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Kieferbäume vor Himmel

Lärm hemmt das Baumwachstum

Dass Vögel und Säugetiere auf Lärm sensibel reagieren, haben bereits etliche Studien nachgewiesen. Jetzt berichten US-Ökologen: Auch Pflanzen werden durch Lärmverschmutzung beeinflusst. Manche Arten leiden darunter, andere profitieren.

Ökologie 21.03.2012

Man erinnere sich: Prinz Charles bekannte vor ein paar Jahren, seinen Zimmerpflanzen klassische Musik vorzuspielen und mit ihnen sogar Konversation zu pflegen (einseitig vermutlich). 2009 erhielt der Fürst von Wales die Victoria-Ehrenmedaille, eine Ehrung der Königlichen Gesellschaft für Gartenbau. Und zwar für seine "Leidenschaft für Pflanzen, nachhaltigen Gartenbau und die Umwelt", wie die Gesellschaft in ihrer Begründung schrieb.

Die royalen Exkurse in die Botano-Musikologie wurden damals wohl mit gutem Grund nicht erwähnt. Wenngleich man zugeben muss, ganz irrelevant ist der Schall für Pflanzen tatsächlich nicht. Wichtige Einschränkung: Die Effekte sind indirekter Natur, wahrgenommen wird Lärm von Tieren. Ändern diese ihr Verhalten, bekommen auch Bäume und Blumen die Wirkung zu spüren.

Motoren im "Rattlesnake Canyon"

Die Studie:

"Noise pollution alters ecological services: enhanced pollination and disrupted seed dispersal" von Clinton Francis und Kollegen ist in den "Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 21.3., 13:55 Uhr.

Diesen ökologischen Ferneffekt haben nun Forscher um den Biologen Clinton Francis im US-Bundesstaat New Mexico nachgewiesen. Genauer gesagt in der "Rattlesnake Canyon Habitat Management Area", ein ideales Untersuchungsgebiet, sofern man an der Kollision von Natur und Lärm interessiert ist. In der an sich naturbelassenen Region befinden sich nämlich tausende Erdgasquellen, viele davon sind mit Kompressoren versehen, die Tag und Nacht mit maschinellem Getöse Gas extrahieren und in Pipelines pumpen.

Um den Einfluss der Dauerbeschallung zu messen, machten Francis und seine Kollegen zwei Versuche. In Runde eins setzten die Ökologen künstliche Blumen inklusive "Nektar" und "Pollen" in die Landschaft, die dem rotblütigen Sperrkrautgewächs Ipomopsis aggregata nachempfunden waren. Ziel der Übung: Überprüfung der Lärmtoleranz des Schwarzkinnkolibris, dem Bestäuber der Pflanze. Überraschenderweise fühlt sich der Vogel vom Motorenlärm der Kompressoren nicht nur nicht abgestoßen - er scheint dem Schall regelrecht zu folgen.

An lärmverschmutzten Orten besuchte der Kolibri fünf Mal mehr Blüten, wovon wiederum Ipomopsis aggregata profitierte. "Vermutlich bevorzugen Kolibris diese Orte, weil eine andere Vogelart, der Buschhäher, die Jungen des Kolibris frisst und sehr empfindlich auf Lärm reagiert", sagt Francis.

Gut für Sperrkraut, schlecht für Kiefern

Apropos Buschhäher: Auch ihm war ein Experiment gewidmet, mit von der Partie waren außerdem Steinkiefern (bzw. deren Samen) sowie Mäuse. Wie Francis und sein Team in den "Proceedings of the Royal Society" schreiben, reagieren die beiden Tierarten äußerst unterschiedlich.

Mäuse sammeln nahe den Kompressoren mehr Kiefersamen, Buschhäher indes kommen erst gar nicht dorthin. Für die Kiefer ist beides schlecht. Denn Mäuse fressen die Samen in der Regel gleich. Was nach der Darmpassage das Nagetier wieder verlässt, eignet sich bestenfalls zur Ernährung niederer Organismen. Kiefern entstehen daraus jedenfalls keine. Anders die Gepflogenheiten des Vogels: Er bunkert die Samen für magere Zeiten, vergisst mitunter die Vorratsplätze und hilft so den Kiefern bei ihrer Verbreitung.

Zählungen junger Pinientriebe bestätigen das, sie sind in ruhigen Zonen vier Mal so zahlreich wie in beschallten. Falls die Ergebnisse auch auf andere Ökosysteme übertragbar sind, ist die Bedeutung der Studie nicht zu unterschätzen. Laut Studien sind 20 Prozent der USA von Verkehrslärm betroffen - andere Schallquellen nicht eingerechnet.

Robert Czepel, science.ORF.at

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