Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Ein Marxist auf Urlaub""

Porträtfoto von Paul Lazarsfeld

"Ein Marxist auf Urlaub"

Mit seinen Studien zu Arbeitslosigkeit und Massenkommunikation ist Paul Lazarsfeld im Österreich der Zwischenkriegszeit den Austromarxisten nahegestanden. Später in den USA entwickelte sich der Sozialforscher zu einem Pionier der Marktforschung - und wurde dadurch zu einem "Marxisten auf Urlaub", wie er sich selbst bezeichnet hat.

Paul Lazarsfeld 30.01.2012

Wie es Lazarsfeld auf diesem langjährigen Urlaub im Zentrum des Kapitalismus ergangen ist und wie an ihn heute noch in populären TV-Sendungen erinnert wird, erzählt der Historiker Eric Hounshell in einem science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Paul Lazarsfeld führte 1932 die RAVAG-Studie durch, die als Beginn der modernen Rundfunkforschung gilt. Was war der Hintergrund dieser Studie zum ORF-Vorgänger?

Der Historiker Eric Hounshell

IFK

Eric Hounshell schreibt seine Doktorarbeit am Department of History der University of California, Los Angeles und ist derzeit Fulbright-Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 30.1. hält Eric Hounshell einen Vortrag mit dem Titel "Paul F. Lazarsfeld and the Territories of Social Research".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Eric Hounshell: Lazarsfeld hat die Studie nicht konzipiert, sondern "nur" statistisch ausgewertet. Die Studie fällt in eine Zeit großer politischer Auseinandersetzungen in Österreich: mit dem "Roten Wien" auf der einen und der bürgerlichen Bundesregierung sowie den nichtsozialistischen Bundesländern auf der anderen Seite. Der Rundfunk, der damals noch dem Staatsmonopol unterlag, spielte dabei eine wichtige Rolle.

Es gab starke Bestrebungen, Radio "von unten" zu machen, und auch eine eigene Arbeiterradiobewegung. Zumindest in Deutschland war es in der Arbeiterbewegung üblich, Kurzwellensendungen zu hören, die aus Moskau ausgestrahlt wurden. Die RAVAG-Studie stand also inmitten großer politischer Auseinandersetzungen.

Eigentliches Ziel war es aber herauszufinden, was die Leute in Wirklichkeit hören wollen. Die Sozialdemokraten haben gemäß ihres austromarxistischen Programms natürlich gehofft, dass das aufklärerische Programme sein würden. Die Studie erbrachte aber das genaue Gegenteil: Die Hörer bevorzugten mehrheitlich leichte Musik und Unterhaltung.

Hatte das irgendwelche Auswirkungen auf das Radioprogramm?

Das weiß ich leider nicht. Ich habe mich mit Lazarsfeld beschäftigt, der Österreich kurz nach Veröffentlichung der Studie in Richtung USA verlassen hat. Ich weiß aber, dass sie stark gelesen wurde. Und ich halte sie auch unabhängig von der Massenkommunikationsforschung für ein wichtiges soziales Dokument.

Man sieht in ihr nämlich die schon damals enorme Bandbreite an Programmen, die ausgestrahlt wurden: Philosophievorlesungen, Fremdsprachenprogramme, Walzermusik, klassische Musik und vieles andere.

Lazarsfeld hat Österreich 1933 verlassen und den Großteil seines weiteren Lebens in den USA verbracht: Wie wichtig ist er dort heute für die Sozialwissenschaften?

Das hängt natürlich davon ab, mit wem man spricht. Soziologen, die mit quantitativen Methoden arbeiten, kennen ihn, US-Bachelor-Studenten eher nicht. Und es ist auch eine Frage der Zeit, wenn man etwa an die "latente Struktur- oder Klassenanalyse" denkt, die Lazarsfeld ab den 1940er Jahren entwickelt hat.

