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Ein Paket wird an den Empfänger überreicht.

Wenn der "Paketsklave" an der Tür klingelt

Das Internet hat das Leben in mancher Hinsicht vereinfacht, zum Beispiel beim Bestellen: Ein paar Klicks, und schon bekommt man das Gewünschte als Paket geliefert. Gar nicht angenehmer wurde aber das Leben der Zusteller. Die Sozialwissenschaftlerin Bettina Haidinger hat deren Alltag erforscht und festgestellt: Der Preiskampf wird über die Arbeitsbedingungen geführt.

Sozialwissenschaften 01.03.2012

Zehn bis zwölf Stunden Arbeit am Tag, viel Stress und wenig Gehalt kennzeichnen das Arbeitsleben der "Paketsklaven". Wie sich die österreichische Post von ihren Konkurrenten unterscheidet, dass die Zusteller meist nur das kleinste Rädchen in einer Kette aus Subunternehmern sind und wie ihre Situation verbessert werden kann, erklärt die Forscherin im science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Ein Zusteller klingelt mit einem Paket in der Hand an meiner Tür. Wie kann ich mir seinen Arbeitsalltag vorstellen?

Die Sozialwissenschaftlerin Bettina Haidinger

Elke Ziegler/science.ORF.at

Bettina Haidinger studierte Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft und Ethnologie in Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte bei FORBA sind Migration, Arbeit und Geschlechterverhältnisse, feministische Ökonomie sowie Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Sie leitete für Österreich das internationale Forschungsprojekt "Social Dialogue and Participation Strategies in the Global Delivery Industry: Challenging Precarious Employment Relations" (SODIPER).

Konferenz:

Als Abschluss des SODIPER-Projekts findet am 1. und 2. März eine internationale Konferenz in Wien statt. Sozialwissenschaftler/innen und Gewerkschafter/innen berichten über die Situation von Paketzustellern in Österreich, Deutschland, Ungarn und Tschechien.

Links:

Bettina Haidinger: Grundsätzlich muss man unterscheiden, ob ein Zusteller von der Post oder einem Konkurrenzbetrieb kommt, der Aufträge internationaler Unternehmen wie UPS oder DHL übernimmt. Im zweiteren Fall steht der Zusteller zwischen 5.00 und 6.00 Uhr auf, muss dann in das Verteilerzentrum, wo er sein Auto mit Paketen bis auf den letzten Platz vollräumt, dann fährt er los. Bis zirka 15.00 Uhr ist er mit der Auslieferung beschäftigt, am Nachmittag holt er dann Pakete ab, die noch verschickt werden müssen. Insgesamt ist er täglich zehn bis zwölf Stunden unterwegs. In Spitzenzeiten wie etwa vor Weihnachten oder nach Feiertagen können es auch mehr sein. Überstunden werden in der Regel nicht abgegolten, und wenn doch, dann durch Pauschalen, die in keiner Relation zu den Arbeitszeiten stehen. Abhängig davon, wie lange eine Person schon in der Paketzustellung tätig ist, welche Gebiete sie abdeckt, bekommen diese Zusteller zwischen 1.100 und 1.600 Euro brutto im Monat. Die selbstständigen Zusteller nennen oft höhere Summen, müssen davon aber auch alle Ausgaben für Auto, Sozialversicherung etc. selbst begleichen.

Arbeitsbeginn um 5.00 Uhr, bis zu zwölf Stunden Schufterei unter permanentem Zeitdruck und dafür einen Hungerlohn - kann man die Situation so zusammenfassen?

Ja, genau. Die Fahrer sind einem extremen physischen und psychischen Stress ausgesetzt. Der Zeitdruck etwa: Expresspakete etwa müssen bis 12.00 Uhr zugestellt werden. Schafft ein Fahrer das nicht, muss er manchmal sogar Strafe zahlen, oder die Strafe wird ihm vom Gehalt abgezogen. Das ist natürlich illegal, wird aber trotzdem gemacht. Zusätzlich müssen sie unter diesem Zeitdruck auf den Verkehr achten, Parkplatz suchen, Telefonate führen - die Fahrer essen sogar während der Fahrzeit, weil sie keine Pausen haben.

Und bei der Post?*

Auch der Arbeitsalltag eines Paketzustellers der österreichischen Post gestaltet sich zunehmend stressig, dort werden allerdings Überstunden penibel abgerechnet. Obwohl ein Zusteller nach neuem Kollektivvertrag bei der Post weitaus weniger als Postbedienstete mit "alten" Verträgen verdient, ist das Einkommen im Vergleich zu den anderen Zustellfirmen noch immer am besten.

Welchen Prozentsatz an Paketen lässt die österreichische Post durch Subunternehmer zustellen?

