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Ein Labyrinth mit zahlreichen bemalten Pflastersteinen in Paderbor

Wegweiser im Labyrinth des Feminismus

Bildung und Bücher waren wichtige Elemente der historischen Frauenbewegung. Schon vor über 100 Jahren gab es die Idee, Bibliotheken und Archive zu gründen, die sich der Emanzipation der Frau widmen. Seit 1992 gibt es dafür an der Österreichischen Nationalbibliothek "Ariadne". Ein Interview zum 20-Jahr-Jubiläum.

Gender 05.03.2012

70.000 Datensätze zu Artikeln der Frauen-, Geschlechter- und - wie es mittlerweile auch im deutschen Sprachraum heißt - Gender-Forschung haben sich mittlerweile angesammelt.

Die Leiterin von Ariadne, Christa Bittermann-Wille

Österreichische Nationalbibliothek / Ingrid Oentrich

Christa Bittermann-Wille, Mitarbeiterin von Ariadne, der Servicestelle für frauenspezifische Information und Dokumentation an der Österreichischen Nationalbibliothek, bis 2011 mit Helga Hofmann-Weinberger, seit 2012 mit Lydia Jammernegg.

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Veranstaltung:

Am 6. März 2012, 19.00 Uhr, findet die Festveranstaltung 20 Jahre Ariadne an der Österreichischen Nationalbibliothek statt.

Cover des Romans "Frauen"

Österreichische Nationalbibliothek

Zwei Bücher findet Christa Bittermann-Wille besonders empfehlenswert. Das eine ist der Roman "Frauen" von Marilyn French, einer amerikanischen Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Feministin. "Als junge Frau hat mich das Buch sehr beeindruckt und über Jahre begleitet. Der Roman schildert die Lebenssituation von Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg - zwischen Aufbruch, feministischen Zielen aber auch dem Verhaftetsein in patriarchalen Strukturen. Für mich eine 'gelebte' spannende Frauengeschichte", so Bittermann-Wille.

Cover des Buchs "Bücherspuren"

Österreichische Nationalbibliothek

Das zweite Buch ist "Bücherspuren" von Christiane Hoffrath, das dem Schicksal von Elise und Helene Richter nachgeht, den beiden jüdischen Wissenschaftlerinnen. "Unter den schweren Schicksalsschlägen und Verfolgungen, denen sie während des Nationalsozialismus ausgesetzt waren, bildete der Zwangsverkauf ihrer wertvollen Privatbibliothek eine besonders tragische Komponente", sagt Bittermann-Wille. "Mich als Bibliothekarin der ÖNB hat diese akribische Untersuchung äußerst beeindruckt."

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 5.3., 13:55 Uhr.

Dazu wurden 14.000 feministische Bücher der Community via Newsletter bekanntgemacht, wie die Ariadne-Mitarbeiterin Christa Bittermann-Wille erzählt. Die Hilfe im Labyrinth des Forschungsbereichs, die Ariadne wie ihr Vorbild aus der griechischen Mythologie anbietet, scheint also nötig.

science.ORF.at: Im aktuellen Bestand der Zeitschriften von Ariadne wird neben zahlreichen feministischen Blättern auch die "Wienerin" aufgelistet: Wo ist die Grenze zwischen dieser und jener Frauenzeitschrift?

Christa Bittermann-Wille: Frauenzeitschriften sind der Oberbegriff, an der Nationalbibliothek versuchen wir im Rahmen von Ariadne, die wissenschaftlichen und feministischen Zeitschriften genauer auszuwerten. Wenn in der "Wienerin" z.B. ein passender Beitrag erscheint, dann nehmen wir den auch auf, aber Hochglanzmagazine stehen nicht in unserem Fokus. Das eine sind kommerzielle Zeitschriften, das andere feministische. Um in die Datenbank von Ariadne aufgenommen zu werden, brauchen die Artikel einen geisteswissenschaftlichen und feministischen Bezug.

Auch in Zeitschriften wie der "Wienerin" oder "Brigitte" gibt es sicher Autorinnen, die den Anspruch haben, feministisch zu sein …

Durchaus, es gibt auch immer wieder engagierte Artikel in diesen Frauenzeitschriften. Ich lese sie selbst immer wieder zur Entspannung und habe meine Kolumnenlieblinge. Wohin sich die Frauenbewegung überall entwickelt hat, zeigt auch ihre Bandbreite. Auch in diesen Zeitschriften hat sich etwas getan.

Würden Sie entsprechende Artikel auch in der Ariadne-Datenbank auflisten?

Wenn wir zufällig über einen Artikel stolpern z.B. über eine wichtige Österreicherin, die wir bisher noch nicht entdeckt haben, dann würden wir auch einen Brigitte-Artikel aufnehmen. Aber im Regelfall würde das unsere Arbeitskapazitäten übersteigen.

Die Frage der Auswahl stellt sich auch bei den historischen Teilen von Ariadne. Unter "Frauen-Werke" etwa kann man digitalisierte, komplette Texte von Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts lesen: Auch da hat es ganz viele Autorinnen gegeben, wer von ihnen bekommt den Stempel "Feminismus-relevant"?

Das Ariadne-Team besteht aus zwei Bibliothekarinnen, wir sind keine Literaturwissenschaftlerinnen. Insofern haben wir uns an den Kanon namhafter Literaturwissenschaftlerinnen angelehnt.

Es gibt unter den Texten z.B. viele, die von Marie von Ebner Eschenbach stammen. War sie eine Feministin?

