Standort: science.ORF.at / Meldung: "Humor resultiert aus Aggression"

Ein Mann sitzt auf einem Einrad und fährt

Humor resultiert aus Aggression

Männlicher Humor kann eine kaum verhüllte Form von Aggression sein, die versucht, Frauen zu beeindrucken. Um den Spott auf sich zu ziehen, reichen schon kleine Abweichungen von der Norm. Einradfahrer etwa wissen ein Lied davon zu singen. Während Frauen ihre Kunstfertigkeit bewundern, sehen sich Männer zu Witzen genötigt.

"Wo ist ihr Vorderrad?" 28.03.2012

"He, Sie haben ihr Vorderrad verloren", "Wo ist denn Ihr Lenker?" oder "Können Sie sich kein zweites Rad leisten?" waren die durchschnittlichen Meldungen, die Sam Shuster von Männern zu hören bekam, als er Runden auf seinem Einrad drehte.

Der pensionierte Dermatologe von der Newcastle University hat aus seinem sportlichen Hobby ein wissenschaftliches Thema gemacht, die Frage nämlich, wie Humor und Aggression zusammenhängen. Bereits 2007 hat er eine Studie im "British Medical Journal" veröffentlicht, aus der die obigen Zitate stammen.

Nach Eigenstudie nun Fremdbeobachtungen

Für die Studie hatte er 400 zufällige Reaktionen von Fremden, denen er mit seinem Einrad innerhalb eines Jahres auf der Straße begegnet war, dokumentiert und ausgewertet. Die Ergebnisse: Kinder reagierten mit Neugier und stellten Fragen, Mädchen waren eher desinteressiert, Frauen drückten Anerkennung, Bewunderung oder Sorge aus, junge Burschen wurden tendenziell aggressiv und wollten ihn zum Teil vom Rad stürzen, ältere Männer reagierten eher sachlich.

Drei Viertel der jungen und mittelalten Männer im Allgemeinen jedoch begegneten Shuster mit jenen "Rad-verloren?"-Sätzen, die sie individuell für gewitzt hielten, aber doch sehr vorhersehbar waren. Genereller Tenor: Das Einradfahren wurde verspottet, hinter den "Witzen" verbarg sich kaum verhüllte Aggression.

Die Studie:

"The evolution of humor from male aggression" von Sam Shuster ist in der Fachzeitschrift "Psychology Research and Behavior Management" erschienen.

Da die Sammlung eigener Erlebnisse alleine wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt, hat Shuster nun eine zweite Studie veröffentlicht. Dabei hat er die Erfahrungen von 32 anderen Einradfahrern, neun davon waren weiblich, aus verschiedenen Ländern untersucht.

Bis auf zwei bestätigten sie alle die von Shuster erlebten Reaktionsmuster: Bewunderung und Sorge bei Frauen, körperliche Aggression bei jungen Burschen, offensive "Witze" bei den Männern. Keine Rolle spielte das Geschlecht der Radfahrer, ihr Alter oder die Qualität ihres Tuns. Der Mediziner hält die Kombination der eigenen Erlebnisse und der fremden Beobachtungen für repräsentativ.

Eine Frage des Hormonspiegels?

Eine Erklärung für das Verhalten der Männer sieht Shuster in der Spontaneität der Begegnung. Während nämlich Einradfahrer in einem geregelten Setting, in dem sie quasi als Kunststück zur Unterhaltung auftraten, auch von Männern mit Lob und Applaus bekamen, mussten sie bei Zufallsbegegnungen die sattsam bekannten Sprüche hören.

Die letztlichen Ursachen liegen für ihn aber im männlichen Hormonspiegel, der sich im Laufe der Entwicklung verändert: Während die Konzentration von Testosteron in der Pubertät stark ansteigt, fällt sie in höherem Alter allmählich wieder ab.

Parallel dazu sieht Shuster die Reaktionen der männlichen Einrad-Beobachter: von der Neugier der Kinder (wenig Testosteron), über die körperliche und verbale Aggression der Männer (viel Testosteron) bis zu den milden Reaktionen der älteren Männern (Abklingen des Testosterons).

Sexuelle Selektion?

Shuster glaubt, dass sich Humor evolutionär aus Aggression entwickelt hat. Damit ist er nicht alleine, eine Reihe weiterer biologisch argumentierender Autoren schließt sich der Meinung an, wonach er auch eine Rolle bei der sexuellen Selektion spielt (siehe z.B. die Studien hier und hier).

Das zugrundeliegende Erklärungsschema: Witze sind eine Art kontrollierte Aggression, die über die Fitness eines möglichen Sexualpartners Auskunft geben; Frauen bevorzugen deshalb die humorvollen Männer.

Ob das tatsächlich auf die oft schlechten aggressiven Witze zutrifft, bleibt fraglich: Die Partnerinnen der Eingwegfahrer-Witzemacher wurden jedenfalls nicht gefragt, ob sie das Ganze lustig finden. Bleibt also noch Stoff für eine dritte Studie von Sam Shuster.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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