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Blauer Himmel mit Wolken

Ein Ort des Klimaschutzes

Die Gemeinde Großschönau im Waldviertel will zu einer sogenannten Zero Carbon Town werden, also kein CO2 mehr verursachen bzw. das entstandene durch geeignete Maßnahmen kompensieren - ein Ansatz, den bisher nur wenige Städte und Dörfer verfolgen.

ÖkoScience 06.02.2012

Begleitet wird Großschönau bei dem Vorhaben von der Energy Economics Group der TU Wien. Im Interview mit science.ORF.at erzählt Projektleiter Wolfgang Prüggler, wie eine Gemeinde ihr gesamtes CO2 kompensieren könnte und was die Stolpersteine am Weg dorthin sind.

science.ORF.at: Zero Carbon Town klingt nach einer Stadt, die kein CO2 mehr emittiert. Ist so etwas möglich?

Porträt Wolfgang Prüggler

Prüggler

Zur Person:

Wolfgang Prüggler ist Energieökonom und Wissenschaftler der Energy Economics Group der TU Wien und leitet dort das Projekt Zero Carbon Town Großschönau.

Wolfgang Prüggler: Eine Zero Carbon Town ist eine Stadt oder Gemeinde , welche in der Gesamtheit aller Lebens- und Energieversorgungsbereiche keine CO2-Emissionen verursacht. Jeglicher Verbrauch von Energie in allen Bereichen des täglichen Lebens - Verkehr, Strom, Wärme, Kleidung, Ernährung usw. - verursacht CO2-Emissionen, die einer Gemeinde oder Stadt zuzurechnen sind.

Durch Steigerung der Effizienz der Energienutzung und der vermehrten Nutzung von regenerativen Energiequellen kann diese CO2-Bilanz verbessert werden. Kann schließlich eine ausgeglichene Bilanz zwischen allen verursachten CO2-Emissionen und den Maßnahmen zur Bindung bzw. Vermeidung von CO2 Emissionen erreicht werden, ist eine Zero Carbon Town realisiert.

Der Verkehr ist derzeit stark von fossilen Energieträgern abhängig. Ist er vom Konzept der Zero Carbon Town ausgenommen?

Nein, im Projekt wird versucht alle Sparten so gut wie möglich abzubilden. Entsprechende Maßnahmen sind daher auch im Verkehrssektor vorgesehen. Jedoch wird bei der derzeitigen fossilen Gestaltung des Verkehrssektors eine ausgeglichene CO2-Bilanz sehr schwer zu erreichen sein.

Das heißt, dass die fossilen CO2-Emissionen des Verkehrs, zwar nicht verhindert, aber durch andere Maßnahmen ausgeglichen werden?

Teilweise ist eine Verhinderung durch Elektromobilität angedacht. Der Rest für eine ausgeglichene CO2-Bilanz sollte durch andere Maßnahmen ermöglicht werden.

Gibt es in Österreich schon eine Zero Carbon Town?

ORF-Themenschwerpunkte

Die UNO hat 2012 zum "Internationalen Jahr der erneuerbaren Energien für alle" erklärt. Aus diesem Anlass präsentiert der ORF vom 4. bis 10. Februar 2012 im Rahmen seiner Initiative "Unser Klima" den medienübergreifenden Programmschwerpunkt "Unser Klima: Es liegt in unserer Hand!".

Das Ö1-Wissenschaftsjahr 2012 widmet sich unter dem Titel "ÖkoScience" der Forschung für Nachhaltige Entwicklungen.

Ö1-Sendungshinweise

Dem ORF-Schwerpunkt "Unser Klima" widmen sich diese Woche auch die Beiträge in "Wissen aktuell", 6. bis 10. Februar, 13:55.

Mit dem Thema Energie beschäftigt sich die heutige Sendung der Dimensionen: "Klimaschutz oder Naturschutz? Wasserkraft im Spannungsfeld der Interessen", Montag, 06. Februar 2012, 19:05. Gestaltung: Sonja Bettel.

Es gibt unterschiedliche Modellregionen in Österreich, zum Beipiel Großschönau, Güssing, Murau, Salzburg und viele andere, in denen Maßnahmen zur CO2-Reduktion und Energieunabhängigkeit für unterschiedliche Versorgungssparten, zum Beispiel Strom oder Wärme, konzipiert und demonstriert werden. Eine vollständige Zero Carbon Town, in der alle Versorgungs- und Lebensbereiche in einer Stadt oder Gemeinde CO2-neutral gestaltet werden, ist mir bis dato nicht bekannt.

Gibt es Beispiele in anderen Ländern?

Es gibt diverse Initiativen in Deutschland, zum Beispiel die Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber oder E-Energy-Modellregionen, in der EU diverse Smart-Cities-Initiativen und weltweit zum Beispiel nachhaltige Stadtteile in Dubai, die in diese Richtung gehen. Eine vollständige Zero Carbon Town ist mir bis jetzt jedoch auch im Ausland nicht bekannt.

Welche Voraussetzungen braucht es für eine Zero-Carbon Town?

Der gesamte Energieverbrauch je Energiesparte in der Gemeinde bzw. Stadt ist detailliert zu erheben. Darüber hinaus muss die Energieeffizienz forciert und müssen der Wille der Bevölkerung und die Initiativen der Politik gefördert werden. Regional verfügbare und erneuerbare Energiequellen sind von Vorteil. Und die ganzen Maßnahmen müssen natürlich finanziert werden.

Welche Hindernisse bestehen?

Hindernisse sind vor allem der Widerstand der Bevölkerung, fehlendes Bewusstsein, fehlende Finanzierung, zu hohe Kosten, sowie zu geringe Zahlungsbereitschaft und fehlender politischer Wille.

Bis wann soll Großschönau zur Zero Carbon Town werden?

Im Projekt werden vor allem mögliche Maßnahmen erhoben und ökonomisch bewertet. Die Maßnahmen werden nach ökonomischer und ökologischer Sinnhaftigkeit gereiht und es werden die Gesamtkosten dargestellt. Auch die Möglichkeiten und Kosten der CO2-Reduktion in anderen Ländern, zum Beispiel in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern, werden in dieser Bewertung berücksichtigt. Eine Aussage zu treffen, wann, wie und zu welchen Kosten Großschönau zur Zero Carbon Town werden könnte ist derzeit zu früh. Diese Ergebnisse werden zu Projektende erwartet.

Woher kommt die Energie in einer Zero Carbon Town? Kann das in Bezug auf Ressourcen- und auch Flächenverbrauch für alle Gemeinden in Österreich funktionieren?

Die Projektergebnisse werden die Möglichkeiten in Großschönau aufzeigen. Eine detaillierte Aussage ist daher erst nach Projektende sinnvoll.

Interview: Mark Hammer

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