Standort: science.ORF.at / Meldung: "Männer sterben doch nicht aus"

Darstellung von X- und Y-Chromosom

Männer sterben doch nicht aus

Das Y-Chromosom hat in den letzten 300 Millionen Jahren Hunderte Gene verloren. Für manche Genetiker ein Indiz dafür, dass es eines Tages endgültig verschwinden wird. Forscher geben nun Entwarnung: Y wird bleiben.

Genetik 23.02.2012

Genetischer Verfall

Bevor sie zu spezialisierten Geschlechtschromosomen wurden, waren das X- und das Y-Chromosom ein ganz gewöhnliches identisches Autosomenpaar - wie alle anderen 22 Chromosomenpaare, aus welchen das menschliche Erbgut besteht. Um die genetische Vielfalt zu erhalten und schädliche Mutationen zu eliminieren, tauschen die Paare Gene, man nennt das "Crossing-over".

Vor etwa 300 Millionen Jahren stoppte bei einem Segment des X-Chromosoms dieser Austausch mit dem Y-Chromosom, was zu einem raschen Verfall bei letzterem führte. Im Lauf der nächsten Millionen Jahre passierte dasselbe mit vier weiteren Abschnitten. Der Genverlust war dramatisch, sodass das Y-Chromosom heute nur mehr 19 funktionstüchtige Gene von den über 600 besitzt, die es mit seinem ursprünglichen autosomalen Partner geteilt hat. Es ist nur mehr ein Drittel so groß wie dieser.

Auslaufmodell Y-Chromosom?

Seit dieser massive Verlust bekannt ist, hat er immer wieder Anlass zu düsteren Zukunftsprognosen gegeben: Langsam, aber sicher wird das Y-Chromosom verschwinden. Das männliche Geschlechtschromosom ist demnach ein Auslaufmodell der Evolution.

Die Studie in "Nature":

"Strict evolutionary conservation followed rapid gene loss on human and rhesus Y chromosomes" von Jennifer F. Hughes et al.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 23.2., 13:55 Uhr.

Seit zehn Jahren sucht David Page vom Whitehead Institute of Biomedical Research bereits nach Belegen, die die seiner Meinung nach absurde These widerlegen. Mit seiner neuesten Forschungsarbeit will er nun den endgültigen Gegenbeweis erbracht haben. Darin haben er und sein Team das Y-Chromosom eines Rhesusaffen sequenziert, genauer gesagt jene Region, auf denen die Gene für die männlichen Merkmale liegen. Seine Entwicklungslinie hat sich vor etwa 30 Millionen Jahren von der menschlichen abgespalten.

Die Sequenzen wurden mit jenen des Menschen und des Schimpansen verglichen. Dabei zeigte sich, dass sie in den letzten 25 Millionen Jahren ziemlich stabil waren, d.h., seitdem ist es zu keinem wesentlichen Schwund gekommen.

Zukunft der Männer gesichert

Das Y-Chromosom des Affen hat den Forschern zufolge kein einziges Gen verloren. Das menschliche hat lediglich ein Gen verloren, und zwar in einer Region, die nur drei Prozent der gesamten "männerspezifischen" Region ausmacht. Ein früherer Vergleich mit dem Schimpansen hatte schon ergeben, dass das menschliche Y-Chromosom die letzten sechs Millionen Jahre stabil war. Die Entwicklung ist laut den Forschern geprägt von einander abwechselnden Phasen des rapiden Verfalls und der Stabilisation.

"Unsere Ergebnisse zerstören die Idee eines langsam verschwindenden Y-Chromosoms", so Page. In Wahrheit habe es noch eine lange Zukunft vor sich.

Für das männliche Geschlecht gibt es aber auch von anderer Seite Entwarnung: Selbst wenn das Y-Chromosom tatsächlich verloren gehen sollte, wird es nach Ansicht mancher Genetiker weiterhin Männer geben. Sie gehen davon aus, dass die geschlechtsspezifischen Funktionen des Y-Chromosoms in diesem Fall von anderen Teilen des Erbguts übernommen werden. Wie Beispiele aus dem Tierreich zeigen, ließe sich die Festlegung des Geschlechts nämlich auch anders als beim Menschen regeln.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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