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Ein Fächer von Fachjournalen.

"Forscher überzeichnen ihre Ergebnisse"

Nicht nur die Massenmedien buhlen um Aufmerksamkeit - auch wissenschaftliche Journale setzen mitunter auf marktschreierische Methoden. Martina Franzen hat die Medialisierung der Wissenschaft untersucht: Ein Gespräch über mächtige Zeitschriften und vermeintliche Durchbrüche in der Stammzellforschung.

Medien & Wissenschaft 06.04.2012

Die Medien scheinen der Wissenschaft heute größere Aufmerksamkeit zu widmen als früher. Lässt sich dieser Eindruck durch Studien belegen?

Martina Franzen: Ja, seit den 90er Jahren verzeichnen wir eine quantitative Zunahme von Medienberichten. Interessant ist hier zu fragen: Bleibt das für die Wissenschaft folgenlos oder orientiert sie sich selbst stärker an den Medien?

Wie lautet die Antwort?

Martina Franzen

Martina Franzen

Martina Franzen ist als Wissenschaftsforscherin an der Universität Bielefeld tätig. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaft und Medien, Peer-Review-Verfahren, Wissenschaftliches Fehlverhalten.

Ihre Studienergebnisse zur Stammzellforschung sind in Buchform erschienen: "Breaking News.Wissenschaftsjournale im Kampf um Aufmerksamkeit"

Es bleibt nicht ohne Folgen. Die Antwort hängt allerdings davon ab, welchen Aspekt der Wissenschaft man betrachtet. Wenn nun beispielsweise manche Forscher besonders öffentlichkeitswirksam auftreten oder sich die Pressearbeit von Forschungsinstitutionen verstärkt, dann sind damit eigentlich nur die Außenstellen der Wissenschaft betroffen - aber nicht ihr Kern. Ich habe in meiner Arbeit untersucht, ob die wissenschaftliche Kommunikation durch massenmediale Anforderungen überlagert wird: Das ist bislang nur vereinzelt erkennbar.

Welche Anforderungen sind das?

Wissenschaft und Massenmedien folgen unterschiedlichen Eigenlogiken. In der Wissenschaft orientiert man sich an methodischen Qualitätskriterien, Ergebnisse müssen valide und nachprüfbar sein. In den Massenmedien geht es hingegen darum, eine möglichst breite Öffentlichkeit anzusprechen. Überraschung, Personalisierung und Normverstöße sind etwa Faktoren bzw. Themen, mit denen dieses Ziel erreicht wird.

Eine Kollision zwischen Wahrheitswert und Nachrichtenwert?

Sie müssen nicht unbedingt kollidieren, sie können sich auch ergänzen. Denn auch in der Wissenschaft spielt Aufmerksamkeit eine große Rolle. Ein großer Prozentsatz aller publizierten Arbeiten wird gar nicht wahrgenommen. Spektakuläre Forschungsergebnisse haben den Vorteil, dass man damit auch viele Kollegen in der Fachgemeinde erreicht.

Das klingt jetzt so, als gäbe es eine rundherum symbiotische Koexistenz zwischen Wissenschaft und Medien.

Was die Frage der Publizität betrifft, sind die Kriterien in beiden Feldern durchaus ähnlich. Es gibt allerdings auch Konflikte: Bei wissenschaftlichen Zeitschriften etwa können die Erwartungen aus beiden Bereichen kollidieren. Ich habe Fälle aus der Stammzellforschung untersucht, die eine große mediale Beachtung gefunden haben - aber letztlich wissenschaftlich nicht halten konnten, was sie versprochen haben.

Inwiefern?

Die Stammzellforschung ist ein spezieller Fall, weil sie erstens einen starken Niederschlag in der Presse findet und außerdem auch politisch von Bedeutung ist. Ich habe mir ein Sample von 58 Veröffentlichungen aus diesem Bereich genauer angesehen. Ein Ergebnis war, dass besonders jene Arbeiten in den Medien vorkamen, die zuvor in "Nature" und "Science" publiziert worden waren. Das ist nicht überraschend, denn diese beiden Zeitschriften gelten als die Agenda-Setter für die Massenmedien. Und sie gelten aus wissenschaftlicher Sicht als besonders reputationsträchtige Journale.

Ich habe allerdings herausgefunden, dass just jene Artikel, die als "Durchbrüche" markiert wurden, im Nachhinein überdurchschnittlich oft korrigiert werden mussten. Entweder weil sie Fehler enthielten oder weil sie betrügerisch manipuliert wurden.

Nehmen wir etwa den Fall des koreanischen Stammzellforschers Hwang Woo Suk. Hätte das Journal "Science" seine offenbar gefälschten Studien kritischer überprüfen lassen, hätte man sich einen Skandal erspart.

Bereits als Hwang 2004 seine erste große Arbeit veröffentlicht hat, kam es im Vorfeld zu Ungereimtheiten. Hwang gab vor, Belege für therapeutisches Klonen gefunden zu haben, doch der Stammzellforscher Rudolf Jaenisch sagte damals in einem begleitenden News-Artikel: "Die vorgelegten Daten beweisen noch nicht, dass hier tatsächlich kloniert wurde."

