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IST Austria Präsident Thomas Henzinger

Keine Sozialwissenschaft am IST Austria

Das Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg wird im Zeitraum 2017 bis 2026 bis zu 1,4 Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln erhalten. Neben Biologie und Informatik sollen in Zukunft auch Themen der Physik, Chemie und Mathematik erforscht werden. Für Sozial- und Geisteswissenschaften ist derzeit kein Platz.

Forschungspolitik 24.02.2012

Hauptprinzip sei wie bisher die Suche nach den besten Köpfen weltweit und nicht die Ausschreibung bestimmter Themengebiete, erklärte IST Austria-Präsident Thomas Henzinger in einem science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Das IST Austria bekommt für die Jahre 2017 bis 2026 bis zu 1,4 Milliarden Euro von der öffentlichen Hand. Worauf führen Sie diese für die österreichische Universitäts- und Forschungslandschaft einzigartige Zusage der Politik zurück?

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Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichtete auch Ö1 Wissen aktuell, 24.2., 13:55 Uhr.

Thomas Henzinger: Lassen Sie mich etwas ausholen. Es ist fast zehn Jahre her, dass Anton Zeilinger in Alpbach die Vision eines Spitzenforschungsinstituts in Österreich formuliert hat. Die Idee war: Österreich ist ein Land ohne Rohstoffe, aber mit vielen Talenten, das in der internationalen Spitzenwissenschaft mitmischen sollte. Wir haben in der Aufbauarbeit der vergangenen zweieinhalb Jahre bewiesen, dass diese Vision verwirklichbar ist. In dieser kurzen Zeit ist ein Forschungsinstitut entstanden, das derzeit unter allen Instituten in Europa die meisten EU-Mittel pro Forscher eingebracht hat. Diesen Beweis, dass diese Vision verwirklichbar ist, hat auch die Politik gesehen. Die langfristige Zusage der zukünftigen Finanzierung wird es uns erlauben, diese Vision zu vollständigen.

Die ersten Reaktionen der Forschungslandschaft waren durchaus kritisch. Die Akademie der Wissenschaften spricht von "Ungleichbehandlung". Die Universitäten bekommen aus der "Hochschulmilliarde" gerade 100 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich, um ihren laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten. Können Sie den Unmut verstehen?

Es geht bei uns um ein Grundbudget bis ins Jahr 2026. Ich bin sehr froh, dass es die Unimilliarde gibt, aber dabei geht es um einen Zusatz zum Grundbudget. Aber lassen Sie mich grundsätzlich antworten: Ich bin über diese Reaktion schon überrascht. Seit ich vor zweieinhalb Jahren nach Österreich gekommen bin, war das einzige, was ich über Politik immer gelesen habe, Worte wie: Stillstand, kein großer Wurf, Prinzip Gießkanne usw. Nun trifft die Politik einmal eine mutige Entscheidung, die langfristig an die Zukunft des Landes denkt. Ich denke, wir brauchen mehr und nicht weniger solche Entscheidungen für Bildung, Ausbildung und Forschung, daran sollten wir alle arbeiten.

An den Unis kracht es, es gibt Überlegungen, Studiengebühren wieder einzuführen, Studien weiter zu beschränken, die Ärzte am AKH Wien streiken etc. Es entsteht der Eindruck: Bei der Grundausbildung wird gespart, bei der Eliteforschung hingegen gibt es plötzlich frisches Geld.

Ich kann nicht für andere sprechen, sondern nur für mich. Meine Aufgabe ist es, das IST Austria als Spitzenforschungsinstitut auf Weltklasseniveau aufzubauen und zu etablieren. Aber klar ist, dass die Spitze eine breite Basis braucht - und umgekehrt. Es ist wie mit dem österreichischen Skiteam: Wir können nur Spitzenfahrer haben, wenn es eine breite Basis gibt und umgekehrt. Deshalb ist es auch für die Spitzenforschung sehr wichtig, dass die Bildung und Ausbildung im tertiären Sektor stark gefördert wird.

