Standort: science.ORF.at / Meldung: "Freiwillige Helfer haben mehr Kinder "

Handschlag

Freiwillige Helfer haben mehr Kinder

Männer, die sich bei freiwilliger Arbeit engagieren, haben im Mittel mehr Kinder. Hilfe und Kooperation sind offenbar ein tief verwurzeltes Prinzip der Evolution, berichten Wiener Anthropologen. Wird es zur Schau gestellt, scheint dies für Partnerinnen attraktiv zu sein.

Evolution 10.04.2012

Die Freiwilligenarbeit lasse auf mehr Engagement bei der Kindererziehung, einen höheren sozialen Status oder ein größeres soziales Netzwerk schließen, vermuten die Forscher.

Wichtige Frage der Evolutionsbiologie

Studie:

"The association between pro-social attitude and reproductive success differs between men and women", PLoS ONE (doi: 10.1371/journal.pone.0033489).

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 10.4., 13:55 Uhr.

"Dass Männer im Schnitt mehr Kinder haben, wenn sie im Rahmen von freiwilliger Arbeit anderen helfen, ist bemerkenswert. Dieser Zusammenhang wurde bisher noch nicht gefunden", sagt Martin Fieder vom Department für Anthropologie der Universität Wien.

Er und seine Frau und Forscherkollegin Susanne Huber haben für ihre Studie die "Wisconsin Longitudinal Study" analysiert, die das Leben von 10.000 AbsolventInnen amerikanischer High Schools systematisch nachverfolgt.

Fieder meint, dass die Ergebnisse helfen könnten, eine in der Evolutionsbiologie oft gestellte Frage zu beantworten: "Warum helfen wir auch Menschen, mit denen wir nicht verwandt sind?"

Wer hilft, dem wird geholfen

Mit unseren Kindern teilen wir ca. 50 Prozent unseres genetischen Materials. Evolutionär betrachtet sei das einer der wichtigsten Gründe, warum sich Verwandte gegenseitig Hilfe leisten. "Denn das trägt dazu bei, die eigenen Gene in die 'nächste Generation zu bringen'", sagt Fieder. Warum wir aber auch vollkommen fremden Menschen helfen oder mit ihnen kooperieren, erscheint auf den ersten Blick evolutionär wenig sinnvoll. Dennoch ist Kooperation unter Nichtverwandten gerade beim Menschen weit verbreitet. Hier gilt das Prinzip: "Wer hilft, dem wird geholfen."

Freiwillige Arbeit wählten die beiden Anthropologen deshalb als Indikator für Hilfsbereitschaft und Kooperation unter Fremden aus, da diese Art von sozialem Verhalten in modernen Gesellschaften allgemein verbreitet ist. Warum Männer, die sich über längere Zeiträume bei freiwilliger Arbeit engagierten, im Mittel tatsächlich mehr Kinder hatten, ist nicht klar, die Forscher stellen aber Vermutungen an.

Attraktivere Partner

Sie glauben, dass Männer, die sich freiwillige Arbeit leisten können, auch als Partner attraktiv sind, da sie sich womöglich auch mehr um ihre Partnerin und ihre Kinder kümmern. Kooperatives Verhalten könnte auch ein Hinweis auf höheren sozialen Status oder ein größeres soziales Netzwerk sein.

"Es gibt sehr viele Gründe, warum eine Frau einen Mann, der freiwillige Arbeit leistet, wählen sollte", so der Evolutionsbiologe. Das könnte möglicherweise auch erklären, "warum wir evolutionär so prosozial sind".

Dass die Erkenntnisse auch auf Europa übertragbar sind, wissen die Forscher "bereits definitiv". In Europa würden zwar weniger Menschen Freiwilligenarbeit leisten, "aber wir haben genau die gleichen Effekte".

"Kooperation ökonomisch"

Was zukünftige Untersuchungen zu dem Thema betrifft, möchten die Forscher auch mit dem an der Universität Zürich tätigen österreichischen Wirtschaftswissenschafter Ernst Fehr kooperieren. Es gebe nämlich im Bereich der Ökonomie "extrem spannende Versuche" zu dem Thema, denen allerdings noch die Verbindungen zur realen Welt fehle.

"Es weiß noch niemand, ob Menschen, die in solchen Versuchen besonders kooperativ agieren, auch im wirklichen Leben Freiwilligenarbeit leisten oder Blut spenden."

Sicher ist: "Die Biologie findet immer stärker, dass wir extrem kooperativ sind und dass uns Menschen die Kooperation dort hingebracht hat, wo wir jetzt sind. Wir wissen auch, dass Kooperation ökonomisch mehr bringt - sie bringt in jedem Fall mehr als sinnlose Konkurrenz."

"In Zukunft wollen wir herausfinden, welche Bedingungen zu mehr Kindern führen", so Fieder. Bei Frauen konnten die Forscher diesen Zusammenhang nicht feststellen. Andere Studien belegen, dass Frauen, die viel Unterstützung durch Familienmitglieder erhalten, durchschnittlich mehr Kinder bekommen.

science.ORF.at/APA

Mehr zu diesem Thema: