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Die Alte Brücke von Mostar in Bosnien-Herzegowina

Bosnien heute: Alles Opfer

Rund 100.000 Menschen hat der Bosnien-Krieg zwischen 1992 und 1995 das Leben gekostet. Seither schweigen die Waffen, das Land ist aber entlang der ethnischen Achsen - bosniakisch, kroatisch, serbisch - nach wie vor geteilt. Bei allen Unterschieden der Bevölkerungsgruppen gibt es eine Gemeinsamkeit: Alle fühlen sich als Hauptopfer des Kriegs.

Sozialwissenschaft 26.03.2012

Diese "Selbstviktimisierung" stabilisiert die eigene Identität, sagt die Soziologin Ana Mijić gegenüber science.ORF.at. Sie hat die Strategien untersucht, mittels derer es den Angehörigen aller drei Gruppen bis heute gelingt, an dem eigenen Opferbild festzuhalten.

Porträt der Soziologin Ana Mijić

IFK

Ana Mijić studierte Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Tübingen. Von 2008 bis 2011 war sie Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Wien, derzeit ist sie Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 26.3. hält Ana Mijić einen Vortrag mit dem Titel "'Wir haben uns nur verteidigt ... '. Schutz der eigenen 'Identität' durch Selbstviktimisierung".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 26.3., 13:55 Uhr.

Neue Situation nach dem Krieg

Die Ausgangsfrage der Soziologin war es, wie die Menschen in Bosnien heute ihre ethnischen Identitäten definieren und legitimieren. Um das herauszufinden hat sie in den vergangenen Jahren mit rund 30 Menschen aller Bevölkerungsgruppen mehrstündige Interviews geführt. Wie erwartet kommt der ethnischen Zugehörigkeit nach wie vor eine große Bedeutung zu.

Vor und während des Krieges kam es zu einer "ethnischen Mobilisierung", mit den bekannten schrecklichen Folgen. Einer "Ingroup" standen "Outgroups" gegenüber, wie es im Soziologendeutsch heißt. Die Ingroup ("wir") wurde von ihren Angehörigen ausschließlich mit positiven Eigenschaften versehen, die Outgroup ("die Anderen") ausschließlich mit negativen.

Danach und bis heute werden die Menschen aber mit einer Situation konfrontiert, die ihnen zunehmend eine Neudefinition ihrer Identität abverlangt, sagt Mijić.

"Eine mit Wertungen verbundene Ingroup-Outgroup-Unterscheidung wird aus zwei Gründen problematisch. Erstens weil eine solche Unterscheidung den normativen Standards widerspricht, die von der Internationalen Gemeinschaft an die bosnisch-herzegowinische Gesellschaft herangetragen werden. Zweitens, weil die Differenzierung zwischen 'Wir' und 'die Anderen' eine gesamtgesellschaftliche Integration behindert, die jedoch nach wie vor angestrebt wird.“ Dadurch entstehe eine Spannung, die den Menschen eine neue Rechtfertigung ihres Selbstbildes abverlangt.

Beispiel Kriegsverbrecher

Mijić verweist auf das Beispiel der Kriegsverbrecher. "Die Festnahmen von Radovan Karadzic und Ante Gotovina haben bei vielen Serben bzw. Kroaten zu heftigen Protesten geführt. Was ist da geschehen? Nationalhelden, die aus ihrer Perspektive nichts anders getan haben, als 'ihre eigenen Leute' zu schützen, wurden von anderen zu Mördern erklärt und vor Gericht geführt."

Wenn etwa das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag Angehörige der eigenen Volksgruppe anklagt und verurteilt, dann wird aufgrund einer häufig stark ausgeprägten Identifikation mit den "Kriegshelden" das positive Selbstbild erschüttert. Neue Strategien damit umzugehen, waren deshalb nach Ansicht von Mijić gefragt. Als zentrale Strategie habe sich in ihren Gesprächen jene der "Selbstviktimisierung" herausgestellt: also die Tendenz, die eigene ethnische Gruppe zum Hauptopfer des Kriegs zu machen.

Opfersein ist keine Schwäche

Auch wenn das Wort "Opfer" unter Österreichs Jugendlichen in erster Linie abwertend als Schimpfwort verwendet wird, hat der Begriff auf dem Balkan nichts mit Schwäche zu tun. "Ganz im Gegenteil: Die Opferrolle ist mit einer gewissen Macht verbunden, die aus der moralischen Privilegierung des Opfers resultiert. Als Opfer bündelt man die Sympathien auf seiner Seite und kann jede Kritik unter Verweis auf das erfahrene Leid von sich weisen. Die moralische Überlegenheit stattet Opfer mit Stärke aus", so Mijić.

