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Kopf des Apollon vom Westgiebel des Zeus-Tempels in Olympia

Olympia: Der Kampf um die Unsterblichkeit

Die Olympischen Spiele waren über ein Jahrtausend lang eines der wichtigsten Großereignisse der Antike - ein Fest zu Ehren des Zeus, in dem Sport, Gewalt, Sex und Religion voneinander nicht zu trennen waren. Die Wettkämpfer scheuten weder Kosten noch Mühen, um Ruhm und Unsterblichkeit zu erlangen.

Antike 07.03.2012

Im Gespräch mit ORF.at verrät die Archäologin Judith M. Barringer, ob der Geist dieser Spiele auch heute noch lebendig ist.

ORF.at: Was sind aus Ihrer Sicht die populärsten Irrtümer über Olympia?

Judith M. Barringer: Zunächst muss man zwischen dem Ort Olympia und den Olympischen Spielen der Antike unterscheiden. Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin zu glauben, dass schon in der Antike Stadtstaaten bei den Spielen gegeneinander angetreten seien. Die Stadtstaaten haben aber die Athleten nicht entsandt. Sie kamen aus eigenem Antrieb. Falsch ist auch die Annahme, dass es bei den antiken Olympischen Spielen Geldpreise gegeben haben soll. Sicher bekamen die Athleten in manchen Städten nach ihrem Sieg auch Geld, aber der Ruhm war ihnen wichtiger.

Modell Olympia

Hans R. Goette

Modell des antiken Olympia: Im Zentrum der Zeustempel, im Hintergrund das Stadion
Judith M. Barringer

Günter Hack, ORF.at

Judith M. Barringer ist seit 2005 Inhaberin des Lehrstuhls für Griechische Kunst und Archäologie der Universität Edinburgh, Schottland. Sie hat mehrere Bücher über die Kunst im antiken Griechenland verfasst, zuletzt "Art, Myth, and Ritual in Classical Greece" (2008), in dem sie den mythologischen Kontext von Skulpturen in wichtigen Kultzentren und Städten wie Olympia, Delphi und Athen untersucht. Im Wintersemester 2011/2012 war sie Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz (IFK) in Wien, wo sie an ihrem Projekt über die Kulturgeschichte Olympias und seiner Monumente gearbeitet hat.

ORF.at dankt Hans Rupprecht Goette, der zu diesem Artikel Bilder aus seinem Archiv bereitgestellt hat.

Weiterhin sind sich heute die meisten Menschen nicht des religiösen Ursprungs der Olympischen Spiele und ähnlicher Veranstaltungen im antiken Griechenland bewusst. Und schließlich passt die heute so stark präsente Idee von Frieden und Harmonie zwischen den Menschen und Nationen überhaupt nicht zum griechischen Charakter in der Antike. Ja, es gab den Olympischen Frieden, aber der war auch bitter notwendig. Denn die Griechen waren extrem kämpferisch und wettbewerbsorientiert. Nicht einmal der Olympische Friede wurde immer eingehalten. Der Historiker Xenophon hat im vierten Jahrhundert vor Christus einen Kampf beschrieben, der während der Spiele in Olympia stattgefunden hat.

Wenn die Stadtstaaten die Athleten nicht entsandt haben, wie kamen sie dann nach Olympia?

Die Athleten standen nur für sich selbst. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den modernen Spielen. Ein Mann kam nach Olympia, weil er sich im Wettkampf beweisen wollte. Er wurde nicht von seiner Stadt geschickt, er bekam von ihr nicht einmal Geld - wobei sich das im Lauf der Geschichte ändern sollte.

Bis zum Ende des fünften Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung waren die Athleten in der Regel Aristokraten, weil sie die Einzigen waren, die genug Zeit und Geld hatten, um trainieren zu können. Es war teuer, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Man musste seine Felder und sein Geschäft zurücklassen. So etwas macht man nicht, wenn man sich nicht vorher eine Chance auf einen Sieg ausgerechnet hat.

