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Rekonstruktion des Gesichtes von Ötzi

Die Krankenakte des Ötzi

Forscher haben erstmals das gesamte Erbgut von "Ötzi" entziffert und zum Teil neue Eigenschaften der Gletschermumie entdeckt: Demnach hatte der Mann aus dem Eis eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, litt an der von Zecken übertragenen Infektionskrankheit Borreliose und vertrug keine Milch.

Biologie 29.02.2012

Ötzi dürfte auch braune Augen und Haare sowie Blutgruppe 0 gehabt haben, wie ein riesiges Forscherteam aus 19 Einrichtungen weltweit - darunter keines aus Österreich - in einer Studie berichtet.

Die Studie:

"New insights into the Tyrolean Iceman’s origin and phenotype as inferred by whole-genome sequencing" von Andreas Keller und Kollegen ist im Fachjournal "Nature Communications" erschienen.

Der Mann aus dem Eis:

Ötzi im Südtiroler Labor

Samadelli Marco/EURAC

Am 19. September 1991 stieß das deutsche Ehepaar Erika und Helmut Simon im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen auf die 5.300 Jahre alte Leiche aus der Jungsteinzeit. Seither beschäftigt der Mann aus dem Eis namens Ötzi Forschung und Öffentlichkeit.

Intensivst untersucht:

Rekonstruktion des Oberkörpers von Ötzi

Südtiroler Archäologiemuseum/EURAC/Marco Samadelli-Gregor Staschitz

Kaum ein Mensch wurde je so intensiv untersucht wie Ötzi. Nicht einmal das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen, wo die Mumie liegt, hat noch einen Überblick, wie viele Forschungsteams sich mit der Mumie aus dem Eis beschäftigt haben.

Ötzi wurde geröntgt, in Computertomographen geschoben, sein Mageninhalt wurde analysiert, seine Muskeln rekonstruiert, seine Knochen genau untersucht, es wurden Pollen in seinem Darm analysiert und immer wieder machten sich Experten daran, sein Erbgut zu entschlüsseln. Dadurch weiß man heute in etwa, wie er in der Jungsteinzeit lebte, wie er aussah, wie er bekleidet war, welche Werkzeuge er nutzte, welche Krankheiten er hatte.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in den Ö1 Journalen: 28.2., 18 Uhr.

Überraschendes Ergebnis einer Verwandtschaftsanalyse: Die Mumie und heute auf Sardinien und Korsika lebende Menschen hatten gemeinsame Vorfahren.

Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Bereits 2008 war die mitochondriale DNA der rund 5.300 Jahre alten Mumie entziffert worden. Aus einer Knochenprobe aus dem Becken konnten die Wissenschaftler rund um Albert Zink, dem Leiter des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman in Bozen, im Jahr 2010 dann das Genom zu über 85 Prozent entschlüsseln.

Die DNA sei in sehr gutem Zustand und frei von Kontaminationen gewesen. Die nun vorliegenden Ergebnisse der kompletten Genomanalyse zeigten eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Mann aus dem Eis. "Wir waren überrascht, dass es diese Veranlagung schon vor über 5.000 Jahren gegeben hat und diese Erkrankungen keineswegs eine moderne Zivilisationserscheinung sind", sagte Zink.

Frühere CT-Untersuchungen der Mumie zeigten bereits erste Symptome in Form einer Arterienverkalkung - und das obwohl Ötzi keinen heute bekannten Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel ausgesetzt war.

Spuren von Borrelien, Laktoseintoleranz

Ebenso überraschend war es laut Zink, bei Ötzi noch eine Infektionskrankheit zu entdecken. Sie fanden im Genom vom Mann aus dem Eis Spuren von Borrelien (Borrelia burgdorferi). Diese von Zecken übertragenen Bakterien verursachen beim Menschen die Krankheit Lyme-Borreliose. Diese Spuren sollen nun mit modernen Erregerstämmen verglichen werden, um zu sehen, ob sie sich in mehr als 5.000 Jahren stark verändert haben, sagte Zink.

Weitere Details, die die genetische Untersuchung enthüllte: Der Mann hatte braune Augen, braune Haare, Blutgruppe 0 und vertrug keine Milch. Denn Ötzi konnte keinen Milchzucker verdauen (Laktoseintoleranz).

Verwandtschaft mit Sarden und Korsen

Der 2008 erfolgten Untersuchung der mitochondrialen DNA zufolge hat Ötzi wahrscheinlich keine lebenden Nachfahren. Bei der Analyse des gesamten Genoms haben die Wissenschaftler nun auch untersucht, zu welcher Haplogruppe der Eismann gehört. Aus einer bestimmten Abfolge der DNA-Bausteine des Y-Chromosoms lassen sich die Verwandtschaftsverhältnisse der väterlichen Linie herauslesen. Es zeigte sich, dass Ötzis Haplogruppe (G2a4) heute in Europa nur mehr relativ selten ist und sich große Übereinstimmungen nur in abgelegenen Regionen, etwa bei der Bevölkerung in Sardinien und Korsika, finden.

Ötzi, Sarden und Korsen hatten also offensichtlich gemeinsame Vorfahren. "Man weiß, dass Vorfahren von Menschen mit dieser Haplogruppe aus dem Nahen Osten eingewandert sind, dieser Typ aber im Laufe der Zeit durch andere Bevölkerungsgruppen ersetzt wurde und sich offensichtlich nur in entlegeneren Gebieten wie den Inseln gehalten hat", so Zink.

Nun wollen die Wissenschaftler in Südtirol verstärkt nach dieser Haplogruppe suchen. "Es kann schon sein, dass sich auch in isolierteren alpinen Regionen noch Gruppen finden, die vielleicht eine direktere Verwandtschaftslinie zu Ötzi haben", so Zink.

Keine Unterschiede zu heutigem Genom

Die Daten der Genomsequenzierung wurden vor kurzem im Internet für weitere Analysen frei zugänglich gemacht. Zink ist überzeugt, dass "noch sehr viel Detailinformation" darin steckt, etwa auch zu anderen Veranlagungen, genetischen, mit Krankheiten assoziierten Veränderungen, etc.

Die Forscher überlegen auch, die Genom-Sequenzierung zu wiederholen, um zu einer noch besseren Auflösung zu kommen. Interessanter nächster Schritt wäre für Zink auch in Richtung Proteomik, also zu schauen, welche Proteine Ötzi gebildet hat.

Evolutionär hat sich übrigens seit Ötzis Zeiten nicht viel getan. Vergleiche mit dem Genom des heutigen Menschen hätten keine Unterschiede gezeigt, "dazu sind 5.000 Jahre offensichtlich zu wenig", so Zink.

science.ORF.at/APA/dpa

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