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Screenshot der Facebook-Website

Schlafmangel führt zum Internetflanieren

Hand aufs Herz: Wer tut das nicht? Statt konzentriert seine Arbeit am Computer zu machen, lieber einmal eine Mail schreiben, ein Video ansehen, noch einmal Facebook checken. Einen einfachen Grund, der unsere Ablenkung fördert, haben nun Forscher empirisch untersucht: Müdigkeit.

Psychologie 12.03.2012

Schlafmangel, wie er etwa in den Tagen nach der Umstellung auf die Sommerzeit entsteht, schwächt unsere Selbstkontrolle und führt zu mehr Flanieren im Internet, berichtet ein Team von Psychologen um David Wagner von Michigan State University in einer Studie.

Die Studie:

"Lost Sleep and Cyberloafing: Evidence From the Laboratory and a Daylight Saving Time Quasi-Experiment" von David Wagner und Kollegen ist in "Journal of Applied Psychology" erscheinen.

"Cyberloafing, cyberslacking, goldbricking"

Dass das Internet aus den USA stammt, merkt man nicht zuletzt daran, dass es auf Englisch Wörter für Phänomene gibt, die zwar überall auftreten, dort aber ohne einen Begriff blieben. Beispiele dafür sind "cyberloafing", "cyberslacking" und "goldbricking".

Während es "cyberslacking" und "goldbricking in der englischsprachigen Wikipedia auf gar nicht so kurze Einträge bringen, die bereits vor sieben Jahren angelegt wurden, gibt es in den anderen Sprachen der Online-Enzyklopädie keine vergleichbaren Begriffe.

Dabei ist das bezeichnete Phänomen rund um den Globus bekannt: Werktätige, die vor dem PC-Bildschirm sitzen und statt ihrer eigentlichen Arbeit anderen, privaten Dingen nachgehen wie die eigene Facebook-Seite zu aktualisieren, YouTube-Videos anzusehen oder den Urlaub zu buchen.

Weniger Schlaf, mehr Suche nach Unterhaltung

Ö1-Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 12.3. um 13:55.

Um zu überprüfen, unter welchen Umständen wir uns besonders gerne von der Arbeit ablenken lassen, haben sich die Psychologen nun eines gefinkelten Ansatzes bedient. Ausgangspunkt war der Umstand, dass viele Menschen nach der Umstellung auf die Sommerzeit in den Tagen darauf weniger schlafen.

Der Biorhythmus passt sich nur langsam an, und deshalb verkürzt sich die Schlafdauer durchschnittlich um 40 Minuten pro Nacht. Und das führt tagsüber zu mehr Müdigkeit, die sich messbar auf das Verhalten vor dem Computerschirm auswirkt.

Die Forscher untersuchten das Surfverhalten der Bewohner von über 200 großen US-Städten in den Tagen nach der Sommerzeitumstellung 2004 bis 2009. Als Index für die Abgelenktheit verwendeten sie öffentlich zugängliche Statistiken der Suchmaschine Google: nämlich den Anteil an Suchanfragen, die sich auf die Bereiche Entertainment und Unterhaltung bezogen.

Am Montag nach der Zeitumstellung stieg der Anteil dieser Anfragen im Vergleich zum Vormontag um 3,1 Prozent, im Vergleich zum Montag danach war er sogar um 6,4 Prozent höher. Auch wenn die Daten nicht zwischen Surfen daheim und am Arbeitsplatz unterscheiden, halten sie die Forscher für aussagekräftig, da der Großteil der Online-Aktivität während der Arbeitszeit stattfindet.

"Ego-Depletion"

In einer zweiten Studie überprüften sie ihre Ergebnisse bei einem Test im Labor. Nachdem sie das Schlafverhalten von 96 Studenten in einer Nacht genau dokumentiert hatten, mussten diese am nächsten Tag eine Aufgabe am Computer absolvieren. Vordergründig sollten sie die Fähigkeiten eines neuen Professors anhand eines 42 Minuten langen Videos überprüfen.

In Wahrheit aber untersuchten die Forscher, wie konzentriert die Probanden dem Film zuschauten und ob sie auch andere Dinge mit dem Computer taten. Auch hier zeigte sich, dass die Personen, die in der Nacht zuvor schlechter und unterbrochener geschlafen hatten, eher zu "cyberloafing" neigten.

Die psychologische Erklärung heißt laut den Forschern Ego-Depletion: Gemeint ist damit, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle von der Willenskraft abhängt. Während Schlafen diese Fähigkeit verbessert, führt Schlafmangel zu weniger Selbstkontrolle und erhöht die Neigung, sich lieber ablenken zu lassen statt konzentriert einer Arbeit nachzugehen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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