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Ein Soldat bewacht ein Hakenkreuz-Enblem

Seyß-Inquart in neuem Licht

Arthur Seyß-Inquart (1892-1946) war einer der führenden österreichischen Nationalsozialisten. Eine neue Biografie beleuchtet sein Leben und Wirken. Die Historiker sprechen von einer Umwertung seines Bildes, er habe nämlich nicht nur zugeschaut.

NS-Zeit 02.03.2012

"Katholischer Gentleman"

Er arbeitete aktiv am sogenannten "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich 1938, wurde Reichsstatthalter und administrierte schließlich als Reichskommissar in den Niederlanden die Deportation von über 100.000 Juden.

Seit 2007 arbeiten die beiden Historiker Peter Berger und Johannes Koll vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien daran, Lücken in der Biografie zu schließen. Ihre Ergebnisse versprechen eine "Umwertung des Bildes von Seyß-Inquart. Denn ich glaube, in Österreich gilt er immer noch als katholischer Gentleman mit leichten nazistischen Einschlägen", so Berger im Gespräch mit der APA.

Systematische Judenverfolgung

Seyß-Inquarts Biografie gewähre die Möglichkeit, "an einem konkreten Fall nachzuvollziehen, wie ein eigentlich intelligenter, gebildeter und kultivierter Mensch dazu gekommen ist, an der größten Barbarei der Weltgeschichte teilzunehmen", erklärt Koll. Er hat im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts in den Archiven von sieben Ländern gearbeitet, um die Lebensgeschichte des Nationalsozialisten zusammenzusetzen.

2013 sollen die Ergebnisse in Buchform veröffentlicht werden, auf Deutsch und in niederländischer Übersetzung. Schwerpunkte setzte der Historiker dabei vor allem auf die systematische Judenverfolgung durch Seyß-Inquart in den Niederlanden, aber auch auf sein politisches Instrumentarium, mit dem er sich an die Spitze der nationalsozialistischen Verwaltung hocharbeiten wollte.

Gerissener Karrierist

Seyß-Inquart sei einerseits ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, so Koll. Andererseits habe er jede Möglichkeit genutzt, um seine Karriere im mittleren Verwaltungsaufbau des NS-Regimes voranzutreiben - er habe ein Talent gehabt, mit den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt zu reden. Idealismus, Karrierismus und Pragmatismus, alle drei Grundhaltungen könne man in Seyß-Inquarts Handeln finden, sagt Koll.

Überraschend sei für die Wissenschaftler vor allem gewesen, welche großen Handlungsspielräume der Österreicher innerhalb der NS-Verwaltung gehabt habe. "Das gibt interessante Aufschlüsse über jene Leute, die nach Kriegsende behauptet haben, sie seien nur ein Rädchen in einem großen Getriebe gewesen. So etwas zu falsifizieren und zu zeigen, dass sie zum Teil eine ganz eigene Politik betreiben konnten, das sind die interessanten Momente", erklärt Koll.

Auf zwei Hochzeiten

In Österreich hat sich Seyß-Inquart erst kurz vor dem "Anschluss" tatsächlich als Nationalsozialist deklariert: "Er hat lange Zeit auf zwei Hochzeiten getanzt. Das war symptomatisch für ihn und seine Politik", meint Koll. In Wien habe er sich zuerst als Brückenbauer inszeniert, der seine Kontakte zu Nazi-Deutschland nutzen könne. In Berlin habe er sich dagegen angeboten, den konservativen Ständestaat unter Kurt Schuschnigg auszuhebeln. Lange war er kein offizielles Parteimitglied, unterstützte die NSDAP aber mit finanziellen Beiträgen. Auf Druck Berlins wurde er 1938 schließlich Innenminister, ein Monat später marschierten die Nationalsozialisten in Österreich ein.

Seine weitere Karriere führte den Österreicher nach Polen und als Reichskommissar in die Niederlande, wo er in einem Chalet wohnte, Hauskonzerte gab und für seine Gastlichkeit bekannt war. Währenddessen setzte er die nationalsozialistische Vernichtungspolitik konsequent um: Aus keinem westeuropäischen Land seien so viele Juden deportiert wie aus den von Seyß-Inquart administrierten Niederlanden - sowohl prozentual als auch in absoluten Zahlen, betonen die Historiker. Projektleiter Berger hält das für eine der wichtigsten Erkenntnisse, die zu einer Umwertung der Persönlichkeit Arthur Seyß-Inquart führen könnte: "Er hat nicht nur zugeschaut und nichts gewusst, er hat das veranlasst."

science.ORF.at/APA

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