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Ein Mann steht vor einem Büro, das aussieht wie ein Labyrinth

Raus aus dem Kasteldenken!

Wer neue und kreative Lösungen sucht, sollte nicht "in Kasteln denken". Dass es sich dabei nicht nur um eine sprachliche Metapher handelt, haben nun Psychologen herausgefunden. Sie haben Studienteilnehmer tatsächlich in eine Schachtel gesteckt und dann ihre Kreativität untersucht. Siehe da: Die "Kasteldenker" waren weit weniger originell als Vergleichspersonen.

Psychologie 25.01.2012

Ähnliche Phänomene treten auch bei der wörtlichen Umsetzung anderer Sprachbilder auf wie etwa bei "zwei und zwei zusammenzählen", berichtet ein Team um die Psychologin Angela Leung von der Singapore Management University

Die Studie:

"Embodied Metaphors and Creative 'Acts'" von Angela Leung und Kollegen erscheint in der Fachzeitschrift "Psychological Science".

Embodiment: Verknüpfung von Geist und Körper

Was auf den ersten Blick vielleicht seltsam anmutet, hat in der psychologischen Literatur mittlerweile eine kleine Tradition und einen Fachbegriff: Embodiment. Gemeint ist damit ein enger Zusammenhang von geistigen und körperlichen Phänomenen: Abstrakte Begriffe können mit konkreten körperlichen Erfahrungen verknüpft sein, umgekehrt können diese Körpererfahrungen zur Konstruktion der sozialen Realität beitragen.

Nur zwei Beispiele, über die science.ORF.at bereits berichtet hat (siehe Linkliste am Ende): Händewaschen entfernt laut einer Studie nicht nur Schmutz, sondern baut auch unsere Schuldgefühle ab und mildert unser moralisches Urteil. Laut einer anderen Studie verhandeln wir umso härter, je härter der Sessel ist, auf dem wir sitzen.

Studien zu diesen psycho-physischen Überschneidungen gibt es mittlerweile zuhauf, sie haben bisher aber immer das Abrufen bereits erlernter Inhalte, die durch einen körperlichen Reiz ausgelöst werden, betroffen. Ihre Studie sei die erste, die Embodiment im Bereich der Kreativität, des Schaffens neuer Gedanken untersucht hat, betonen Leung und ihre Kollegen.

Ein Kastel für das Kasteldenken

In mehreren Experimenten setzten sie dabei sprachliche Metaphern in die Realität um. Das spektakulärste betrifft die im Englischen verbreitete Redewendung "to think outside the box", die man mit "um die Ecke denken" bzw. nicht in "Schubladen oder Kasteln denken" übersetzen kann. Um zu überprüfen, ob "Kasteldenken" tatsächlich hinderlich ist für das Erarbeiten kreativer Lösungen, bauten die Forscher eine rund eineinhalb Mal eineinhalb Meter große Schachtel aus Karton und Kunststoff.

Die Hälfte von rund 100 Versuchsteilnehmern wurde daraufhin gebeten, in der Schachtel auf einem Sessel Platz zu nehmen, die andere Hälfte durfte neben der Schachtel sitzen. Allen gemeinsam wurde erzählt, dass es um den Vergleich verschiedener Arbeitsbedingungen ginge, in Wahrheit aber wurde mithilfe eines Wort-Assoziationstests die Kreativität der Probanden überprüft. Ziel des "Remote Associate Test" ist es, zu drei relativ weit entfernten Worten einen für alle passenden Verbindungsbegriff zu finden.

Wie sich herausstellte, waren die Antworten der Menschen außerhalb der Schachtel deutlich korrekter, und zwar sowohl im Vergleich zu jenen der "Kasteldenker" als auch jenen einer Kontrollgruppe, die den Test ohne den Schachtelaufbau absolvierte. Diese Unterschiede blieben auch bestehen, nachdem die Forscher Angaben zu möglichen anderen Erklärungen - wie Unsicherheit und Klaustrophobie in der Schachtel - aus den Resultaten herausrechneten. Offensichtlich reicht es aus, bewusst und körperlich "das Kasteldenken zu verlassen", um kreativer zu werden.

Selber ein Kastel werden

Noch ein Stück erstaunlicher war der nächste Schritt der Studie, bei der die Teilnehmer quasi selbst zum "Kastel" wurden. Einige der Probanden mussten dabei einen vorgegebenen rechteckigen Kurs mehrere Minuten lang abgehen, bevor sie eine weitere Kreativitätsübung (u.a. Drudel identifizieren) machten. Die anderen Teilnehmer durften vor dem Test kreuz und quer durch die Übungsstätte schlendern oder auf Sesseln sitzen.

Auch hier zeigte sich: Freiheit macht kreativ. Während sich die Antworten der "verkörperten Schachteln" und jene der Sitzengebliebenen eher ähnelten, waren die der frei Herumwandernden viel unterschiedlicher und kreativer.

Dass es schon ausreicht, sich ein "Kasteldenken" vorzustellen um unkreativer zu werden, zeigte dann der dritte Schritt von Angela Leung und ihren Kollegen. Dabei gingen manche der Versuchsteilnehmer wieder in Rechtecken auf und ab, diesmal aber nicht persönlich, sondern als Avatar in dem Computer-Simulationsspiel Second Life. Wieder waren ihre Lösungen im folgenden Test weniger originell als jene, die ihre Spielfiguren ohne vorgegebenen Plan bewegt hatten.

Flanieren für die Kreativität

Ähnliche Resultate erbrachten körperliche Umsetzungen anderer Redewendungen wie "zwei und zwei zusammenzählen" ("putting two and two together") und ein "Problem von der einen und von der anderen Seite betrachten" ("thinking about a problem on one hand and on the other hand").

"Körperliche Handlungen können eine geistige Fixiertheit überwinden und neue Verbindungen zwischen entfernten Ideen erleichtern, was kreative Problemlösungen fördert", schreiben die Forscher in ihrer Studie. Sie halten die Verbindungen von Körper und Geist, die sich in vielen Redewendungen verbergen, für mehr als nur Metaphern. Ein Tipp noch von Angela Leung: "Spazierengehen in der Freizeit oder zielloses Flanieren können dabei helfen, unsere gewohnten Denkmuster zu durchbrechen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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