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Paar am schön gedeckten Tisch zum Abendessen

Wir essen wie unser Gegenüber

Eigentlich dient Essen der Nahrungsaufnahme, gleichzeitig ist es aber ein wichtiger Teil unseres sozialen Lebens, denn in der Regel isst der Mensch nicht allein. Das prägt auch die Art, wie wir essen. Forschern zufolge imitieren wir dabei unser Gegenüber.

Sozialverhalten 02.02.2012

Essen als soziales Ereignis

Wie andere soziale Tiere isst der Mensch häufig in Gruppen. Insofern ist es wenig überraschend, dass unser Essverhalten sozial geprägt wird. Die Gegenwart anderer wirkt sich beispielsweise darauf aus, wie viel wir zu uns nehmen. Studien zufolge konsumieren Menschen in der Gruppe generell größere Mengen als alleine. Ist man jedoch von "schlechten" Essern umgeben, drosselt das auch die eigene Kalorienaufnahme. Diese soziale Ansteckung ist offenbar stärker als jedes körperliche Bedürfnis.

Zur Studie in "PLoS ONE":

"Mimicry of Food Intake: The Dynamic Interply between Eating Companions" von Roel C.J. Hermans et al.

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür. Die Anpassung könnte etwa mit sozialen Normen zu tun haben. D.h., wir orientieren uns an den anderen, um nicht unmäßig zu erscheinen. Besonders bei Frauen könnte dies laut den Forschern um Roel C.J. Hermans von der holländischen Radboud Universiteit Nijmegen durchaus zutreffen. Es könnte ja einen schlechten Eindruck hinterlassen, wenn man große Mengen zu sich nimmt. Aspekte der direkten Interaktion kämen bei diesem Ansatz aber zu kurz. In ihrer aktuellen Untersuchung hat das Team daher nun untersucht, welche Rolle die direkte Nachahmung beim Essverhalten spielt.

Wie spiegeln unser Gegenüber

Die Imitation spielt beim Sozialverhalten eine wichtige Rolle, auf dieser simplen Basis basiert letztlich jegliches soziales Lernen. Viele Studien zeigen, dass Menschen unabsichtlich ihre Verhaltensweisen an andere anpassen. In Gesprächen ahmen wir z.B. automatisch die Gesten unseres Gegenübers nach, manchmal sogar den Akzent. Auch Lächeln oder Gähnen sind bekanntermaßen ansteckend.

Vermutlich sind Wahrnehmen und Handeln neuronal eng verknüpft. Sogenannte Spiegelneuronen sollen dafür verantwortlich sein. Sehen wir eine bestimmte Bewegung, wird gleichzeitig unser entsprechendes motorisches Zentrum aktiviert, und mehr oder weniger automatisch wiederholt man dieselbe Bewegung. Diese Form der Mimikry tritt laut den Wissenschaftlern noch extremer zu Tage, wenn man Nähe zu seinem Gegenüber herstellen will.

Synchronessen

Umgelegt auf das Essverhalten bedeutet das Ganze: Jedes Mal, wenn mein Tischnachbar einen Bissen nimmt, führe ich ebenfalls die Gabel zum Mund. Ob das zutrifft, haben die Forscher in ihrem Experiment untersucht. 140 normalgewichtige junge Frauen wurden dabei paarweise bei einem 20-minütigem Essen von einem Nebenraum aus mit einer Kamera beobachtet. Jeweils eine hatte zuvor konkrete Anweisungen zu ihrem Essverhalten bzw. der Nahrungsmenge bekommen.

Die Auswertung der Aufzeichnungen zeigte, dass die meisten Paare tatsächlich relativ synchron aßen, fünf Sekunden nachdem eine der Frauen einen Bissen zum Mund geführt hat, tat es ihr die zweite in den meisten Fällen gleich. Besonders stark war die Übereinstimmung zu Beginn des Mahls, etwa dreimal so groß wie zum Ende hin. Das hat den Forschern zufolge möglicherweise damit zu tun, dass das Bedürfnis zu gefallen oder gemocht zu werden, am Anfang besonders stark war; immerhin hatten sich die Teilnehmerinnen zum ersten Mal gesehen. Ob auch andere soziale Gruppen bei der Nahrungsaufnahme so stark zu Imitation neigen wie die jungen Frauen, müsse in anderen Experimenten untersucht werden.

Nach Ansicht der Forscher sind vermutlich sowohl soziale Normen als auch direkte Imitation für die sichtbare Anpassung beim Essverhalten verantwortlich. Wichtig sei es jedoch vor allem, diesen starken Umwelteinfluss zu erkennen. Er verdeutlicht einmal mehr, warum es für viele so schwer ist, gesund zu essen, besonders in Gesellschaft.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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