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Weltkarte mit eingezeichneten Sprachfamilien

Der Sprachursprung bleibt ein Rätsel

Vergangenes Jahr hat ein Forscher behauptet, nicht nur die Wiege der Menschheit, sondern auch der Ursprung aller Sprachen liege in Afrika. Deutsche Forscher widersprechen nun: Das Ergebnis sei ein Artefakt - die Folge falscher Grundannahmen, ungeeigneter Daten und Methoden.

Linguistik 20.02.2012

Ein Ursprung?

Der Ursprung der Sprache ist bis heute nicht geklärt, man weiß weder wie, wann noch wo genau sie entstanden ist. Neuerdings versuchen Forscher zunehmend mit Hilfe quantitativer Methoden den geografischen Mustern der Sprachherkunft auf den Grund zu gehen und so zumindest herauszufinden, ob sich die Fähigkeit zur bedeutsamen Lautäußerungen an einem Ort entwickelt und von dort über den ganzen Globus verbreitet hat - oder ob sie parallel an verschiedenen Plätzen entstanden ist.

Eine Arbeit fand in diesem Zusammenhang letztes Jahr besondere Beachtung. Darin hat der neuseeländische Kulturanthropologe Quentin Atkinson die Zahl sogenannter Phoneme von etwa 500 noch heute gesprochener Sprachen verglichen. Das sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Lauteinheiten einer Sprache: Konsonanten, Vokale oder Tonhöhen. Dieses fixe Lautinventar kann recht unterschiedlich groß sein, zwischen zehn und etwa 100 ist alles möglich, Deutsch besitzt z.B. 40 Phoneme.

"Out-of-Africa"

Die größte Vielfalt fand der Forscher in Südwestafrika. Je größer die Entfernung zu diesem Gebiet wird, umso kleiner wird das Inventar. Das ergab zumindest Atkinsons Analyse, was den Forscher zu einer durchaus griffigen Parallele inspirierte. Er verglich das Phänomen mit dem "Gründereffekt" in der Populationsgenetik. Demnach nimmt die genetische Vielfalt mit dem Abstand vom afrikanischen Menschenursprung ab. Mit der Migration kleinerer Populationen schrumpft die genetische Vielfalt. Das gilt auch als genetischer Beleg für die Out-of-Africa-Theorie, wonach sich die Wiege der Menschheit in Afrika befunden habe.

Ähnliches gilt Atkinson zufolge für das Lautinventar. Demnach wäre die Ursprache in Afrika gesprochen worden und habe sich dann im Zuge der Migration auf der ganzen Welt verbreitet. Seine Schlussfolgerung landete sogar im renommierten Fachblatt "Science".

Ein Team um den deutschen Sprachwissenschaftler Michael Cysouw von der Ludwig-Maximilian-Universität München hat die Arbeit nun einer kritischen Reanalyse unterzogen und kommt zum Ergebnis, dass Atkinsons Belege für eine derartige Sprachursprungsthese bei weitem nicht ausreichen. Veröffentlicht wurde dieser Kommentar ebenfalls in "Science".

Methodisch mangelhaft

Die Kritik in Kürze: Schon die verwendete Datenbasis sei suboptimal. Zudem basiere die ganze Untersuchung auf einer falschen Grundannahme, wonach die Größe des Phoneminventars mit der Größe der Sprechergruppe positiv korreliert ist. Das gelte nur für sehr große Sprechergruppen und die habe es mit Sicherheit damals - vor der Sesshaftigkeit - nicht gegeben.

Abgesehen davon gebe es schwere methodische Mängel. Phoneme sind laut Cysouw nur eines von vielen Sprachmerkmalen. Analysiert man die Verteilung anderer, beispielsweise grammatischer Merkmale, wie die Verwendung des Passivs oder bestimmter Satzkonstruktionen, kommt man den Forschern zufolge zu völlig anderen regionalen Verteilungsmustern. Die interne Varianz oder Komplexität von Sprachen ist demnach auf der Welt recht unterschiedlich verteilt.

Von Phonemen weiß man außerdem, dass sie im Gegensatz zu anderen Merkmalen phylogenetisch nicht sehr stabil sind. Es sei also nicht besonders seriös, gerade diese als Indizien für den Sprachursprung zu verwenden. Insgesamt seien Sprachentwicklungsprozesse bei weitem nicht so linear, dass man ernsthaft von einem "Gründereffekt" sprechen kann, wie das bei Genen der Fall ist.

Im Grunde jedoch bedauern die Forscher, dass Atkinson vermutlich falsch liegt. Denn auch Sprachwissenschaftler suchen schon lange nach Mustern der Sprachherkunft und nach ihrem Ursprung. Bis jetzt ließen sich die Verwandtschaftsbeziehungen aber nur etwa 10.000 Jahre zurückverfolgen, der Ursprung hat aber vermutlich bereits vor über 100.000 Jahren stattgefunden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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