Sie selber hätte sich wohl nicht als eine solche bezeichnet, hat sich aber sehr für Frauenrechte eingesetzt und war in ihren Werken auch sozialpolitisch sehr engagiert. Die "Frauen-Werke" sind im Rahmen einer Ausstellungsbeteiligung entstanden. Dabei sind wir auf Autorinnen getroffen, die in diesem Zeitraum Werke publiziert haben und die "neue Frau" in den Fokus stellten wie Marie Eugenie delle Grazie, Elsa Asenijeff oder Grete von Urbanitzky. Da gehört auch von Ebner Eschenbach dazu.

In aller Kürze: Was zeichnet Ariadne aus?

Wir haben seit 1992 mehr als 14.000 frauen- und genderspezifische Bücher, in erster Linie aus dem deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum in unserem Newsletter bekanntgemacht. Alle Bücher werden mit kleinen Anmerkungen und einer Inhaltsangabe versehen. Der Newsletter ist 20 Seiten dick und erscheint alle zwei Monate. Kleinere Bibliotheken verwenden ihn zum Ankauf, er zieht auch viele interessierte Leser und Leserinnen an, gerade erscheint er zum 114. Mal. Außerdem haben wir zurzeit ca. 70.000 Datensätze in der Ariadne-Datenbank, die in den Suchmaschinen der Nationalbibliothek integriert sind.

Sind das Bücher?

Nein, die Bücher sind sowieso in den Katalogen verzeichnet. Dabei handelt es sich um sogenannte unselbstständige Literatur: Artikel, die für die Frauen- und Genderforschung relevant sind und aus Sammelwerken oder Zeitschriften stammen. Wir werten dafür regelmäßig 40 wichtige frauen- und geschlechterspezifische Zeitschriften aus, dazu 300 allgemeine wissenschaftlichen Zeitschriften, die wir nach entsprechender Literatur durchforsten. Seit 1992 sind so 70.000 Datensätze entstanden und wir haben auch einen eigenen feministischen Thesaurus entwickelt. Er besteht aus rund 18.000 Begriffen, die wir bereits 340.000 Mal vergeben haben - im Schnitt haben die Artikel also fünf Schlagworte. Diese Dokumentation der unselbständigen Literatur war das Novum der Ariadne-Datenbank. Mittlerweile werden auch Inhaltsverzeichnisse anderer Sammelwerke im ÖNB-Katalog verzeichnet, aber wir waren 1992 die ersten, die diese Art Dokumentation angeboten haben.

Wie viele frauenspezifische Bücher gibt es überhaupt an der ÖNB?

Das ist schwierig zu beantworten, weil die Frauen- und Geschlechterforschung sehr interdisziplinär ist, sie reicht von Geschichte und Literatur bis zu den Naturwissenschaften und der Theologie. Seit es Ariadne gibt und wir uns um den Ankauf dieser Literatur kümmern, ist der Bestand aber rasant gestiegen. Deshalb braucht auch jeder einen Ariadnefaden, um sich im Labyrinth des frauen- und genderspezifischen Wissens zurechtzufinden (lacht).

Seit wann gibt es die Idee für ein reines Frauenarchiv in Österreich?

Schon lange, den Gedanken hatten bewegte Frauen schon Ende des 19. Jahrhunderts. Lesen und Bildung war ein wichtiger Aspekt der historischen Frauenbewegung. Es hat auch in Österreich immer wieder kleinere Bibliotheken gegeben, etwa vom allgemeinen Österreichischen Frauenverein, der Bücher gesammelt hat, um sie Frauen zugänglich zu machen. Im Neuen Wiener Frauenclub, am Tuchlauben in der Inneren Stadt, z.B. hat es von 1909 bis 1933 ein Lesezimmer gegeben. Wir kennen die Fotos, wissen aber nicht, wo die Bücher gelandet sind. In Österreich gibt es leider kein zugängliches historisches Frauenarchiv, deshalb schien uns die Einrichtung unseres Portals "Frauen in Bewegung" sehr wichtig.

Es gibt aber den "Bund österreichischer Frauenvereine" …

Ein privater Verein, der 1902 gegründet wurde und ein Dach für wichtige österreichische Frauenvereine ist. Wir vermuten, dass es dort eine Bibliothek und viel Nachlassmaterial von Frauen gibt, die in den Vereinen tätig waren. Der Verein schottet sich aber von der Öffentlichkeit ab und ist der Forschung leider nicht zugänglich.

Die Zukunftsfrage: Welche Projekte möchte Ariadne in nächster Zeit angehen?

Wir verstärken, was wir bisher gemacht haben, ob das "Frauen-Werke" ist oder "Cherchez la femme", unsere frauenspezifischen Nachschlagewerke. Wir haben auch vor, dass wir den Bestand von den 60er und 70er Jahren in die Ariadne-Datenbank einarbeiten. Wichtig ist auch die Web-2.0-Anbindung. Und wir hoffen, dass wir unser virtuelles Lesezimmer ausbauen können. Da hilft uns das große Google Projekt "Austrian Books Online", das zurzeit an der ÖNB läuft und bei dem österreichische Werke digitalisiert werden.

Haben Sie ein spezielles, persönliches Highlight aus 20 Jahren Ariadne?

Die Arbeit bietet fast jeden Tag eine Überraschung, man stößt auf Persönlichkeiten, die einem sonst nie über den Weg gelaufen wären. Besonders interessant fand ich Gerda Lerner, eine Exilösterreicherin, die in den USA die Frauenforschung in den 1960er Jahren mitbegründet hat. Mit Ariadne konnten wir ein bisschen dazu beigetragen, dass sie wieder nach Österreich gekommen ist und von den Frauenforscherinnen wahrgenommen wird. Das hat uns sehr gefreut.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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