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Zwitscherfaktor für die Wissenschaft

Ein deutsch-kanadischer Forscher versucht den gesellschaftlichen Einfluss von Wissenschaft zu messen - anhand von Twitter-Botschaften: Je mehr Verweise in der Blogosphäre, desto höher der "Twimpact-Faktor".

Neue Masszahl 27.02.2012

Der ursprüngliche Sinn des Zitats war und ist ein schlichter: Es soll sichtbar machen, wer sich zum Thema X bereits geäußert hat. Das trennt Neues von Bekanntem und vereinfacht außerdem die Literaturrecherche.

Allerdings entwickelte das Zitat bald ein Eigenleben. Begonnen hat alles damit, dass die Gründerväter der "Szientometrie" aus dem Zitatezählen eine Wissenschaft gemacht - und Maßzahlen für das publizistische Echo in der Fachwelt entwickelt haben. Wenn Arbeiten aus einer Zeitschrift oder eines Forschers oft zitiert werden, so die Logik, dann scheint das auch wichtig zu sein.

"Nature", "Science", "Cell" und "Lancet" sind etwa Journale, die in dieser Hinsicht besonders gut abschneiden. Gleichwohl muss publizistische Aufmerksamkeit nicht unbedingt Qualität abbilden. Die Szienometriker wissen das - ob sich alle anderen dessen bewusst sind, ist allerdings die Frage.

Denn Zeitschriften mit hohem "Impactfaktor" (= vielen auf sie gerichteten Zitaten) sind mittlerweile Fetischobjekte, wie etwa der US-Molekularbiologe Peter Lawrence vor ein paar Jahren bekannt hat: Wo eine Studie veröffentlicht wurde, sei bisweilen wichtiger als ihr Inhalt. Viele würden das nicht zugeben, aber in der Praxis laufe es so.

"Social impact" als Zahl

Wenn Zitate den "scientific impact" messen, dann muss es auch möglich sein, den "social impact" zu messen, lautet die Devise von Gunther Eysenbach. Der Wissenschaftsforscher von der University of Toronto hat sich zu diesem Zweck das Echo von Publikationen im Mikroblogging-Dienst Twitter angesehen.

Er hat im Rahmen einer Studie 4.208 Tweets untersucht, die zwischen Juli 2008 und November 2011 auf Studien im "Journal of Medical Internet Research" verwiesen. Laut Statistik lässt das Gezwitscher im Web 2.0 durchaus Prognosen für die spätere Wirkung einer Arbeit in Fachkreisen zu.

Doch der "Twinpactfaktor", wie Eysenbach die von ihm eingeführte Maßzahl nennt, eigne sich vor allem, um die Resonanz im sozialen Feld abzubilden. Soll heißen: Die Mundpropaganda in der Blogosphäre, Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, Popularität in Medien. Das ist nicht nur eine akademische Spielerei. In Großbritannien wird soeben das Research Excellence Framework installiert, das ab 2014 die Qualität britischer Bildungsinstitutionen messen soll.

"Messung noch unklar"

Dabei geht es natürlich auch ums Geld: Wer wofür wie viel Pfund einstreichen wird, hänge nur zum Teil von der wissenschaftlichen Exzellenz ab, sagt der Szientometriker Lutz Bornmann von der ETH Zürich. 60 Prozent hätten mit Forschung zu tun, immerhin 25 Prozent entfielen auf den "social impact". Bornmann ist allerdings skeptisch: "Noch ist keineswegs klar, wie man den sozialen Einfluss messen kann. So gesehen ist es erstaunlich, dass er bereits als fixe Größe in Budgets einfließt."

Bornmann selbst outet sich gegen über science.ORF.at als Traditionalist. Das Web 2.0 ist seine Sache nicht, dafür kennt er sich mit klassischen Indizes seiner Zunft gut aus. Einer davon ist der vom Physiker Jorge Hirsch eingeführte H-Index. Er soll den wissenschaftlichen Einfluss eines Autors, einer Zeitschrift oder einer Universität bewerten.

"Wir haben uns einmal angesehen wie viele Varianten des H-Index es gibt. Es sind mehr als 40." Warum so viele? "Weil eben jeder damit arbeitet. Dahinter steht die Faszination, die Performance in einer Maßzahl abbilden zu können." Kann man das? "Nein".

Robert Czepel, science.ORF.at

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