalem ist der letzte Weltenkaiser, der in der Literatur häufig in der Nachfolge der römischen Kaiser auftritt und den Antichristen aus dem irdischen Jerusalem vertreibt, um das himmlische vorzubereiten. In gewisser Weise hat George W. Bush mit dieser Rolle des letzten Weltenkaisers im Kampf gegen den Anti-Christen Osama Bin-Laden gespielt, zumal die USA sich teilweise noch immer einer römischen Symbolik bedienen, wenn man etwa an Kapitol, Senat, Inauguration etc. denkt.

Auslöser für den ersten Kreuzzug war eine Rede von Papst Urban II. bei einem Konzil im Jahr 1095, war da gleich von "Kreuzzug" die Rede?

Nein, in der mittelalterlichen Literatur dominierte das Vokabular der "Reise" oder der "Pilgerschaft", was uns heute sehr euphemistisch vorkommen muss. Der Wortlaut der Rede von Urban II. auf dem Konzil von Clermont ist leider nicht überliefert. Er wurde aufgrund von Chroniken, die später entstanden sind, rekonstruiert. Die Kreuzsymbolik hat sicher eine große Rolle gespielt, aber der Begriff "Kreuzzug" taucht erst Ende des 13. Jahrhunderts auf, zu einem Zeitpunkt, als sich die Kreuzzugsbewegung bereits im Niedergang befand.

Richtig durchgesetzt hat sich der Begriff "Kreuzzug" erst in der frühen Neuzeit. Man hat damit rückwirkend verschiedene Ereignisse zusammengefasst und in einen Kausalzusammenhang gebracht. Die Geschichte der mittelalterlichen Kreuzzüge ist bis heute ein ziemliches Chaos. Es ist umstritten, wie man sie nummeriert, wie viele es gegeben hat, was man genau dazuzählen soll. Die Engländer sehen das anders als die Franzosen oder die Italiener, es gibt also nationale Unterschiede in der Aufarbeitung der Kreuzzüge, obwohl sie ein internationales Unternehmen waren.

Gleichgültig wie der Begriff gelautet hat, den Urban II. verwendet hat, das Vorhaben war allen Beteiligten des ersten Kreuzzugs klar?

Das klar verlautbarte Ziel war die Unterstützung der Christen im Orient nach der Expansion des Islams. Aber dass Jerusalem das örtliche Ziel war, das stand nicht von vorneherein fest. In der Chronik, die dem Konzil zeitlich am nächsten steht, ist von Jerusalem gar nicht die Rede, der Name der Stadt taucht erst in späteren Briefen des Papstes auf. Jerusalem wurde offenbar erst später als Lockmittel und zusätzliche Motivation verwendet. Es scheint auch kurzzeitig wieder aus der Korrespondenz verschwunden zu sein, als das Heer des ersten Kreuzzugs vor Antiochia steckenzubleiben drohte.

Warum war Jerusalem ein so gutes Lockmittel für die Kreuzritter?

Das liegt vermutlich an seiner mystischen Strahlkraft und seiner Mehrdeutigkeit. Jerusalem ist die irdische Stadt, die einem einmal gehört hat und die man zurückerobern möchte. Das irdische Jerusalem ist aber auch ein Zeichen des himmlischen Jerusalem, etwas, das noch zu erlangen und mit Verheißung aufgeladen ist. Jerusalem verweist also in die Vergangenheit über die man beispielsweise die Militäroperationen legitimieren kann, aber auch in die Zukunft, mit der sich bestimmte Hoffnungen und Sehnsüchte verbinden.

Darüberhinaus eröffnet Jerusalem einen immensen Bedeutungsspielraum, der u.a. aus der Tradition der Bibelauslegung resultiert. Die Kirchenväter illustrierten die Mehrdeutigkeit der Heiligen Schrift ab dem 3. Jahrhundert häufig am Beispiel des Stadtnamens. Noch in modernen Handbüchern der Rhetorik bildet Jerusalem das Standardbeispiel für die Lehre vom vierfachen Schriftsinn. Jerusalem steht demzufolge 1) im buchstäblichen Sinne für die irdische Stadt, 2) allegorisch für die Kirche, 3) moralisch für die Seele des Christen und 4) anagogisch für das himmlische Jerusalem bzw. für das Reich Gottes, das am Ende der Zeiten anbricht. Diese verschiedenen Sinnebenen der Heiligen Schrift lassen sich im Jerusalem der Kreuzzüge mit handfesten militärischen, politischen und ökonomischen Interessen verbinden. Jerusalem eröffnet also einen enormen Interpretationsspielraum, es kann mit einer Fülle von Bedeutungen aufgeladen werden.

Auf diese Weise kann Jerusalem zum Ziel und Zentrum von Gründungsgeschichten werden, die in hohem Maße flexibel sind und sich daher für die unterschiedlichsten Zielsetzungen heranziehen lassen. Dahinter steht auch ein anderes Geschichtsverständnis.

Inwiefern?

Die Gründungsmythen, die sich an Jerusalem knüpfen, funktionieren ganz anders als beispielsweise die Gründungsgeschichten des antiken Rom: Das Geschichtswerk "Ab urbe condita" von Livius oder Vergils "Aeneis" sind beides Erzählungen, in denen aus der Vergangenheit abgeleitet wird, was in der Gegenwart ist. In der römischen Weltherrschaft haben sich diesen Gründungserzählungen zufolge alle Verheißungen der Vergangenheit erfüllt. Die Stadt Jerusalem erinnert dagegen immer an etwas, was sich noch nicht erfüllt hat und in dieser Welt auch gar nicht vollkommen erfüllen kann. Sie verweist also immer über den Ist-Zustand hinaus.

Verwenden Sie den Begriff "Kreuzzug" selbst?

Nein, zumal ich diesen Begriff, von seinen höchst problematischen militärischen und ideologischen Implikationen einmal abgesehen, für ziemlich paradox halte. Das Kreuz Christi ist ja ein Symbol von Ohnmacht und Schwäche und setzt den Verzicht auf jegliche Gewalt ins Bild. Anders als im Islam, der ja den Dschihad vorsieht, ist es sehr schwierig, Gewalt über christlichen Dogmen zu legitimieren.

Die Kreuzzugsbewegung beruht hier wohl in Teilen auf der Literalisierung einer Stelle bei Matthäus, wo Jesus sagt "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach". Das wurde militärisch gedeutet. Heute dagegen wird der Begriff "Kreuzzug" ja zumeist wieder im ent-militarisierten, ideologischen Sinne gebraucht, wobei man sich im Klaren darüber sein sollte, dass der Einsatz metaphorischer Waffen, häufig ganz andere Waffengänge zur Folge haben kann. Jerusalem ist ja bis heute ein Ort, wo man diesen Umschlag von geistigen in militärische Waffen immer wieder verfolgen kann.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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