Diese Methode war in der quantitativen Sozialforschung sehr vielversprechend. In den 1970er Jahren ist sie aber nahezu ausgestorben, in der Fachliteratur dieser Zeit wurde sie als Sackgasse beschrieben. Mit dem Aufkommen der Computer erlebte die Methode ab den 1980er Jahren ein Revival. An meiner Heimatuni UCLA arbeitet heute eine Forschergruppe damit und setzt sie in ganz anderen Bereichen ein, wie z.B. in der Genetik. Und die Forscher wissen natürlich, wer die Methode erfunden hat.

In Ihrem Vortrag machen Sie auf eine Lazarsfeld-Referenz in einem sehr populären Medium aufmerksam: Gleich in der ersten Folge der TV-Serie Mad Men, die die Anfänge der amerikanischen Werbeindustrie in den 1960er Jahren darstellt, wird auf seine Exfrau Herta Herzog angespielt. Wie er war auch sie Sozialforscherin, später hat sie erfolgreich an der Werbung und am Image von Marken wie Coca Cola und Ford mitgearbeitet. Es gibt also anscheinend auch ein Wissen über die österreichischen Wurzeln der PR-Industrie in den USA …

Das stimmt. Und es gibt vermutlich ein größeres Interesse, die Geschichte des Konsums zu erforschen, als in Europa. Für Historiker und die Kollegen aus den Cultural Studies ist Lazarsfeld natürlich ein Begriff.

Was würden Sie sagen, ist sein wichtigstes Erbe?

Eine Schlüsseltheorie ist sicher das Modell des Zweistufenflusses der Kommunikation, d.h. die Annahme, dass Nutzer von Medien wie TV, Zeitungen oder Radio Nachrichten nicht direkt bekommen, sondern vermittelt über eine Gruppe von Meinungsführern. Mit diesen Meinungsführern, die die Nachrichten, die Mode, den Geschmack usw. filtern, stehen wir in direktem Kontakt.

Der US-Soziologe Todd Gitlin kritisiert, dass dieses Modell zu stark auf die kurzfristigen Wirkungen und das Verhältnis zwischen Individuen und Medien fokussiert und übersieht, wie die Massenmedien in die allgemeine Struktur der Gesellschaft passen, wie sie den politischen Prozess verzerren, wie sich die innere Logik der Nachrichtenproduktion - immer etwas Aufregendes schreiben und aktuell sein zu müssen - auswirkt.

Man kann, so die Kritik Gitlins, die Funktionsweise von Massenmedien nicht nur dadurch verstehen, dass man Leute fragt, ob sie wegen einer Werbekampagne öfter eine bestimmte Zahnpasta kaufen oder eher einen bestimmten Kandidaten wählen.

Diese Kritik führt zu einem möglichen biographischen Bruch: Lazarsfeld stammte aus dem Roten Wien, kam aus einem aufklärerischen Umfeld, hatte politische Ambitionen und dann betrieb er im Auftrag von Rockefeller- und Ford-Stiftung Konsumforschung. Wurde aus dem Sozialforscher Lazarsfeld in den USA der reine Marktforscher Lazarsfeld?

Das ist eine sehr interessante Frage, mit der sich schon viele Gelehrte beschäftigt haben. Gitlin etwa meinte, dass der austromarxistische Ansatz - den Menschen das zu geben, was sie wollen - immer schon instrumentell und manipulativ war. Ich finde das nicht besonders schlüssig. Lazarsfeld selbst hat sich einmal als einen "Marxisten auf Urlaub" bezeichnet.

Er hat sich später nie explizit gegen den Marxismus gewendet, er hatte in der neuen amerikanischen Umgebung schlicht nicht die Möglichkeit, seine Überzeugungen zu entwickeln. Als sein Rockefeller-Stipendium 1935 ausgelaufen ist, musste er alles tun um zu überleben und sich auf neuem Boden seinen Ruf als Sozialforscher aufzubauen.