Rund ein Drittel der Pakete wird durch "Subcontractors" ausgeliefert. Die Post vergibt einen Vertrag nach außen, wie dieses Unternehmen die Auslieferung organisiert, interessiert die Post nicht mehr. Angeblich findet langsam ein Umdenken seitens der Post statt, weil die Qualität der Dienstleistung bei den Subunternehmen teilweise nicht gestimmt hat. Da wurden im Namen der Post beschädigte Pakete abgegeben oder sie wurden einfach vor die Tür gelegt und sind dann verschwunden - solche Vorfälle beschädigen natürlich den Ruf des Unternehmens. Es hat auch Razzien durch Finanzamt und Arbeitsinspektorat in den Verteilerzentren der österreichischen Post gegeben. Das ist natürlich peinlich. Nichtsdestotrotz kalkuliert die Post damit, diese Paketzustellung auslagern und damit die Preise drücken zu können.

Sind diese sozialen Umstände ein direktes Ergebnis der Privatisierung und Marktöffnung seit 1997?

Was man auf jeden Fall sagen kann: Durch die Liberalisierung ist die österreichische Post unter Druck gekommen, Arbeitsstandards zu verschlechtern, und hat mit dazu beigetragen, dass die Arbeitsverhältnisse für die Fahrer immer schlechter wurden und der Druck extrem gestiegen ist. In diesem Sektor der Paketzustellung versuchen sich die Unternehmen im Dumping der Gehälter zu überbieten.

Undercover-Paketzusteller:

Der deutsche Journalist Reinhard Schädler arbeitete wochenlang unerkannt als Paketzusteller und fasste seine Erfahrungen in der Dokumentation "Paketsklaven" zusammen. Die Sendung des Norddeutschen Rundfunks und weitere Berichte über Reaktionen von Unternehmen und Erfahrungen von Betroffenen wurden hier zusammengefasst.

Wie reagieren die Post und ihre Konkurrenzunternehmen auf Ihre Forschungsergebnisse bzw. Vorstöße der Gewerkschaft, die Situation der Paketzustellerinnen und -zusteller zu verbessern? In Deutschland wurden Zusteller massiv unter Druck gesetzt, sich nicht mit der Gewerkschaft in Verbindung zu setzen.

Das passiert hier auch. Man muss aber auch sagen, dass die Paketzustellung bisher kein wichtiges Betätigungsfeld der Gewerkschaft war. Es braucht Zeit, um Kontakte mit den Fahrern aufzubauen, diese Leute kommen nicht von selbst. Da liegt es wohl auch noch an der Gewerkschaft, sich zu überlegen, wie auf diese Menschen zugegangen werden soll.

Bei der Post sind die Reaktionen interessant: Geschäftsführung und Betriebsrat sagen übereinstimmend: "Bei uns sind die Arbeitsbedingungen in Ordnung. Was bei den Subunternehmen passiert, liegt nicht mehr in unserer Zuständigkeit." Da muss man natürlich nachfragen, welche Verantwortung ein Auftraggeber hat. Und was man auch festhalten muss: Die österreichische Post agiert genauso wie die deutsche Post und ihr Tochterunternehmen DHL international. Sie haben Niederlassungen in Ost- und Südeuropa gegründet. Und dort sind es die Tochterunternehmen genau dieser ehemaligen Staatsmonopole, die prekäre Arbeitsverhältnisse eingehen und die Preise nach unten drücken. Während diese Unternehmen also bei uns auf ihre weiße Weste hinweisen, betreiben sie in anderen Ländern Lohndumping.

Welche Erkenntnisse brachte der internationale Vergleich?

Er förderte einige Gemeinsamkeiten zutage: Beispielsweise gibt es überall richtige Ketten an Subunternehmern, vom "General Contractor" bis zum Auslieferer können das bis zu vier Schritte sein. Überall werden Profitmargen abgezogen, weshalb der Fahrer als letztes Glied in der Kette nicht nur am wenigsten bekommt, sondern auch noch den extremen Druck der Auslieferung an einem bestimmten Tag. Unter den Subunternehmern herrscht ein extremer Konkurrenz- und Preiskampf, um jedes Zustellgebiet wird gerangelt. Ihnen bleibt also so gut wie kein unternehmerischer Spielraum gegenüber dem "General Contractor".

Was sind die dringendsten Maßnahmen, um die Situation der Zusteller zu verbessern?

Das große Dogma der Europäischen Union ist: möglichst viel Wettbewerb zugunsten der Kunden. Und natürlich sind wir alle damit einverstanden, weil wir gern weniger zahlen. Fest steht aber auch: Der Preiskampf wird über die Arbeitsbedingungen geführt, das ist ein Faktum. Wie man hier eingreifen kann, ist eine Frage, die angegangen werden muss. Ich kenne keine unmittelbare Antwort angesichts der unumstößlichen Prinzipien des Dogmas vom "Freien Markt".

Wo man sehr wohl eingreifen könnte, ist beispielsweise in Österreich einen einheitlichen Kollektivvertrag zu schaffen. Momentan gibt es bis zu sechs verschiedene Kollektivverträge und verstreute Zuständigkeiten bei der Gewerkschaft. Hier wäre mehr Solidarität und Einheitlichkeit gefragt.

Wenn der Paketzusteller klingelt, könnte man aber auf jeden Fall Trinkgeld bereithalten?

Das könnte der Kunde natürlich machen. Klar ist aber auch, dass nicht der Kunde die Verantwortung trägt, für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Aber der Zusteller freut sich sicherlich darüber.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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