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Abendlicher Stadtverkehr im Ruhrgebiet

Die Welt wird zum Ruhrgebiet

Der Trend zur Urbanisierung ist längst nicht am Ende. Im Jahr 2050 werden 6,3 Milliarden Menschen in großflächigen Ballungszentren wohnen. Experten suchen die nachhaltige Stadt - vergebens?

Prognose 27.03.2012

"Planet under Pressure" lautet der Titel einer soeben in London gestarteten Konferenz, bei der Klimaforscher, Städteplaner und Ökonomen über die Probleme der Zukunft beraten. Angesichts demographischer Prognosen kein unpassendes Motto: Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen anwachsen, das bedeutet eine Zunahme von einer Millionen Menschen pro Woche.

Überproportional betroffen von diesem Trend sind die Ballungszentren des Planeten. Heute beherbergen sie 3,5 Milliarden Menschen, in 38 Jahren wird sich die Zahl mit 6,3 Milliarden fast verdoppelt haben. Der Zuwachs der Städte in diesem Zeitrahmen entspricht der Fläche von Frankreich, Deutschland und Spanien zusammengenommen - "die Frage ist nicht, ob sich die Welt urbanisieren wird, sondern wie", sagt Michail Fragkias von der Arizona State University, einer der 3.000 Teilnehmer von "Planet under Pressure".

In einer Aussendung zum Kongress beschwören Forscher die Notwendigkeit des Umdenkens und Wandels, wolle man den Herausforderungen der urbanen Zukunft gerecht werden. Auszüge aus dem Forderungskatalog: Die Datenvernetzung müsse besser werden, damit die Gesundheitsversorgung der Bewohner gewährleistet bleibe. Natürlich müsse auch die Ressourceneffizienz steigen. Und der Trend zu energiezehrenden Architekturen westlicher Art müsse gestoppt werden.

Die Schlüsselvokabel der Konferenz dürfte "Nachhaltigkeit" sein - ökologisch, sozial, in jeder Hinsicht. Die Frage ist allerdings: Lässt sich Nachhaltigkeit mit neun Milliarden Menschen überhaupt erreichen? Antworten gibt Gerhard Hatz, Stadtforscher an der Universität Wien.

"Nachhaltigkeit ist ein Mantra"

science.ORF.at: 2050 werden zwei Drittel aller Menschen in urbanen Ballungsräumen leben. Welche Antworten hat die Stadtplanung?

Gerhard Hatz: Wir müssen versuchen, die Städte stärker in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln. In Bezug auf die Ressourcen, die Bevölkerungsdichte und nicht zuletzt auch in Bezug auf soziale Gerechtigkeit. Das hängt natürlich auch von den politischen Zielsetzungen ab. Was die ökologische Nachhaltigkeit betrifft sind bereits einige Projekte auf Schiene, sie befinden sich allerdings im Teststadium.

Als da wären?

Es gibt einige Modellstädte, die zurzeit in Bau sind. Ein Beispiel ist Masdar City in Abu Dhabi. Diese Stadt soll rein nach ökologischen Prinzipen mit Niedrigenergie-Architektur errichtet werden.

Angenommen, die Ballungszentren dieser Welt würden auf diese Bauart umgerüstet. Wäre das urbane Leben ökologisch tragfähig?

Man muss unterscheiden, in welchen Regionen der Welt das passieren soll. In entwickelten Ländern wird es anders sein als in weniger entwickelten.

Ist das ein Ja oder Nein?

Eine vollkommen ökologisch nachhaltige urbane Lebensweise wird es erst in sehr, sehr ferner Zukunft geben. Aber wir sind auf dem Weg dorthin. Es wird besser werden.

Nachhaltigkeit ist kein Mantra, das zwar beschworen wird - aber niemals gänzlich eingelöst?

