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Grüne Grenze zwischen Polen und Russland

Der kategorische Imperativ des Schmuggelns

Der polnische Migrationsforscher Wojciech Łukowski untersucht die EU-Außengrenze in Polen. An der einstigen Wirkungsstätte Immanuel Kants bessern Schmuggler ihr karges Einkommen auf. Łukowski zufolge handeln diese durchaus im Einklang mit Kants Philosophie: Sie folgen der Vernunft und moralischen Universalien.

Kulturwissenschaft 12.03.2012

Die Überwindung symbolischer Grenzen durch die "Kritik der reinen Vernunft" im EU-Grenzraum

Von Wojciech Łukowski

Die Peripherie erweckt bekanntlich die Neugier jener, die dort nicht leben müssen und die eher nicht beabsichtigen, sich dort einen festen Wohnsitz zu nehmen. Peripherie wird oft als exotisch, hübsch und harmlos imaginiert. Nordostpolen ist eine solche Region. Einen Teil dieses nordöstlichen Grenzgebiets bildet Masuren. Eine Landschaft, die bis 1945 zu Ostpreußen gehörte und seit 1945 einen Teil Polens bildet. Masuren grenzt im Süden an Masowien und im Norden an eine russische Exklave – den Kaliningrader Bezirk, der nach dem EU-Beitritt Litauens und Polens die territoriale Verbindung mit Kernrussland verloren hat.

Diese beiden Teile – der polnische und der sowjetische – waren bis 1990 praktisch völlig voneinander abgeschnitten. Der wichtigste Grund dafür liegt wohl in der Tatsache, dass der Kaliningrader Bezirk de facto eine strategische Militärbasis der Sowjetunion war. Königsberg verwandelte sich unwiderruflich in Kaliningrad. Masuren sollte mit Polen zusammenwachsen.

Das Tor nach Russland

Wojciech Łukowski

Wojciech Łukowski

Der Autor

Wojciech Łukowski ist Politikwissenschaftler und Migrationsforscher an der Universität Warschau. Am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien forscht Łukowski nun für vier Monate zum Thema "Symbolische und ethische Dimension der (Spät)Moderne an ihrer europäischen Peripherie".

Am Montag, dem 12.3. hält Łukowski am IFK einen Vortrag zu dem hier vorgestellten Thema.Ort: Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 18.00 Uhr.

1990 öffnete sich die mehr als 40 Jahre lang geschlossene Grenze. Es scheint sogar, dass manche glaubten, dass die an der Peripherie Russlands und Europas liegenden Regionen ihr Schicksal nun völlig umkehren würden und in das eigentliche Zentrum, in die Mitte gelangen könnten.

Als die Eliten mit der Entwicklung der Vision eines Bindeglieds zwischen den Zivilisationen befasst waren, beschäftigten sich einfache Menschen – um zu überleben – mit dem Schmuggel an der allmählich geöffneten Grenze.

1995 entstand z. B in der Grenzstadt - Goldap ein offizieller Grenzübergang, der vor allem von Schmugglern und kleinen Grenzhändlern benutzt wird. Für die Eliten bedeutete die Öffnung, dass eine Art positive Wiederbesinnung auf die Vergangenheit erfolgen könnte;

Ostpreußen existierte zwar nicht mehr, der zerstörte Organismus würde aber wieder zusammenwachsen können. Europa sollte unter anderem über den Grenzübergang in Gołdap auf Russland ausstrahlen, Russland würde sich allmählich europäisieren.

Es lässt sich nicht ausschließen, dass die Ideale von verschiedenen, oft unterschätzten "Kanälen“ absorbiert werden, auch durch den Schmuggel. Es ist auch Tatsache, dass der Grenzübergang in Gołdap seit 1995 durch Schmuggler, und eigentlich durch kleine Grenzhändler beherrscht wird, die in Polen "Ameisen" (Ameisen polnisch: Mrówki) genannt werden.

Schmuggler warten an der Grenze

Wojciech Łukowski

Schmuggler vulgo "Ameisen" am Grenzübergang Goldap.

Geschmuggelt werden Alkohol, Benzin, Diesel und Zigaretten - aus Russland nach Polen, unter Ausnutzung von Preisunterschieden der mit Verbrauchssteuer belegten Waren.

Vielleicht könnte dieser Schmuggel nicht nur in Kategorien der moralischen Überlegenheit und Missbilligung betrachtet werden, sondern auch als ein Teil eines größeren Ganzen, das auch in irgendeinem positiven Zusammenhang mit Projekten von Eliten gesehen werden kann?

Kants Reise nach Goldap

Diese Projekte sollen wohlgemerkt die Region aus der Peripherität herausreißen, andererseits auch eine kulturelle und symbolische Kontinuität aufbauen. Zum Türöffner nach Russland wurde Immanuel Kant, der mit dieser Region verbunden war. Er lebte und arbeitete in Königsberg. Im Herbst 1996 wurde in Goldap ein Denkmal enthüllt, das an seinen Aufenthalt im Jahr 1765 erinnern sollte.

Kant-Denkmal

Wojciech Łukowski

Kant-Denkmal in Goldap.

Es wird allgemein angenommen, dass Immanuel Kant sein ganzes Leben in Königsberg verbracht und die Hauptstadt Preußens nie verlassen habe. Es zeigte sich jedoch, dass der große Philosoph entgegen anders lautenden Berichten doch Reisen durch das damalige Preußen unternommen hatte, verschiedene Städte besuchte und dass seine längste Reise ihn nach Goldap führte. Man darf also behaupten, dass das masurische Goldap jene Stadt ist, die auf dem Gebiet der erweiterten Europäischen Union die stärksten Verbindungen mit Kant besitzt.

Schmuggeln in Kant'scher Tradition?

Zahlreiche Bewohner von Goldap überqueren täglich die polnisch-russische Grenze – vor allem zum Zweck des Kleinhandels und Schmuggels – in der Hoffnung, sich dadurch ein besseres Leben ermöglichen zu können. Die Kommunalpolitiker überschritten mutig Grenzen schematischer Vorstellungen, die über die Entwicklung auf lokaler Ebene bestehen, allein schon durch die Schaffung des Grenzübergangs.

Kant gebietet allen endlichen vernunftbegabten Wesen und damit allen Menschen, ihre Handlungen daraufhin zu prüfen, ob sie einer universalisierbaren Maxime folgen und ob dabei die von den Handlungen betroffenen Menschen auch in ihrer Selbstzweckhaftigkeit berücksichtigt werden.

Haben wir es bei den selbstgewählten Regeln der Schmuggler nicht mit einer ziemlich entstellten Form der Verwirklichung des kategorischen Imperativs von Kant zu tun? Er schrieb: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Könnte jetzt auch Immanuel Kant, der in Königsberg Zum ewigen Frieden und Die Kritik der reinen Vernunft schrieb, ruhig in seinem Grab einschlafen, möglicherweise nach wie vor beobachtend, was in seiner Heimat vor sich geht?

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