Claus Raidl, LH Erwin Pröll, Finanzministerin Maria Fekter, Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (alle ÖVP) und IST-Präsident Thomas Henzinger im Rahmen der Vertragsunterzeichnung.

APA, Herbert Pfarrhofer

Kuratoriumsvorsitzender Claus Raidl, Landeshauptmann Erwin Pröll, Finanzministerin Maria Fekter, Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (alle ÖVP) und IST-Präsident Thomas Henzinger im Rahmen der Vertragsunterzeichnung.

Zur Zukunft des IST Austria, was werden Sie mit dem vielen Geld machen, welche Forschergruppen kommen, welche Richtungen werden forciert?

Unser Prinzip lautet: Wir wollen die besten Köpfe an das Institut bekommen. Deshalb ist es schwierig zu prognostizieren. Bisher ist es uns gelungen, in der Biologie und in der Informatik international sichtbare Stärken aufzubauen. Wir haben 20 Professoren aus tausenden Bewerbern ausgewählt. Die langfristige Finanzierungszusage wird es uns nun erlauben, auf 90 bis 100 Professoren bis 2026 auszubauen. Dies wurde uns als die minimale kritische Masse empfohlen, um dauerhaft international konkurrenzfähig zu sein. Wir werden versuchen, uns zu verbreitern in Fächern wie Physik, Chemie und Mathematik. Aber wir werden ein Institut der Naturwissenschaften bleiben. Wir werden immer Schwerpunkte setzen müssen, aber die werden davon bestimmt werden, welche Gelegenheiten sich ergeben, Spitzenleute anzuziehen. Wir werden niemals bestimmte Themengebiete ausschreiben und danach suchen.

D.h. es wird keine sozial- oder geisteswissenschaftlichen Fächer geben, wie es das etwa in einem der Vorbilder - dem Institute for Advanced Study in Princeton - der Fall ist?

Nein, das ist nicht geplant, weil es schon ein gewagtes Unterfangen ist, die Naturwissenschaften mit 90 Forschergruppen abzudecken. Princeton ist außerdem ein Institut mit rein theoretischen Forscherarbeiten. Bei uns ist die experimentelle Forschung ganz wichtig in der Biologie, in Zukunft auch in der Chemie und Physik.

In der Planungsphase des Instituts wurde immer betont, dass es nach einem ersten Schritt nur mit Naturwissenschaften auch zu einem Ausbau mit Geistes- oder Sozialwissenschaften kommen wird, warum gilt das jetzt nicht mehr?

Ich mag nicht vorjudizieren, was in der längerfristigen Zukunft dieses Instituts passieren kann. Ich war Zeit meines Lebens vor Klosterneuburg immer an Universaluniversitäten und halte es für sehr wichtig, dass verschiedenen Disziplinen miteinander interagieren und sich gegenseitig befruchten. Aber wie gesagt: Selbst mit der Zusage bis 2026 und den maximal 100 Forschergruppen, ist es schon schwierig, nur naturwissenschaftliche Fächer abzudecken. An der University of California in Berkeley, wo ich im Computerfachbereich war, der weltweit als Spitzenfachbereich gerankt wird, gibt es alleine über 50 Informatiker. Um wirkliche Stärken aufzubauen, muss man schauen, dass man auch kritische Massen hat.

Vor Jahren hat sich Ihre Institution nicht gewehrt, sich selbst als Elite-Universität oder -Einrichtung zu bezeichnen. Mittlerweile ist das nicht mehr der Fall. Warum eigentlich?

Ich habe nichts gegen den Begriff Elite, wenn er richtig verwendet wird, im Sinne von: Spitze. Wir wollen an der Weltspitze von Wissenschaft mitmischen. Der Begriff Elite hat aber oft die zweite Konnotation, wonach im Wesentlichen nur die Kinder von Reichen studieren. Es könnte nichts Falscher sein als das, weil wir unsere Studierenden rein nach wissenschaftlichen Kriterien aussuchen und keine Studiengebühren haben. Ganz im Gegenteil, alle unsere Doktoratsstudenten sind wissenschaftliche Mitarbeiter, arbeiten an Forschungsprojekten und werden dafür auch bezahlt.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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