Diese Zweifel sprach Hwang in seiner Arbeit sogar kurz an, doch in der Pressearbeit von "Science" wurden sie beiseitegeschoben. Die Klonierung beim Menschen erschien zu wichtig. Die Ironie an der Geschichte ist: Die gefälschte Arbeit enthielt tatsächlich einen Durchbruch, wenn auch auf einem anderen, weniger spektakulären Gebiet. Hwang hatte keine Zellen geklont, sondern sie mit Jungfernzeugung vermehrt.

Um eine Arbeit in einem Top-Journal veröffentlichen zu können, muss man empirische Beweise oft in mehrfacher Ausfertigung liefern. Das Verfahren ist sehr streng. Im Fall Hwang dürfte es hingegen gelockert worden sein. Hat der Nachrichtenwert den Wahrheitswert ausgeknockt?

"Science" hat nach dem Skandal einen Ausschuss beauftragt, den Fall zu untersuchen. Der kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass das Journal wasserdichte Beweise hätte anfordern müssen. Freispruch für "Science" gab es jedenfalls keinen.

Abgesehen von Extremfällen wie Hwang - erkennen Sie einen Trend in der wissenschaftlichen Kommunikation?

Meiner Meinung nach neigen Forscher dazu, ihre Ergebnisse zu überzeichnen, um im Begutachtungsprozess überhaupt auf Interesse zu stoßen. Manchmal wird mehr versprochen als die Daten hergeben.

Haben die Medien auch die Hierarchie der Wissenschaft verändert - sind die Naturwissenschaften noch einflussreicher geworden?

Die biomedizinische Forschung stößt sicher auf vermehrte Resonanz. Das liegt einerseits daran, dass sie häufig mit Heilungsaussicht verknüpft wird und auch ethische Grenzbereiche berührt. Zweitens liefert die Biomedizin rein quantitativ den größten Output.

Allerdings muss man auch sehen, dass die Geisteswissenschaften in den Medien an anderen Stellen auftauchen. Sie werden seltener als wissenschaftliche Ergebnisse ausgeflaggt und eher im Feuilleton denn auf den Wissenschaftsseiten diskutiert. So gesehen sehe ich keine Benachteiligung. Es kommt auf die Themen an. Auch in den Naturwissenschaften eignet sich nicht jedes Thema für die mediale Berichterstattung.

Wurde schon untersucht, welche Themen bzw. Quellen Journalisten interessant finden?

Journalisten orientieren sich in der Regel an der Reputationshierarchie der Wissenschaft. Je höherrangig eine Zeitschrift ist, desto eher sind Journalisten gewillt, darüber zu berichten.

Stichwort " Reputationshierarchie": Die beiden Zeitschriften "Nature" und "Science" nehmen unter den Fachjournalen eine Sonderrolle ein. Was ist das Besondere an ihnen?

Beide wurden früh, nämlich bereits im 19. Jahrhundert gegründet und traten immer als Sprachrohr der gesamten Wissenschaften auf: Sie sind im Gegensatz zu den meisten anderen Journalen multidisziplinär ausgerichtet. Was im Übrigen dem Trend zur Binnendifferenzierung der Wissenschaft widerspricht: Die Fachgemeinden werden immer zahlreicher und kleiner, "Science" und "Nature" verbinden sie zu einer großen Community. Damit einher geht ein verschärftes Auswahlverfahren bei der Frage, was publiziert wird und was nicht.

Wie viel Prozent der eingereichten Manuskripte werden letztlich veröffentlicht?

Weniger als acht Prozent. Beide Zeitschriften wenden ein sogenanntes Triage-Prinzip an. Bereits auf der ersten Stufe der Begutachtung lehnen die Redaktionen zwei Drittel aller Manuskripte ab, weil sie nicht in das Profil der Zeitschrift passen.

Das restliche Drittel wird von Fachleuten begutachtet, auf Grundlage dessen entscheiden wiederum die Redakteure, was sie in welcher Form publizieren. Die Auswahlkriterien sind bei "Science" und "Nature" sehr ähnlich: fachliche Relevanz plus öffentliche Bedeutung. Was die beiden Zeitschriften noch von den übrigen unterscheidet, ist ihre Hybridfunktion.

Der wissenschaftliche Teil richtet sich an Fachleute, der Nachrichtenteil richtet sich auch an politische Entscheidungsträger und die interessierte Öffentlichkeit.

Wissenschaftlicher Betrug wird Fachleuten zufolge meist durch aufmerksame Leser und Whistleblower aufgedeckt - und relativ selten durch die Fachgemeinschaft. Insofern könnte die Medialisierung die Selbstkorrektur der Wissenschaft sogar unterstützen, oder?

Ja und Nein. Die Medien können sicher die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft wiederherstellen, indem Leser, die zumeist vom Fach kommen, auf Ungereimtheiten und Fehler hinweisen. Andererseits führt die mediale Beobachtung zu einer Orientierung an besonders spektakulären Studienergebnissen - und das ist die Ursache des Problems.

Haben die Wissenschaften auch die Medien verändert?

Der Wissenschaftsjournalismus hat sich in den letzten Jahren professionalisiert, was sich unter anderem an der Gründung diverser Fachverbände ablesen lässt. Und es gibt mittlerweile auch eine Art "Peer Review" für Medienberichterstattung: Ein Beispiel ist der Mediendoktor der TU Dortmund, der die Qualität medizinjournalistischer Beiträge bewertet.

Ich halte solche Projekte für eine Resonanz der enger werdenden Kopplung zwischen Wissenschaft und Medien. Es gibt Anpassungen auf beiden Seiten.

Interview: Robert Czepel