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Bettler im Rollstuhl neben Passante

Unterdrücktes Mitleid macht unmoralisch

Geht man achtlos an einem offensichtlich leidenden Menschen vorbei und unterdrückt das Bedürfnis, ihm zu helfen, bleibt das nicht ohne Folgen. Unterdrücktes Mitgefühl schwächt Forschern zufolge unser moralisches Empfinden.

Psychologie 19.03.2012

Mitgefühl prägt Moral

Die Fähigkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen und dementsprechend zu handeln, ist wesentlich für unser moralisches Empfinden. Ohne Empathie würde unser Zusammenleben letztlich nicht funktionieren. Mitgefühl gilt daher auch als besonders wertvolle bzw. erstrebenswerte menschliche Eigenschaft.

Die Studie in "Psychological Science":

"The Cost of Callousness: Regulating Compassion Influences the Moral Self-Concept" von C. Daryl Cameron und B. Keith Payne

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 19.3., 13:55 Uhr.

In der gelebten Realität sieht das freilich oft anders aus: Beim Anblick eines Bettlers oder Obdachlosen drehen wir uns schnell weg und versuchen seine Notlage auszublenden, damit nur ja kein Mitgefühl aufkommt und wir etwa mit ihm reden oder ihm gar helfen müssten. In der Wiener U-Bahn wurde man sogar über Lautsprecher zu dieser ablehnenden Haltung aufgefordert.

So vermeidet man persönlichen Aufwand und unnötige Kosten, aber nur vermeintlich. Denn nach Ansicht der Forscher um Daryl Cameron zahlen wir - ohne dass uns dies bewusst wäre - sehr wohl einen Preis für unsere Ignoranz. Wie sie meinen, schwächt sie unseren Sinn für Moral.

Mitgefühl gezielt unterdrücken

Ob dies tatsächlich der Fall ist, haben die Wissenschaftler nun empirisch überprüft. Im Rahmen des Experiments mussten ca. hundert Studenten Bilder von leidenden Personen betrachten, schreiende Babys, Obdachlose, Kriegsopfer und Hungernde. Die Probanden wurden dafür in drei Gruppen mit unterschiedlichen Instruktionen aufgeteilt.

Die erste hat man dazu aufgefordert, jeden Anflug von Sympathie während des Betrachtens zu unterdrücken. Sie sollten alles Erdenkliche unternehmen, damit dieses Gefühl auf keinen Fall aufkomme. Die zweite Gruppe erhielt eine ähnliche Anweisung, nur hier galt es aufkommenden Stress bzw. Bedrängnis zu unterdrücken. Die dritte Gruppe hingegen durfte ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Anschließend wurde mittels Fragebögen die moralische Identität, die moralischen Prinzipien sowie die moralische Flexibilität der Probanden erhoben. Auf diese Weise wollten die Forscher nicht nur die grundsätzliche Haltung der Teilnehmer erfassen, sondern auch inwieweit sie bereit wären, im Zweifelsfall eigene Prinzipien zu missachten.

Moral wird geopfert

Die Ergebnisse bestätigten die Annahme, wonach unterdrücktes Mitgefühl zu einer Inkonsistenz zwischen moralischer Identität und moralischer Flexibilität führen muss. Studien zufolge gehen üblicherweise hohe Ansprüche und geringe Flexibilität einher, mit anderen Worten: Menschen mit hohen moralischen Werten, sind auch weniger bereit diese Prinzipien zu verletzen. Nach dem Experiment zeigte sich jedoch ein widersprüchlicher Effekt. Jene Teilnehmer, die ihr Mitgefühl unterdrücken mussten, erzielten bei der moralischen Identität höhere Werte, waren aber dennoch moralisch deutlich flexibler als die Probanden der anderen zwei Gruppen, d.h., sie wären eher bereit, ihre eigenen Regeln zu brechen.

Die Erklärung für dieses Phänomen nennen Psychologen kognitive Dissonanz. Diese taucht immer dann auf, wenn zwischen Haltung und Handeln ein Widerspruch entsteht - für die meisten kein angenehmes Gefühl. Laut den Forschern versucht unser Selbst daher, diese Unstimmigkeit in irgendeiner Form auszumerzen. Das gelingt, indem man prinzipielle Haltungen entsprechend adjustiert bzw. - wie im Fall der Moral - eigene Werte oder Prinzipien opfert. Handlungen werden damit gewissermaßen im Nachhinein gerechtfertigt. Das verdrängte Mitgefühl hat unsere Identität damit erfolgreich unterminiert.

Den Autoren zufolge wurde dieser Mechanismus mit ihrer Studie das erste Mal experimentell verifiziert. Darüber hinaus hätte sie gezeigt, dass auch die von außen kommende Forderung, bestimmte Gefühle zu unterdrücken, tiefgreifende Folgen haben kann. Ob von außen gefordert oder aus eigenen Antrieb: "Je mehr man sein Mitgefühl unterdrückt, umso wahrscheinlicher wird es, unmoralisch zu handeln", so Cameron. Der Preis für die Ignoranz sei so gesehen hoch: Sie macht uns zu "schlechteren" Menschen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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