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"Bedingung im Uterus prägt das Leben"

Fingerlängen sagen Forschern zufolge etwas über den Hormonspiegel aus - unter Umständen sogar über den Charakter. Die Anthropologin Katrin Schäfer erklärt in einem Interview die Zusammenhänge: Prägungen im Mutterbauch, sexuelle Orientierung, beruflicher Erfolg.

Anthropologie 15.02.2012

science.ORF.at: Wenn ich einer Anthropologin die Hand gebe: Dann erfährt sie etwas über mich, oder?

Katrin Schäfer: Wir blicken nicht in Ihre Seele, wenn wir Ihre Hand anschauen. Aber es gibt durchaus Dinge, die man an der Hand ablesen kann. Eine solche Größe ist das Längenverhältnis von Zeige- zu Ringfinger.

Was sagt dieses Verhältnis über Menschen aus?

Das Spannende ist, dass sich das nicht nur auf Menschen bezieht, sondern auch auf diverse Tierarten. Ganz grundsätzlich: Das Verhältnis sagt etwas über die pränatale Umgebung aus. Wenn ein Fötus im Mutterbauch einem hohen Testosteronspiegel ausgesetzt war, dann bekommt er einen längeren Ringfinger (kurz: 4D) als Zeigefinger (2D). Das heißt, das 2D:4D-Verhältnis, wie es in der Fachsprache genannt wird, ist klein.

Das ist die Ursache dafür, dass Männer in der Regel relativ kürzere Zeigefinger bzw. längere Ringfinger haben als Frauen?

Genau, das Verhältnis ist verschoben.

Katrin Schaefer

Katrin Schäfer

Katrin Schäfer ist stellvertretende Leiterin des Departments für Anthropologie der Universität Wien.

Dieser Geschlechtsunterschied ist schon mindestens seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Wie kommt man überhaupt dazu, die Fingerlängen zu vermessen?

Nun, ich denke Geschlechtsunterschiede wurden immer schon als interessant empfunden. In historischer Zeit hatte man allerdings keine Ahnung, wie diese Unterschiede entstehen. Heute weiß man natürlich mehr darüber - aber ganz verstanden ist es immer noch nicht.

Eine Arbeit aus dem Jahr 1875 zu diesem Thema trägt den Titel "Einige Bemerkungen über einen schwankenden Charakter in der Hand des Menschen." Kennen Sie die zufällig?

Nein, klingt aber spannend. Nur muss man - wie dieser Titel impliziert - aufpassen, nicht eins zu eins von körperlichen auf geistige oder mentale Merkmale zu schließen.

Das haben Anthropologen und Psychologen aber getan. Sie korrelieren die Fingerlängen sehr wohl mit Charaktereigenschaften und Verhalten, weil Hormone auch die Hirnentwicklung steuern. Was die Sache zugleich interessant und brisant macht.

Stimmt. Vor allem bei Männern scheint es statistische Zusammenhänge zu geben - bei Frauen sind sie hingegen viel schwächer. Das liegt wohl daran, dass es dabei um das Testosteron geht, das bei Männern eben stärker vorhanden ist. Die Theorie dazu heißt "fetal programming hypothesis", sie besagt in Kurzform: Die Verhältnisse im Mutterbauch haben prägende Effekte auf das Leben. Sie wirken sich noch Jahre später, mitunter sogar im Erwachsenenalter aus.

Beim 2D:4D-Verhältnis geht es wie gesagt um das Testosteron in der Gebärmutter, allerdings ist das komplexer, als wir es gerne hätten. Denn wie stark das Testosteron auf den Fötus wirkt, hängt von drei Faktoren ab: erstens das Testosteron der Mutter, zweitens das Testosteron des Fötus und drittens die Zahl der Testosteronrezeptoren des Fötus. Wenn letztere niedrig ist, dann kann der Fötus förmlich schwimmen in Testosteron - und es gibt dennoch eine geringe Hormonwirkung.

Mitunter werden die absonderlichsten Dinge mit Fingerlängen korreliert. Vor drei Jahren wurde etwa gezeigt, dass Börsenhändler mit relativ langen Ringfingern/kurzen Zeigefingern mehr Gewinn machen.

