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Lemuren aus Madagaskar

"Rafting" im Indischen Ozean

Madagaskar verdankt seine einzigartige Artenvielfalt einer Reihe von Zufällen. Meeresströmungen förderten die Besiedlung der Insel bis vor 20 Millionen Jahren. Äquatoriale Winde stoppten die Immigration.

Madagaskar 20.03.2012

Wenn der Name "Madagaskar" fällt, dann leuchten die Augen des Biogeografen. Weltweit gibt es vermutlich keine Region, die eine so eigenständige Flora und Fauna entwickelt hat. Von den madagassischen Pflanzenarten sind etwa 85 Prozent endemisch, das heißt sie existieren nur dort - und sonst nirgendwo. Kakteen aus Madagaskar sind beispielsweise gar keine Kakteen (auch wenn sie so aussehen), sondern gehören zu einer obskuren, mit den Nelken verwandten Familie namens "Didiereaceae".

Das Artenspektrum ist "unafrikanisch", weil lückenhaft: Affen sind auf der drittgrößten Insel unbekannt, es gibt sie schlichtweg nicht. Stattdessen feiern die Lemuren ihre Existenz durch bunte Diversität - wer will, kann die große Lemurenparty im Kinofilm "Madagascar" auch so lesen: ökologische Stellenäquivalenz à la Dreamworks.

Lösung von Gondwana

Die Studie

"Spatial and temporal arrival patterns of Madagascar’s vertebrate fauna explained by distance, ocean currents, and ancestor type", PNAS (doi: 10.1073/pnas.1113993109).

Karen Samonds von der University of Queensland hat sich nun an einer Rekonstruktion der madagassischen Besiedlungsgeschichte versucht. Sie zeigt, wie Plattentektonik und Ozeanströmung die Biodiversität der Insel geprägt haben. Die wichtigsten erdgeschichtlichen Kapitel im Schnelldurchlauf: Im Jura klebte Madagaskar noch an der Ostseite des afrikanischen Kontinents, der seinerseits noch mit Südamerika verbunden war.

In der Kreidezeit entstand die rund 350 Kilometer breite Straße von Mozambique. Sie trennt Madagaskar bis heute vom Festland. Allerdings war Madagaskar damals noch mit dem indischen Subkontinent verbunden, der sich später selbständig machte und gen Norden, in Richtung Asien driftete.

Illustration: Tiere, die auf natürlichen "Fößen" von Afrika aus Madagaskar besiedeln

Luci Betti Nash

Elefanten, Katzen und Affen betrieben kein "Rafting".

Die Trennung Madagaskars vom Festland lässt sich laut Samonds am heutigen Artenspektrum ablesen. Während zuvor viele an Süßwasser gebundene Arten einwanderten, war ab der Kreidezeit, als die Dinosaurier den Superkontinent Gondwana regierten, Schluss damit. Dafür betätigten sich vor rund 100 Millionen Jahren vermehrt terrestrische Arten als Pioniere.

Der Grund: Die Wind- und vor allem Strömungsverhältnisse waren günstig, wer nicht schwimmen konnte überwand die Straße von Mozambik eben auf Treibgut sitzend. "Rafting" nennen das Samonds und Co. im Fachblatt "PNAS", wo die entsprechende Studie nun erschienen ist. Ab dem frühen Miozän fanden die fröhlichen Überfahrten allerdings ein Ende.

Isolation durch Strömungsumkehr

Indien war zuvor in den asiatischen Kontinent gekracht, als Folge dessen begann sich das Himalaya-Gebiet zu heben. Auch klimatisch änderte sich damals, vor 35 Millionen Jahren, einiges: Die Temperaturen fielen, der antarktische Eisschild wuchs, die Ozeane verloren im Gegenzug an Volumen. Vor rund 23 Millionen Jahren etablierte sich im asiatischen Raum das Monsumklima, drei Millionen Jahre später geriet Madagaskar in den Einflussbereich der südlichen Äquatorialströme.

Das machte die Überfahrt zur Insel im Indischen Ozean schwierig bis unmöglich - und blieb bis heute so. Seit damals überwinden fast nur mehr des Fliegens mächtige Arten die Meeresstraße vor Afrika, der Rest ist Geschichte: Isolation plus Evolution machten Flora und Fauna endemisch und Biogeografen glücklich.

science.ORF.at

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