Gegen Ende des fünften Jahrhunderts tauchen dann die ersten professionellen Athleten auf, vorher traten dort nur Amateure an. Es gab ja nicht nur Olympia, sondern auch die drei anderen wichtigen überregionalen Spiele in Nemea, Delphi und Korinth (Isthmische Spiele) sowie zahlreiche andere Wettkämpfe. Jede Stadt hatte ihre eigenen Spiele, in einigen von ihnen gab es Geldpreise zu gewinnen. Manche Städte belohnten ihre Olympiasieger auch damit, dass sie für den Rest ihres Lebens keine Steuern mehr zu zahlen brauchten. Andere gaben ihnen lebenslang kostenlos Essen und Wohnung.

Gab es in den Städten einen Auswahlprozess der Athleten?

Bisher haben wir dafür keine Anhaltspunkte gefunden. Wir wissen es nicht. Wir wissen, dass von Olympia aus Boten in die Städte geschickt wurden, die öffentlich ankündigten, wann die Spiele stattfinden würden. Die Spiele dauerten in der Anfangszeit nur einige Tage, vielleicht eine Woche. Um 472 vor unserer Zeitrechnung wurden die Spiele neu organisiert, sie wurden länger, es gab mehr Wettbewerbe, im fünften Jahrhundert wurden beispielsweise die Pferderennen so richtig populär.

Kopf der Statue eines Boxers aus Olympia

Hans R. Goette

Kopf der Statue eines Boxers

Links:

Teilnehmen durften ohnehin nur Männer, oder?

Bei den Olympischen Spielen selbst, ja. Aber es gab ein eigenes Rennen für junge Frauen, das höchstwahrscheinlich kurz nach den Spielen stattgefunden hat. Davon wissen wir aber nur aus einer Quelle aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, von dem Reiseschriftsteller Pausanias. Das Rennen fand zur Ehre der Göttin Hera statt, der Gemahlin des Zeus.

Die jungen Frauen liefen - mit einer ihrer Brüste entblößt - unter der Aufsicht von 16 Frauen aus der nahegelegenen Stadt Elis um die Wette. Die Siegerin bekam ein Tier, das dann der Hera geopfert wurde. Es gibt Forscher, die das Rennen für einen Übergangsritus für junge Frauen vor der Heirat halten. Überhaupt spielt das Heiraten in Olympia eine wichtige Rolle. Sowohl Zeus als auch Hera wurden dort verehrt, das Thema der Vermählung scheint auch in den Giebelskulpturen des Zeustempels auf.

Bei den Olympischen Spielen traten die Athleten ja nackt auf. Verheiratete Frauen durften ihnen nicht zusehen, ledige aber sehr wohl. Im antiken Griechenland durften sich junge Frauen ihre Ehemänner nicht selbst aussuchen, das war Sache ihres Vaters. Aber sie hatten bei den Spielen Gelegenheit, die unbekleideten Männer zu betrachten. Was sie sich dabei zugeflüstert haben, wissen wir heute nicht mehr, aber in den Gedichten des Pindar gibt es Beispiele.

Welche Wettbewerbe gab es bei den antiken Olympischen Spielen?

Es gab Wettläufe in verschiedenen Längen, dann den Waffenlauf in voller Rüstung, den Fünfkampf, Ringen, Boxen, auch Wagenrennen mit Pferden, sogar mit Eseln. Letztere waren aber nicht besonders populär und wurden schnell wieder abgeschafft.

Wettrennen in Waffen. Das klingt kriegerisch.

Das Militärische ist mit Olympia stark verbunden. An Wänden am Stadion waren Waffen befestigt, die an vergangene Triumphe in Kriegen erinnern sollten. Sie waren auch Dankesopfer an Zeus, der den erfolgreichen Städten den Sieg geschenkt hat.