Das mag überraschend klingen. Aber mit Testosteron sind etwa Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Abenteuerlust und dergleichen gekoppelt. Insofern kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich das auf den Beruf auswirkt.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Forschungsarbeit von Katrin Schäfer berichtet auch Wissen Aktuell am 15.2. um 13:55.

Das klingt ein wenig so, als wäre viel Testosteron immer besser. Müssten dann nicht die Männer im Laufe der Zeit immer maskuliner werden?

Nein. Erstens gibt es auch für Männer verschiedene Strategien, sich fortzupflanzen. Und die klassisch dominante Strategie ist nur eine davon. Zweitens werden Männer mit hohem Testosteronspiegel nicht unbedingt als attraktiver empfunden. Und drittens hat das Testosteron auch Nachteile.

Welche zum Beispiel?

Er wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus.

Man wird öfter krank, wenn die Hormone flottieren?

Ja, man ist zumindest anfälliger.

Es gibt auch Studien, die die sexuelle Orientierung mit der Fingerlänge in Zusammenhang setzen. Transsexuelle Männer haben offenbar eine "weiblicheres" 2D:4D-Verhältnis.

Es gibt auch Studien, die das Gegenteil sagen. Das ist alles nicht so einfach.

Welche Rolle spielen eigentlich die Mütter in diesem Zusammenhang?

Das wurde noch nicht ausreichend untersucht. Aber es könnte sein, dass sie den Testosteronwert im Mutterbauch regeln können. Nicht bewusst, aber als Reaktion auf die Umwelt, die sozialen Verhältnisse etwa. Es könnte sein, dass die Kinder je nach hormonellem Einfluss im Uterus unterschiedlich aussehen und eventuell später auch unterschiedlich behandelt werden.

Die Studie

"Second-to-fourth digit ratio and facial shape in boys: the lower the digit ratio, the more robust the face", Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences online (doi: 10.1098/rspb.2011.2351).

Gesichtsform von Buben - Trends am Computer dargestellt

Sonja Windhager, Katrin Schäfer

Je kürzer der Zeigefinger im Verhältnis zum Ringfinger, desto robuster ist das Gesicht von Buben.

Sie haben soeben eine Studie veröffentlicht, im Rahmen derer sie Buben zwischen vier und elf Jahren untersucht haben: Solche mit niedrigem 2D:4D-Verhältnis hatten eher robuste Gesichter, solche mit hohem Verhältnis eher ein Babyface.

Dass es so etwas bei Erwachsenen gibt, war schon früher klar. Die Frage ist nur: Werden die Kinder von ihrer Umwelt unterschiedlich eingeschätzt? Es könnte sein, dass jene mit maskulinen Gesichtern als selbständiger, jene mit Babyface als schutzbedürftiger betrachtet werden.

Das haben Sie aber noch nicht untersucht?

Nein.

Haben Sie eine Vermutung?

Ich glaube, sie werden tatsächlich unterschiedlich behandelt.

Würde damit nicht ein Verstärkungseffekt eintreten? Die soziale Umwelt nimmt Differenzen vorweg, die unter Umständen nur in Nuancen vorhanden sind?

Das könnte sein. Und wenn das so wäre, dann wäre auch nicht mehr klar, ob die Verhaltensunterschiede im Erwachsenenalter hormonell oder umweltbedingt sind. Wir untersuchen Fingerlänge und Gesichtsform als nächstes bei Jugendlichen, dann bei Mädchen und dann machen wir einen interkulturellen Vergleich.

Apropos kultureller Vergleich. Der britische Biologe und "Fingerlängenexperte" John T. Manning hat einmal gesagt: "Wenn sie Polen und Finnen vergleichen, kriegen sie größere Unterschiede als zwischen Mann und Frau." Das relativiert die Sache allerdings, oder?

Eigentlich nein. Denn die Erwartung wäre, dass innerhalb der ethnischen Gruppen die gleichen Muster auftreten.

Interview: Robert Czepel

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