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Eine Gruppe Alpinistinnen

Als Alpinistinnen noch "Bergweiber" waren

Im langen Rock zogen sie los, später, an den ersten Felsen, verschwand das störende Kleidungsstück im Rucksack. Frauen in den Bergen - das galt in den Anfängen des Alpinismus als nicht schicklich. Trotzdem stiegen sie schon früh auf Gipfel. Ein neues Buch befasst sich mit der weiblichen Alpingeschichte.

Geschichte 20.03.2012

"Liebes ehemals schwaches, seit neuestem gleichberechtigtes Geschlecht", wandte sich der Bergautor Franz Nieberl 1922 an die Damen. Sie mögen den Rucksack selbst tragen, auf Hütten hausfrauliche Gaben entfalten und nicht mit den Männern anbandeln. "Werde um des Himmelswillen kein "wildes Bergweib", mahnt Nieberl. "Eine Zottelhexe mit wirrem Haar und nachlässiger Gewandung ist keine Verkörperung weiblicher Reize."

Die weibliche Alpin-Geschichte bis 1945 hat die Publizistin Ingrid Runggaldier in "Frauen im Aufstieg" zusammengetragen. Sie spürt Lebensläufen von Alpinistinnen nach, die oft nicht einmal in ihrer Zeit bekannt waren, "weil man es gar nicht wissen wollte und weil sie selbst nicht so das Bedürfnis hatten, sich öffentlich darzustellen."

Der Alpinismus sei nur ein Beispiel. "Es könnte auch die Geschichte der Künstlerinnen, der Wissenschaftlerinnen oder der Politikerinnen sein."

Das Buch:

Ingrid Runggaldier: Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte. Edition Raetia, 327 Seiten, 52,50 Euro, ISBN 978-88-7283-346-9

Wissenschaftliches Interesse

Nach den Recherchen der Südtirolerin waren Frauen von Anfang an dabei, weniger von Leistungswillen motiviert als vom Wunsch, aus der Enge auszubrechen, oder aus wissenschaftlichem Interesse. Die Geologin Maria Matilda Ogilvie Gordon erforscht die Dolomiten; die bergvernarrte italienische Königin Margarethe setzt sich 1890 für den Bau der Forschungsstation und höchsten Alpenhütte "Capanna Regina Margherita" (4.554 Meter) ein. In Bergdörfern wiederum stieg manche Frau in die Berge, um als Trägerin der Touristen ein Zubrot zu verdienen.

Unangenehmes Tragen

Ein Bild von Frauen, die auf Pferden auf einen Berg transportiert wurden.

Edition Raetia

Schwieriger Transport zu Pferd

Begonnen hatte es im 18. Jahrhundert mit den "Kavaliersreisen". Wer konnte, bereiste Europa, sah Rom und Paris - und besuchte die mächtigen Alpen mit ihren Gletschern. Standesgemäß in Tragestühlen ließen sich 1718 die Schriftstellerin Mary Wortley Montagu und 1784 Sophie von La Roche in die Berge tragen. Selbst zu gehen schickte sich nicht - dabei wäre es wohl angenehmer gewesen.

Bewegungslos in den Sänften froren die Frauen jämmerlich, es schaukelte entsetzlich, und manche musste gar fürchten, über einem Abgrund aus dem schwankenden Stuhl zu kippen. "Ich war halb tot, ehe wir den Fuß des Berges erreichten", skizziert Montagu ihre Erlebnisse.

Bescheiden im Hintergrund

Die heroische Bergsteigerin wurde auch von den Nationalsozialisten verherrlicht.

Edition Raetia

Die heroische Bergsteigerin wurde auch von den Nationalsozialisten verherrlicht.

Große Freude an der Bergtour hatte offenbar auch Marie Paradis nicht, die als erste Frau 22 Jahre nach der Erstbesteigung 1786 den Montblanc (4.810) erstieg. "Werft mich in eine Gletscherspalte", soll die Magd gestöhnt haben, ehe sie, mehr geschoben als steigend, auf dem höchsten Alpengipfel stand.

Ein Jahrhundert später rücken die Frauen auf. Die Halbjüdin Hettie Dyhrenfurth macht sich mit ihrem Mann in den 1930er Jahren auf eine Kangchendzönga-Expedition im Himalaya. Sie schafft es auf über 7.000 Meter - ein Höhenrekord bei den Frauen, den sie lange hält. Stets bleibt sie bescheiden im Hintergrund. An einer Medaillenübergabe bei Olympia 1936 in Berlin nimmt sie aus Protest gegen die Nazis nicht teil.

Fast wie ihr Gegenstück wirkt Leni Riefenstahl. Sie filmt für Hitler die Spiele und macht mit ihren Filmen das Bergsteigen auch der Frauen publik. Die Nazis förderten das Bild der Frau als Mutter, aber auch deren körperliche Ertüchtigung. Das Land brauchte Heldinnen.

Anderes Leitbild

Für ein neues Frauenbild jenseits von Ideologie steht die Südtirolerin Paula Wiesinger-Steger, die als Ski-Rennläuferin und Kletter-Pionierin der 1930er als einzige Frau den sechsten Grad voraus stieg. Als Wirtin selbstständig, sportlich, kinderlos: "Das ist damals nicht das Normale unter den Frauen gewesen - aber es hat sich ein anderes Leitbild entwickelt", sagt die Leiterin des Alpinen Museums des Deutschen Alpenvereins in München, Friederike Kaiser.

Praktisch bis heute sind Frauen am Aufholen. 2010 schafften die Südkoreanerin Oh Eun-sun und die Spanierin Edurne Pasaban als erste alle 14 Achttausender. Die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner meisterte im August 2011 K2 und damit als erste Frau alle Achttausender ohne zusätzlichem Sauerstoff. Reinhold Messner widmet den Berg-Frauen mit "On top" ein Buch und lobt: "Frauen sind nicht nur höhentauglicher als Männer, sie klettern auch eleganter."

Sabine Dobel, dpa/science.ORF.at