Detail der Skulpturen vom Westgiebel des Zeus-Tempels

Hans R. Goette

Zentaur im Kampf mit Göttern: Detail vom Westgiebel des Zeustempels

Im Zeustempel wurden auch die Schilde für den Hoplitodromos, den Waffenlauf, aufbewahrt. Sie waren alle gleich groß und gleich schwer. Dieser Teil der Sportausrüstung stand also im Tempel des Zeus, was auch aufgrund ihres kriegerischen Charakters sehr gut gepasst hat. Solche Aspekte sind in Olympia in einer komplexen Wechselwirkung miteinander verknüpft, die es an anderen Orten so nicht gegeben hat.

Die Spiele gingen aus einem religiösen Fest hervor. Welche Rolle spielte dieser Aspekt?

Es ist nicht möglich, im alten Olympia zwischen sportlichen und religiösen Aktivitäten zu unterscheiden. Die Wettkämpfe fanden zu Ehren Zeus' statt. Ursprünglich war es so, dass die Athleten beim Wettlauf auf den Altar des Zeus zugerannt sind. Erst später wurde das Stadion etwas vom Tempelbezirk weg verlegt, aus Platzgründen.

Unsere heutige Auffassung von Sport unterscheidet sich tiefgreifend von jener der Antike. Die Männer traten zu Ehren des Zeus gegeneinander an. Zeus spendet den Sieg, das gilt sowohl im sportlichen Wettkampf als auch im Krieg. Auch die Architektur macht das deutlich. An der Ostseite des Zeustempels, wo sich die Athleten nach dem Wettkampf versammelten und gekrönt wurden, gab es eine Skulptur des Gottes, die ein Band in der Hand hielt, das in der dargestellten Szene aus der Mythologie dem Sieger verliehen wurde.

Die Athleten fanden sich inmitten Hunderter von Statuen von Göttern, siegreichen Wettkämpfern und Helden wieder, die auf dem Gelände aufgestellt waren. Dieses komplizierte Netzwerk aus Statuen und Gebäuden, ihr Verhältnis untereinander, das ist es, was mich interessiert.

Die Sieger präsentierten sich also im Rahmen der Statuen. Kann man sagen, dass damit der Unterschied zwischen Göttern und Sterblichen, zwischen den lebenden und den toten Helden verwischt werden sollte?

Ja. Zuerst erhielten die Sieger nach ihrem Triumph ihre Kränze, sie standen dabei inmitten der Statuen. Anschließend hatten sie das Recht, eine Statue von sich selbst dort aufstellen zu lassen. Die Grenzen zwischen dem Heroischen und der Leistung von Menschen verschwammen dadurch. Das ist ein wichtiges Konzept in Olympia.

Modell des Zeustempels in Olympia

Hans R. Goette

Modell des Zeustempels mit einigen Statuen

Die Statuen der Sieger gab es auch an anderen Orten wie in Delphi, aber nicht in derart großer Zahl - bei den isthmischen und nemeeischen Spielen gab es sie gar nicht. In Olympia aber gab es Hunderte. In einigen besonderen Fällen wurden die Sieger auch noch nach ihrem Tod als Helden verehrt, man baute ihnen Schreine, und die Menschen brachten ihnen Opfer dar. Im antiken Griechenland gab es das wichtige Konzept des Kleos, des unsterblichen Ruhms. Um diesen Ruhm ging es den Athleten zuallererst.

Man hat die Körper der Sieger in den Statuen auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit verewigt. Man liest ja oft davon, wie sich Schönheitsideale mit der Zeit ändern. Viele der erhaltenen Skulpturen aus dem antiken Olympia empfinden wir aber heute noch als schön.

Für die westlichen Kulturen stimmt das sicher. Ich muss auch zugeben, dass ich mich persönlich zuerst für die Schönheit der antiken griechischen Skulpturen interessiert habe und darüber dann zur Archäologie gekommen bin. Die Idee, dass es ästhetische Werte gibt, ist im Westen ja im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt worden, vor allem von Deutschen. Wir haben aber auch heute noch oft falsche Vorstellungen von der griechischen Kunst der Antike.

