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Frau mit Hygienemaske

Warum "La Nina" die Grippe bringt

"La Nina", ein Wetterereignis zwischen Südamerika und Indonesien, könnte Grippepandemien auslösen, meinen US-amerikanische Epidemiologen - allerdings über Umwege: Zugvögel modifizieren wegen der veränderten Temperaturen ihr "Reiseverhalten", wodurch sie mitgebrachte Viren an heimische Tiere weitergeben könnten.

Epidemiologie 17.01.2012

Vier große Grippepandemien schlossen Jeffrey Shaman von der Columbia Universität in New York und Marc Lipsitch von der Harvard University in Boston in ihre Analyse ein. Bei allen vieren lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem "La Nina"-Phänomen und den Erkrankungen herstellen.

Die Studie:

"The El Nino-Southern Oscillation (ENSO)-pandemic Influenza connection: Coincident or causal?" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (doi:10.1073/pnas.1107485109).

Unbekannte Gefahr

Pandemien, also Länder oder sogar Kontinente übergreifende Infektionskrankheiten, gelten als eine der größten Gefahren für die Gesundheit. Was diese schnell um sich greifenden Krankheitswellen besonders hinterhältig macht: Niemand kann vorhersagen, wann und wo ein neuer Erreger entsteht. Die Gründe, warum es plötzlich zu neuen Kombinationen bestehender Viren kommt, liegen nach wie vor großteils im Dunklen.

Klar ist, dass wild lebende Zugvögel mit ihren weiten Flugstrecken und vielen Zwischenstopps als eines der wichtigsten Virenreservoirs gelten. Wenn sie mitgebrachte Viren an heimische Tiere weitergeben, kann es zu gefährlichen Rekombinationen kommen.

"El Ninos" kleine Schwester

Für die Epidemiologen Jeffery Shaman und Marc Lipsitch klang es deshalb nur logisch, sich die Frage zu stellen, welche Faktoren die Reiseroute der Vögel beeinflussen. Und sie kamen dabei auf "La Nina", als Wetterphänomen sozusagen die kleine Schwester von "El Nino":

Ö1 Sendungshinweis:

Über diesen neuen Verbreitungsweg von Grippeviren berichtete auch "Wissen Aktuell" am 17.1.2012 um 13.55 Uhr.

Während sich beim "Buben" der kalte Humboldstrom vor der Westküste Südamerikas abschwächt oder ganz zum Erliegen kommt und sich die oberste Wasserschicht stark erwärmt, führen beim "Mädchen" heftige Passatwinde zu einer verstärkten Zirkulation der Schichten, wodurch das Wasser auch kühler wird. Das Wasser vor der Küste Perus wird dadurch rund drei Grad kälter als im Schnitt.

Vor Ausbruch niedrigere Temperaturen

Bisherige Studien haben schon belegt, dass die veränderten Bedingungen auch die Migrationsgewohnheiten von Zugvögeln beeinflussen. Konkret verändert sich die Distanz, die sie am Stück zurücklegen, die Häufigkeit, mit der sie Zwischenstopps einlegen, und die Anzahl der Tiere, die gemeinsam fliegen. Die Forscher wollten nun untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Wanderbewegungen der Vögel und der Entstehung von Influenza A-Pandemien gibt.

Wetter und Krankheit:

Auch frühere Studien haben den Zusammenhang zwischen dem "El Nino"- bzw. "La Nina"-Wetterphänomen und dem Ausbruch von Krankheiten inklusive Cholera und Malaria untersucht, einige auch Parallelen mit Grippeepidemien. Allerdings konzentrierten sich diese Studien auf die regionalen Effekte, also ob es aufgrund von Klimaschwankungen in beispielsweise Frankreich zu einem heftigeren Grippeausbruch kam.

Zum Abgleich wählten sie die Pandemien 1918, 1957, 1968 und 2009 aus, weil bei ihnen genaue Aufzeichnungen über das erste Auftreten und die Verbreitung vorliegen. Sie alle brachen in den ersten sieben Monaten des genannten Jahres aus, weshalb die Forscher ihren Blick auf Temperaturschwankungen im äquatorialen Pazifik während des vorangegangenen Herbsts bzw. Winters richteten. Es zeigte sich, dass zwischen November und Jänner vor Ausbruch einer Pandemie die Wassertemperatur vor den Küsten Südamerikas deutlich kühler war, man also von einem "La Nina"-Phänomen sprechen konnte.

Alarmglocken

Zusätzlich untermauert wird die These von Shaman und Lipsitch dadurch, dass das Virus, das 1957 und 1968 zur Pandemie führte, aus Vogelviren entstanden ist. 2009 führte zwar eine Kombination aus zwei Schweineviren zu den Massenerkrankungen, die Forscher vermuten aber, dass Vögel die beiden Viren erst zueinander brachten.

"Wir wissen, dass Pandemien durch genetisch veränderte Viren ausgelöst werden. Unsere These, dass Vögel die Wegbereiter dieser Rekombination sind, hat sich in der Analyse bestätigt", erläutert Jeffrey Shaman. Das Auftreten eines "La Nina"-Phänomens sollte demnach bei den Gesundheitsbehörden die Alarmglocken läuten lassen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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