Bis zu einem gewissen Grad ist sie sicherlich ein Mantra. Denn die ökologischen Intentionen stimmen nie ganz mit der Wirklichkeit überein. Wenn etwa in Wien eine Bike City geplant wird, die auf Nachhaltigkeit des Transports abzielt, ist das gut. PKW sind dennoch bis zu einem gewissen Grad erforderlich.

Was ist unter sozialer Nachhaltigkeit zu verstehen?

Integration der verschiedenen sozialen Schichten, Verkleinerung der Einkommensdiskrepanz zwischen Reichen und Armen. Auswirkungen schlechter sozialer Nachhaltigkeit sehen wir in den brennenden Banlieues in Paris.

Wenn diese Aufgabe nicht einmal eines der reichsten Länder der Welt wie Frankreich bewältigt: Wie sollen das Dritte-Welt-Länder schaffen?

Gute Frage. Die Politik wäre hier gefordert. Ich sehe in diesem Bereich auch Schwierigkeiten auf uns zukommen, denn die Wurzeln des Problems sind in den Bedingungen globaler Ökonomien verwurzelt.

Noch eine Frage aus globaler Perspektive: Könnte es sein, dass weniger die Urbanisierung Probleme bereitet, sondern eher die Überbevölkerung der Welt?

Nicht unbedingt. Wir haben die nötigen Instrumente, um mit den derzeitigen Bevölkerungszahlen zurechtzukommen. Das Problem sehe ich eher bei der Politik: nämlich bei der Frage, ob die existierenden Konzepte umgesetzt werden oder nicht.

Neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 setzen den Planeten nicht unter Druck?

Ich sehe insofern kein so großes Problem darin, als das Bevölkerungswachstum in dieser Form nicht weitergehen wird. Die Geburtenraten in den Entwicklungsländern werden zurückgehen, sofern es zu einer ökonomischen Verbesserung kommt. Das zeigt sich jetzt schon in den Schwellenländern.

Welches werden 2050 die größten Städte der Welt sein?

Es werden keine einzelnen Städte sein, sondern urbane Agglomerationen. Entwicklungen in dieser Richtung sehen wir heute schon in den Niederlanden im Bereich zwischen Amsterdam und Rotterdam, in der BosWash-Region zwischen Boston und Washington an der amerikanischen Ostküste oder in der SanSan-Region zwischen San Diego und San Fracisco. In den asiatischen Ländern - etwa in China - wird die Urbanisierung weiter massiv zunehmen.

Man kann sich die Großstadt der Zukunft so wie das Ruhrgebiet vorstellen?

Im Prinzip ja, nur muss man sich die Schwerindustrie wegdenken.

Sofern sie noch vorhanden ist.

Stimmt, das hat eine andere interessante Entwicklung ausgelöst. In den vom Bergbau aufgegebenen Regionen des Ruhrgebiets stellt sich nun die Frage der Nachnutzung. Es wurden Naturparks errichtet - übrigens eine Parallele zu Detroit, das schwer von der Deindustrialisierung betroffen ist: Dort entstehen nun neue Lebensformen, wie zum Beispiel "urban farming". Die Bevölkerung nutzt die industriellen Brachflächen für den Anbau von Gemüse.

Wie wird sich Wien in den nächsten Jahrzehnten entwickeln?

Die Bevölkerung wird wachsen. Laut Prognosen wird Wien im Jahr 2030 die Zwei-Millionen-Grenze erreichen - eine Einwohnerzahl, die Wien bereits 1910 hatte. Die Stadt setzt dabei auf Stadtwachstum "nach innen", indem etwa urbane Brachflächen als durchmischte Stadtviertel neu entwickelt werden.

Ziel ist eine kompakte Stadt der "kurzen Wege". In den neuen Projekten der Stadtplanung, etwa auf den Aspanggründen im 3. Bezirk wird auch ökologisch nachhaltige Architektur in Form von Passiv- und Niedrigenergiehäusern umgesetzt. Das sind erste Schritte zu nachhaltiger Urbanität.

Robert Czepel, science.ORF.at

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