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Künstlerische Rekonstruktion von "Ardi", Ardipithecus ramidus.

"Lucy" war nicht allein

"Lucy" von der Vormenschenart "Australopithecus afarensis" ging schon vor über drei Millionen Jahren aufrecht. Gut erhaltene Fußknochen, die Forscher nun in Äthiopien gefunden haben, zeigen zwei Dinge: Erstens lebte zu der Zeit auch noch eine andere Hominidenart, zweitens bewegte sich diese anders fort.

Anthropologie 29.03.2012

Bild oben: Künstlerische Darstellung eines Ardipithecus ramidus ("Ardi"), dem die nun entdeckten Fußknochen zugerechnet werden könnten.

Anders als die wahrscheinlich überwiegend aufrecht gehenden Australopithecinen, konnte der ehemalige Besitzer des untersuchten Fußes wohl auch gut auf Bäumen klettern, berichtet ein internationales Forscherteam.

Die Studie:

"A new hominin foot from Ethiopia shows multiple Pliocene bipedal adaptations" von Yohannes Haile-Selassie und Kollegen ist in "Nature" (Bd. 483, S. 565) erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 29.3., 13:55 Uhr.

3,4 Millionen Jahre alt

Fossile Überreste von Vormenschen-Füßen finden sich bei Ausgrabungen nur selten. Die Knochen sind sehr fragil; sie werden häufig von Raubtieren gefressen und zerfallen leicht. Gerade Füße können jedoch viel über die Entstehung des aufrechten Gangs verraten, der als ein entscheidender Schritt in der Evolution hin zum Menschen gilt.

Die Forscher um Yohannes Haile-Selassie von der Case Western Reserve University in Cleveland untersuchten nun insgesamt acht Knochen eines rechten Fußes, die in der Afar-Region in Äthiopien ausgegraben worden waren. Das Alter der Knochen bestimmten die Wissenschaftler auf etwa 3,4 Millionen Jahre.

Die acht entdeckten Fußknochen

The Cleveland Museum of Natural History / Yohannes Haile-Selassie

Die acht entdeckten Fußknochen

Ähnlichkeit mit noch älterer Art

In vielen Merkmalen ähnelt der Fuß denen von Affen, besonders von Gorillas. Der große Zeh zum Beispiel ist kurz und anders als beim Menschen und seinen Vorfahren abgespreizt. Er eignete sich damit zum Greifen und zum Klettern in den Bäumen.

In dieser Hinsicht ähnelt der Fuß dem von Ardipithecus ramidus ("Ardi"), der vor rund 4,4 Millionen Jahren in der Region lebte. Andere Merkmale des Fußes deuten auf eine Anpassung an den aufrechten Gang hin, wie er von Australopithecus afarensis praktiziert wurde ("Lucy"). Zum Beispiel konnten die Zehen vermutlich überstreckt werden, um den Fuß am Ende eines Schrittes vom Boden abzustoßen.

Haile-Selassie und Kollegen haben die Fußknochen bisher noch nicht einer bestimmten Art zugerechnet. Um darüber sichere Aussagen zu machen, müssten noch mehr zugehörige Fossilien gefunden werden. Aufgrund der Ähnlichkeit mit den Füßen von Ardipithecus ramidus liegt aber der Schluss nahe, dass es sich ebenfalls um einen Ardipithecinen handelt.

Gleichzeitigkeit der Hominidenarten

Zu einer Zeit, als die Australopithecinen in Ostafrika herumliefen, gab es also vermutlich noch andere Vormenschen-Vertreter, die aufrecht liefen und zugleich in Bäumen klettern konnten, folgert der Anthropologe Daniel Lieberman von der Harvard University in Cambridge in einem Kommentar zu dem "Nature"-Artikel.

Um zu verstehen, welche Bedeutung für die menschliche Evolution die nun entdeckte Vielgestaltigkeit der Extremitäten hat, müssten die Forscher sich weiter ihre Füße im Freiland und im Labor schmutzig zu machen. "Wir brauchen mehr Fossilien, um herauszufinden, welche Körper auf diesen Füßen liefen."

Schon jetzt aber sei klar, dass der aufrechte Gang das Baumklettern nicht gleich verdrängt hat. "Die Evolution des Menschen wird oft als Triumph der Zweibeinigkeit porträtiert. Aber wer von uns bedauert nicht hin und wieder unsere vergleichsweise Ungeschicklichkeit auf Bäumen? Ich z.B. freue mich zu wissen, dass einige Hominiden kletterfähige Füße behielten, Millionen Jahre nachdem wir begonnen hatten auf zwei Beinen zu gehen", bekennt Lieberman freimütig.

science.ORF.at/dpa

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