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Frau aus der Jäger und Sammlerkultur der Hadza in Tansanie blickt auf einen Bogen Papier mit Bildern

Die Urversion Sozialer Netzwerke

Von Facebook hatten unsere steinzeitlichen Vorfahren noch nicht die geringste Ahnung. Sie lebten jedoch ebenfalls in sozialen, wenn auch weniger virtuellen Netzwerken. Forschern zufolge war deren Struktur den heutigen ganz ähnlich. Die menschliche Kooperationsfähigkeit könnte darin ihre Wurzeln haben.

Soziologie 26.01.2012

Rätselhafter Gemeinsinn

Die Studie in "Nature":

"Social networks and cooperation in hunter-gatherers" von Coren Apicella et al.

Im Kern ist die Natur bzw. das Leben eher grausam, jeder kämpft - vereinfacht gesprochen - um sein Überleben. Es gibt aber auch eine andere Seite: Einige Tiere wie auch der Mensch kooperieren und handeln selbstlos, sogar dann, wenn es sich um nicht verwandte Individuen handelt. Mit Darwins Evolutionstheorie ist dieses Verhalten nicht zu erklären. Bis heute zählt es zu den nicht restlos gelösten Rätseln. Man geht aber davon aus, dass selbstloses Verhalten immer auch einen - zumindest indirekten - Nutzen haben muss, d.h. Kooperation muss sich in jedem Fall lohnen.

Alle theoretischen Modelle, wie Verwandtenselektion, Reziprozität und Gruppenselektion beruhen daher auf einer Grundannahme. Das System muss es ermöglichen, dass sich die Kooperationswilligen mit all den andern zusammentun, die ebenfalls teilen wollen. "Wenn sich die Kooperativen zusammenfinden, kann sich Kooperation entwickeln", so Coren Apicella von der Harvard University, Hauptautorin der aktuellen Studie. Genau das sei durch soziale Netzwerke möglich.

Leben wie vor 12.000 Jahren

Es ist zwar nicht möglich, unsere Vorfahren zu ihrem Sozialleben zu befragen, aber heute noch existierende Jäger- und Sammlerkulturen dienen vielen Forschern gewissermaßen als Fenster in unsere Vergangenheit. Frühere Studien an isoliert lebenden Völkern konnten bereits zeigen, dass diese in erstaunlich komplexen Sozialstrukturen leben.

Für die aktuelle Untersuchung haben die Wissenschaftler die Hadza besucht, eine Volksgruppe in Tansania, eine der letzten Jäger- und Sammlerkulturen. Ihr Lebensraum ist heute bedroht, die Bevölkerung auf weniger als tausend Menschen geschrumpft. Der Lebensstil ähnelt in vielem jenem unserer Vorfahren, bevor sie vor etwa 12.000 Jahren sesshaft wurden. Sie sammeln wilde Früchte, Wurzeln, Nüsse und jagen Tiere wie Flamingos, Spitzmäuse oder Giraffen. Ihre Lieblingsspeise ist Honig, angeblich gibt es in ihrer Sprache Hadzane sogar sechs Wörter dafür.

Das Sammeln der Daten war den Forschern zufolge nicht ganz einfach, denn die nomadischen Hazda bewegen sich in einem unwegsamen Gebiet von über 4000 Quadratkilometern. In zwei Monaten konnten sie 205 Erwachsene aus sieben Siedlungen interviewen, dabei erfassten sie einerseits deren Kooperationsbereitschaft, andererseits ihr Freundschaftsgefüge.

Soziales Netzwerk der ersten Stunde

Zuerst befragten sie die Hadza mit Hilfe von Fotobögen, mit welchen Individuen sie im nächsten Lager zusammenleben wollten. Dann gaben sie jedem Teilnehmer drei Strohhalme mit Honig, die sie anonym irgendjemandem in ihrem Lager schenken konnten. Aus dieser Datenbasis konstruierten die Forscher ein soziales Netzwerk, mit 1.263 Verbindungen zu erwünschten Nachbarn und 426 Geschenks-Verknüpfungen.

Zusätzlich erhoben sie die individuelle Kooperationsbereitschaft, indem sie jedem drei weitere Honiggeschenke gaben, die er oder sie behalten oder der Gemeinschaft spenden konnten. Bei der Analyse des Netzwerks zeigte sich, dass Kooperationswillige und - unwillige jeweils eigene Cluster bilden. Diese Art der einschlägigen Zusammenrottung könnte den Forschern zufolge die Entwicklung der menschlichen Kooperationsfähigkeit begünstigt haben.

Wie die Analyse weiter ergab, sind die Struktur und die Dynamik des Netzwerks ganz generell von heutigen sozialen Netzen kaum zu unterscheiden, etwa was den Grad der Verknüpftheit zwischen ähnlichen Individuen oder die Transitivität von Freundschaft betrifft. Damit ist die Wahrscheinlichkeit gemeint, mit welcher Freunde ebenfalls befreundet sind. Weitere Kriterien bestätigen: Die antiken sozialen Netzwerke funktionierten wie die heutigen. "Was Menschen heute mit sozialen Medien machen ist im Prinzip dasselbe, was wir immer gemacht haben - nicht nur vor Facebook, sondern sogar vor der Sesshaftigkeit", so Koautor James Fowler von der University of California.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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