Konfrontation mit anderen Wirklichkeiten

"Diese Strategie vermag es, die Gratwanderung zwischen den neuen und alten Deutungen zu bestehen, weil man am eigenen Wir-Ideal festhalten kann, aber zugleich auch die Delegitimierungstendenzen auffängt. Wenn man Opfer ist, kann man ja nichts falsch gemacht haben."

Mit dieser in zahlreichen Interviews auftauchenden Grundstrategie ist das Problem aber noch nicht gelöst. Denn wenn alle Opfer sind, gibt es keine Unterscheidungsmöglichkeit. "Alleine schon wegen der räumlichen Nähe der verschiedenen Gruppen in Bosnien-Herzegowina wird man permanent mit den Wirklichkeitsperspektiven der Anderen konfrontiert. So stellt sich nun erneut die Frage: Wie geht man damit um, das sich auch die Anderen als zentrale Opfer des Kriegs betrachten?"

Stari Most, Mostar, im Jahr 2009

Ana Mijić

Stari Most, Mostar, Foto: Ana Mijić, 2009

Tabuisierung des Themas

Ana Mijić hat bei der Analyse der Gespräche deshalb auf einer zweiten Ebene eine Reihe konkreter Strategien gefunden, die es den Menschen ermöglichen, am eigenen Opferbild und am eigenen Wir-Ideal festzuhalten.

Eine davon bezeichnet sie als die Strategie des "So tun als ob". Viele Gesprächspartner erzählten, dass sich die Verhältnisse weitgehend normalisiert hätten und dass es nicht mehr ungewöhnlich sei, sich auch wieder mit den "früheren Freunden" zusammenzusetzen.

"Diese Erzählungen beinhalteten jedoch stets ein großes 'Aber'. Bei den interethnischen Zusammenkünften wird nämlich typischerweise vermieden, über den Krieg zu sprechen. Das Thema ist tabu. Das führt letztlich aber dazu, dass die ethnische Grenzziehung reproduziert wird. Wenn nur in der eigenen Gruppe über Vergangenes gesprochen und die eigene Position nie hinterfragt wird, dann wird die jeweils eigene Wirklichkeitsperspektive in Stein gemeißelt."

Der Krieg wird zum Akteur

Eine andere Strategie lautet "Subjektivierung des Kriegs". Der Krieg wird dabei nicht als etwas betrachtet, das von Menschen gemacht wurde, sondern als etwas, das über sie hereingebrochen ist wie eine Naturkatastrophe.

"Es ist uns passiert. Der Krieg kam und hat uns entzweit, und ähnliches", hat Mijić oft in ihren Gesprächen gehört. "Krieg wird vom menschlichen Handeln entkoppelt und kann nicht mehr zum Gegenstand ethischer Überlegungen gemacht werden. Indem man den Krieg zum Subjekt macht, geht man nicht nur selbst in Distanz zum Geschehen und entzieht sich jedweder Verantwortung, sondern man bietet eben diese Möglichkeit auch dem Gegenüber an. Möglicherweise verbirgt sich dahinter der kleinste gemeinsame 'pan-ethnische' Nenner, auf den man sich einigen kann. Die Menschen können den Krieg auf diese Weise gut ausblenden und an eine Vergangenheit vor dem Krieg anschließen."

Verbunden sei das gerne mit einer "Jugo-Nostalgie": die Vorstellung, dass man im ehemaligen Jugoslawien "ja auch gut zusammenleben konnte" und Bosnien-Herzegowina eine Art kleines Jugoslawien sei.

Wichtig: Anerkennung der anderen Perspektive

Bei allen unterschiedlichen Lesarten der jüngsten Geschichte, die es in Bosnien heute gibt, so machen einige Projekte, die auf eine gemeinsame Perspektive zielen, doch Hoffnung. Mijić nennt etwas das Sarajevo Research and Documentation Center, das seit Jahren versucht, akribisch die Hintergründe zu jedem einzelnen Opfer des Kriegs zu recherchieren.

"Dem Forschungszentrum ist es zu verdanken, dass es mittlerweile konkrete Opferzahlen gibt. Während man früher von 200.000 Toten gesprochen hat, sind es nun 100.000. Das ist eine wichtige Arbeit, weil sie der Mythisierung und Instrumentalisierung der jeweils 'eigenen Opfer' im Krieg entgegenwirkt."

Generell, so die Soziologin, sei es für die bosnische Gesellschaft wichtig, "anzuerkennen, dass auch Menschen der eigenen Ingroup Verbrechen begangen haben und dass auch die Menschen der Outgroup großes Leid ertragen mussten."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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