Ruine des Zeus-Tempels in Olympia

Hans R. Goette

Blick auf die Ruine des Zeustempels mit rekonstruierter Säule

So handelt es sich bei den meisten Marmorskulpturen, die wir heute in den Museen zu Gesicht bekommen, nicht um die Originale, sondern um römische Kopien. Die meisten frei stehenden griechischen Skulpturen aus dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung waren nicht aus Marmor, sondern aus Bronze gefertigt. Bronze war wertvoll, und nach dem Ende der antiken Olympischen Spiele wurden die Statuen eingeschmolzen und gingen verloren.

Wenn wir es mit Statuen aus Marmor zu tun haben, dann waren diese nicht weiß, sondern bemalt, wie wir heute wissen, zuweilen auch in sehr grellen Farben, die nach unserem heutigen Empfinden kitschig wirken würden. Die Vorstellung der rein weißen Marmorstatuen stammt noch aus dem 19. Jahrhundert, ebenso übrigens wie die Ästhetisierung der Ruinen. Die meisten Menschen mögen also eine Vorstellung des antiken Griechenland, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat.

Von wegen Ruinen: Das antike Olympia musste mit der griechisch-römischen Götterwelt untergehen.

Kaiser Theodosius I. hat 393 die Olympischen Spiele verboten, sie fanden offiziell erst wieder 1896 statt, nachdem Pierre de Coubertin sie unter anderen Voraussetzungen wiederbelebt hat. Das Gelände selbst fiel mutwilligen Zerstörungen, Erdbeben und Überschwemmungen zum Opfer. Ein interessantes Detail ist die Werkstatt des Phidias, die auch zu den Gebäuden der antiken Olympischen Stätte zählt. Phidias war ein berühmter Bildhauer, der die monumentale Statue des Zeus in dessen Tempel in Olympia geschaffen hat.

Modell der Statue des Zeus in dessen Tempel in Olympia

Hans R. Goette

Modell des Zeustempels mit entferntem Dach und Blick auf die Monumentalstatue

Man hat in dem Haus zahlreiche Werkzeuge gefunden, beispielsweise Formen aus Glas, die dazu hergestellt wurden, den Faltenwurf des Gewandes des Zeus herzustellen. Man hat auch einen berühmten Trinkbecher gefunden, dessen Aufschrift im Wesentlichen "Ich gehöre Phidias" bedeutet - einige Experten haben aber infrage gestellt, dass der Becher tatsächlich zum Eigentum des Bildhauers zählte.

Nachdem die Olympischen Spiele verboten worden waren, bauten Christen die Werkstatt in eine Kirche um. Die Überreste sind auch heute noch deutlich sichtbar. Ausgrabungen haben gezeigt, wie christliche Gebäude mit der Zeit die antiken Stätten überlagert haben - Olympia ist eine Art Palimpsest. Irgendwann fiel der Ort aber der Vergessenheit anheim, bis zum 7. Jahrhundert wurde er mehrmals überflutet.

Aber die Idee der Spiele hat doch bis heute überlebt?

Das ist auch ein Irrtum. In der Antike kamen zwar Menschen aus verschiedenen Städten und Kolonien im Mittelmeerraum zu den panhellenischen Spielen. Aber die Menschen außerhalb ihres eigenen Kulturraums wurden von den antiken Griechen als Barbaren betrachtet.

Das ist ein großer Unterschied zu den modernen Olympischen Spielen. Hier gibt es die Idee, dass alle Menschen miteinander in Harmonie leben können, was natürlich auch ein Mythos ist. Aber es ist ein Mythos, den wir gerne annehmen, wenn die Spiele wieder bevorstehen.

Interview: Günter Hack, ORF.at

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