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Drei Große Tümmler (Delfine) strecken ihren Kopf aus dem wasser

Delfine sprechen "Walisch"

Wenn Delfine schlafen, dann klingen ihre Gesänge wie jene von Walen: Diese kuriose Entdeckung haben französische Biologinnen bei fünf Exemplaren gemacht, die in einem Freizeitpark Touristen unterhalten. Tagsüber hörten sie als Untermalung der Show Walgesänge, in der Nacht sprachen sie selbst "Walisch".

Zoologie 23.01.2012

Diese Beobachtung könnte neue Hinweise darauf geben, wie die Meeressäuger Erinnerungen verarbeiten und abspeichern, berichten die Verhaltensforscherin Martine Hausberger von der Universität Rennes in Frankreich und ihre Kolleginnen in einer Studie.

Die Studie:

"Do dolphins rehearse show-stimuli when at rest? Delayed matching of auditory memory" von Dorothee Kremers und Kollegen ist in der Fachzeitschrift "Frontiers in Comparative Psychology" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 23.1., 13:55 Uhr.

Die Krähe "Hansl" von Konrad Lorenz

Dass Delfine prinzipiell imstande sind, Geräusche ihrer Umwelt nachzumachen, ist seit Längerem bekannt. Von anderen Tierarten, speziell von Vögeln, gibt es zahlreiche Anekdoten, bei denen Erinnerung und Sprachimitation auf erstaunliche Weise verknüpft sind. Konrad Lorenz etwa berichtete 1952 von einer Nebelkrähe, die es in Sachen Sprachbegabung mit den talentiertesten Papageien aufnehmen konnte.

"Hansl", wie die Nebelkrähe hieß, war einmal mehrere Wochen hindurch verschwunden. Als er wiederkehrte, bemerkte Lorenz an einem Fuß eine gebrochene Hinterzehe. Was da geschehen war, berichtete ihm die Krähe selbst, wie Lorenz schrieb:

"Als er nämlich plötzlich wieder da war, konnte er einen neuen Satz. Mit Lausbubenstimme sagte er die inhaltsschweren Worte: 'Mit'm Schlageisen ham's ihn g'fangt!' An der Wahrheit dieser Mitteilung war nicht zu zweifeln. Unserm Hansl hat sich der Satz, den er gewiss nicht oft gehört hatte, deshalb eingeprägt, weil ihn das Tier in großer Erregung, also offenbar unmittelbar nachdem es gefangen worden war, gehört hatte. Wie er wieder freigekommen ist, hat uns Hansl leider nicht erzählt."

Fünf dressierte Delfine in Frankreich

Aus diesen und ähnlichen Erzählungen sei nicht zu schließen, dass Vögel verstehen, was sie sagen, unterstrich Lorenz in dem Beispiel, das auch Martine Hausberger in ihrer aktuellen Studie zitiert. Sehr wohl aber sind intelligente Tiere imstande, Geräusche ihrer Umwelt nachzuahmen und zu lernen, sie mit bestimmten Objekten oder Zusammenhängen zu verknüpfen. Bei der - besonders bei Delfinen umstrittenen - Dressur machen sich Menschen diesen Umstand zunutze.

An genau solchen, dressierten Tieren ist den Biologinnen nun ihre kuriose Entdeckung gelungen. Eigentlich wollten sie nur untersuchen, welche Geräusche Péos, Mininos, Cécil, Amtan und Teha machen, wenn sie schlafen. Die riesigen Bassins der fünf Großen Tümmler im Freizeitpark Planete Sauvage in Port-Saint-Pére, nahe der französischen Atlantikküste, wurden deshalb mit Unterwassermikrofonen ausgestattet.

Bei der Analyse der Aufnahmen waren die Forscherinnen überrascht. Eines Nachts nämlich gaben die Delfine 25 Gesänge von sich, die völlig neu waren. Eine Überprüfung zeigte, dass sie nur von einer rund 20-minütigen Klangcollage aus Meeresgeräuschen stammen konnte, die den Touristen tagsüber während der Delfinshows zur Untermalung angeboten wurde. Nebst anderen Tönen und Geräuschen waren auf den Aufnahmen auch zwei Minuten Walgesänge zu hören.

Gesänge stammten von Walaufnahmen

Eine Frequenz- und Zeitanalyse mittels Computer zeigte, dass diese Ausschnitte jenen der nächtlichen Delfingesänge (siehe Audio-Beispiele unten) sehr ähnlich waren. Mit real existierenden Walen konnte dies nichts zu tun haben, denn die Delfine hatten nie welche gesehen oder gehört, waren sie doch bereits in Gefangenschaft auf die Welt gekommen.

Um sich nicht nur auf die Technik zu verlassen, spielten die Forscherinnen auch 20 angehenden Kollegen aus der Verhaltensbiologie mehrere der Delfin- und Walsequenzen vor. In mehr als drei Viertel aller Fälle irrten sie sich und hielten die nächtlichen Delfingeräusche für solche von echten Walen.

Audio1: Delfin, der wie ein Wal klingt:

Audio2: Delfin, der wie ein Wal klingt (verlangsamt):

Imitation erst in der Nacht

Was Martine Hausberger und ihre Kolleginnen besonders erstaunt, ist der Umstand, dass die Delfine die Walgeräusche nur in der Nacht von sich gaben, nicht aber tagsüber, also unmittelbar nachdem sie die Aufnahmen gehört hatten. Sie glauben, dass das mit der besonderen Situation der Shows zu tun hat, im Rahmen derer sie lernen und für gute Leistungen belohnt werden.

Während der anderen Tageszeiten ist der Freizeitpark mit vielen Menschen gefüllt, die plaudern, applaudieren und andere Töne von sich geben. "Dabei würde es jede Menge Geräusche geben, die sie nachahmen könnten, sie tun es aber nicht", sagt Hausberger in ScienceNow. Das einzige, was sie kopiert hätten, seien die Walgesänge gewesen.

Verarbeitung von Tageserlebnissen?

Sie spekuliert, dass dies mit einer Art Wiederholung wichtiger Tageserlebnisse in der Nacht zu tun hat: Das "Walisch" der Delfine wurde größtenteils zwischen null und drei Uhr morgens aufgenommen, während sie schliefen oder sich ausruhten. Ob dies ähnlich wie beim Menschen eine nächtliche Verarbeitung und Abspeicherung von Tagesresten im Gehirn ist und ob auch Delfine träumen, weiß sie freilich nicht.

Wenn überhaupt, dürften Wale und Delfine laut früheren Studien nur über einen sehr kurzen REM-Schlaf verfügen, der beim Menschen den Hauptteil der Traumzeit ausmacht. EEG-Aufnahmen des Gehirns von Delfinen in der Nacht sollen diese Frage in Zukunft klären, schlägt Hausberger vor.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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