Es ist wichtig zu betonen, dass auch die Rockefeller Foundation nicht unpolitisch war, auch sie interessierte sich für die Aufklärung der Massen, wiewohl ihr politisches Ziel ein liberaldemokratisches war. Auch das Radioprojekt der Universität Princeton, das Lazarsfeld leitete, hatte das Ziel, das kulturelle Niveau von Radioprogrammen zu heben.

Die Rockefeller-Stiftung hat übrigens den Aufstieg von Faschismus und Kommunismus in Europa erkannt und dachte, dass eine "demokratische Propaganda" nötig sei.

Auch wenn Sie keinen biographischen Bruch sehen, gab es doch Änderungen: Spiegeln sich diese auch in den Methoden wider, die Lazarsfeld verwendet hat? Die "Arbeitslosen von Marienthal" waren ja noch ein Mix aus quantitativen und qualitativen Methoden der Sozialforschung, Menschen wurden im Alltag beobachtet, ihr Verhalten aufgeschrieben, Aufsätze von Schülern ausgewertet etc.

Lazarsfeld hat in den USA noch einige Studien zu Arbeitslosen während der wirtschaftlichen Depression gemacht, aber niemals in der ethnographischen Dimension der Marienthal-Studie. Teile dieses Feldforschungs-Ansatzes sind später in die Studie "Personal Influence" eingeflossen, die auch das Zweistufenmodell der Kommunikation enthält.

Zu Studienbeginn in den 1940er Jahren hat er die verschiedenen sozialen Gruppen der Kleinstadt Decatur in Illinois noch genau beobachtet - allerdings nur um herauszufinden, wie man am besten die Befragungsunterlagen macht, in denen es dann um das Kommunikationsverhalten gegangen ist. Marienthal stand da Pate, aber nur zur Fixierung des Studiendesigns.

Sie wollten in Ihrem Vortrag ursprünglich mehr über die recht unbekannte Zeit von Lazarsfeld in Paris berichten, warum tun Sie das jetzt nicht?

Ich hatte noch zu wenig Zeit für die Recherche, es wird aber Teil meiner Dissertation werden. Paris ist eine interessante Coda zur intellektuellen Biografie von Lazarsfeld, dort wurden seine Methoden von Forschern wieder angewendet, die zum Teil einen ganz anderen theoretischen Rahmen hatten, wie z.B. Pierre Bourdieu.

Bourdieu hat im Vorwort der französischen Version der Marienthal-Studie in etwa gemeint, dass es sich dabei um das "am wenigsten enttäuschende Werke von Lazarsfeld" handle, weil es eben noch diesen Mix aus Ethnografie und quantitativen Methoden hatte.

Haben sich die beiden trotz ihrer intellektuellen Abneigung getroffen?

Ja, in der Tat. Bourdieu schreibt in seiner posthum erschienenen Autobiografie, dass er trotz der Mahnung der "autorisierten Agenten des Meisters im Land der Missionierung" es ablehnte, die überfüllten Vorlesungen Lazarsfelds an der Sorbonne zu besuchen, da er nicht mochte, wofür dieser methodologisch sowie politisch stand.

Er bezeichnete ihn als "ehemaligen Sozialisten, der zum Sprecher des wissenschaftlichen Imperialismus" wurde. Das hielt Bourdieu aber nicht ab, seine Methoden aus Büchern zu lernen und für seine eigene Wissenschaft zu verwenden.

In den späten 1960er Jahren haben sie sich dann aber doch kennengelernt. Lazarsfeld habe ihn zu sich ins Hotel gerufen - auch hier wieder betont Bourdieu die damalige Hierarchie zwischen den beiden - und für seine Studie zur "Die Liebe zur Kunst" sehr gelobt. Es sei eines der besten Dinge gewesen, die Lazarsfeld je gelesen habe, und man spürt den Stolz in Bourdieus Worten.

Öffentlich habe das Lazarsfeld aber nicht äußern können, meint Bourdieu, da sein ehemaliger Student und Vertrauter Raymond Boudon eine akademische Konkurrent von Bourdieu gewesen sei.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: