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Die Grabinschrift, die auf den Auferstehungsglauben schließen lässt

Älteste Beweise des Urchristentums?

Forscher haben in Jerusalem ein Grab entdeckt, das möglicherweise die ältesten archäologischen Beweise für das frühe Christentum beinhaltet. An den Wänden befinden sich seltene griechische Inschriften und ein Bild, das ein Symbol für den Glauben an die Auferstehung von Jesus sein könnte.

Archäologie 29.02.2012

Beides könnte von direkten Nachfolgern des Religionsgründers stammen, berichtet ein Team um den Archäologen und Bibelwissenschaftler James D. Tabor von der University of North Carolina in Charlotte.

Das Grab ist nicht später errichtet worden als 70 n. Chr. - dem Zeitpunkt, als die Römer den Zweiten Tempel der Juden in Jerusalem zerstörten.

Die Studie:

"Preliminary Report of a Robotic Camera Exploration of a Sealed 1st Century Tomb in East Talpiot, Jerusalem" von James Tabor ist auf der Website "The Bible and Interpretation" erschienen.

Links:

Der Roboterarm mit der Kamera tastet sich in das Grabinnere vor

James D. Tabor/University of North Carolina

Der Roboterarm mit der Kamera tastet sich in das Grabinnere vor.

Bereits vor 30 Jahren entdeckt

Die Entstehungsgeschichte der Entdeckung beginnt bereits vor 30 Jahren. 1981 sollte in Ost-Talpiot, rund drei Kilometer südlich der Altstadt von Jerusalem, ein neuer Gebäudekomplex errichtet werden. Bei den dafür nötigen Sprengarbeiten wurde eine antike Grabesstätte freigelegt, die daraufhin vom zuständigen Archäologen der Israelischen Altertumsbehörde (IAA) begutachtet wurde.

Laut Amos Kloner handelte es sich dabei um ein Gebeinhaus mit mehreren Grabesnischen, in denen die Knochen von Menschen aufbewahrt wurden. Kloner und seine Kollegen konnten einige Fotos von diesen sogenannten Ossuarien machen, eine Karte erstellen und die Knochen eines Kindes mitnehmen. Viel Zeit blieb ihnen aber nicht, da ultraorthodoxe Juden die Grabesruhe ihrer Vorfahren bedroht sahen, und die Grabesstätte deshalb wieder geschlossen wurde.

Mit Roboterarm und Kamera

Rund 30 Jahre später kehrten James Tabor und seine Forscherkollegen nun zurück an den Fundort. Mittlerweile war der geplante Gebäudekomplex errichtet worden, das Grab befand sich nun gut geschützt mehrere Meter darunter. Nachdem sie die nötigen Befugnisse der Behörden erhalten hatten, schritten die Forscher zur Tat.

Um die Gefühle der Ultraorthodoxen diesmal nicht zu verletzen, entschieden sie sich für eine "minimal-invasive" Methode. Sie bohrten zwei kleine Löcher in den Kellerboden des Hauses, in die sie einen Roboterarm und eine ferngesteuerte Kamera einführten. Was sie im Grabesinneren zu sehen bekamen, ist nach Angaben von Tabor und seinen Kollegen eine historische Sensation.

Das entdeckte Fischbild, in dem die Forscher die Geschichte von Jona und dem Wal erkennen

James D. Tabor/University of North Carolina

Das Bild, in dem die Forscher die Geschichte von Jona und dem Wal erkennen

Auf einer der Mauern erkannten sie das eingravierte Bild eines Fisches, der gerade einen Menschen verschluckt bzw. diesen ausspuckt (siehe Bild oben). Die Forscher glauben, dass dies auf die biblische Geschichte des Jona anspielt, in der dieser von einem Wal gefressen und nach drei Tagen wieder ausgespien wird.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie hat auch Wissen Aktuell am 29.2. um 13:55 berichtet.

Im frühen Christentum sei diese Geschichte sehr oft als Symbol für die Auferstehung von Jesus herangezogen worden, sagt James Tabor. Auf Gräbern der Urchristen später in Rom sei dieses Motiv das am meisten benutzte gewesen, um die Hoffnung auf Auferstehung darzustellen.

Grabinschrift und Bild entdeckt

Die Grabinschrift

James D. Tabor/University of North Carolina

Die Grabinschrift

Zudem fanden die Forscher eine vierzeilige griechische Grabinschrift, die ebenfalls mit dem Glauben auf Wiederauferstehung zu tun hat. Auch wenn die Übersetzung noch nicht endgültig geklärt sei, dürfte es sich um etwas in der Art von "Oh göttlicher Jehovah, erstehe auf" handeln. "Entweder hat die Inschrift etwas mit der Auferstehung der Toten zu tun, die in dem Grab liegen, oder mit jener von Jesus, wenn man an das Jona-Bild in der Nähe denkt", sagt James Tabor.

"Falls irgendwer zuvor gesagt hätte, dass wir jemals eine Inschrift oder ein Jona-Bild in einem jüdischen Grab aus dieser Periode finden würden, hätte ich gesagt, das ist unmöglich - bis jetzt", meint der Bibelwissenschaftler in einer Aussendung. "Auch unser Team wollte nicht daran glauben, aber die Beweise lagen klar vor unseren Augen", zeigt er sich über seine eigenen Forschungsergebnisse begeistert.

Ein Bibelwissenschaftler als Medienprofi

James Tabor hat schon in der Vergangenheit mit seinen Funden für Aufsehen gesorgt. Nur 45 Meter von der nun untersuchten Grabesstätte hat er mit einem Forscherteam 1980 ein anderes Grab entdeckt, dessen Inschriften darauf schließen ließen, dass sich darin die Überbleibsel von einem "Jesus, Sohn von Josef", von zwei Marias, einem Josef, einem Matthäus und anderen Namen der christlichen Heilsgeschichte befanden.

In seinem Buch "Die Jesus-Dynastie" vertritt er die These, dass dieses Grab mit Jesus von Nazareth zu tun haben könnte. Auch für die vom "Titanic"-Regisseur James Cameron produzierte Dokumentation über das "Jesus-Grab", die 2007 im TV-Sender Discovery Channel lief, fungierte Tabor als wissenschaftlicher Zeuge. Der aktuelle Fund wird wohl die damalige Debatte wieder anheizen, ob man den Fundort von Jesus jemals finden wird können bzw. schon gefunden hat.

Mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat sich der Archäologe und Bibelwissenschaftler in den vergangenen Jahren eher zurückgehalten. Nicht aber mit kommerziellen Publikationen: Noch diesen Frühling soll im Discovery Channel die entsprechende neue Dokumentation gezeigt werden, auch ein weiteres Buch wird veröffentlicht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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