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Ernst Jünger

Kämpfer – Psychonaut – Anarch

Ernst Jünger (1895–1998) polarisierte wie kaum ein anderer Intellektueller des 20. Jahrhunderts. Man nannte ihn einen Propagandisten des Krieges und bezeichnete seine Dichtungen als "Herrenreiter-Prosa". Dennoch hatte der deutsche Dichter-Philosoph auch für manche Vertreter der 68er-Bewegung seinen Reiz.

Ernst Jünger 13.04.2012

Er war "eine Art Geheimtipp, umgeben von der Aura des intellektuell Obszönen", wie etwa der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer einmal bemerkte. Ein Bericht über drogeninduzierte "Paradiese" und "menschliche Lurche" im Werk des Ernst Jünger.

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Biografie

Geboren wurde Ernst Jünger wurde am 29. März 1895. Als Reaktion auf katastrophale Schulleistungen riss Jünger von zu Hause aus und verpflichtete sich für fünf Jahre bei der französischen Fremdenlegion, wurde aber nach wenigen Wochen zurückgeholt. Im 1. Weltkrieg meldete sich Jünger gleich zu Beginn als Freiwilliger. Wegen besonderer Tapferkeit erhielt er 1918 der Orden "Pour le Mérite".

Stahlgewitter
1920 erschien sein Kriegstagebuch "In Stahlgewittern", das bis heute heftige Kontroversen ausgelöst hat. Längere Zeit diente Jünger als Offizier in der Reichswehr und sympathisierte mit nationalistischen Ideen, von denen er sich später, wie von seinem damaligen Hang zum Militarismus, distanzierte.

So schrieb er bereits in den Jahren von 1941 bis 1943 den Essay "Der Friede", von dem zunächst nur Abschriften kursierten. Gegenüber den Nationalsozialisten, die ihn hofierten, hielt er Distanz; er verachtete besonders deren Antisemitismus und ihr gewalttätiges Auftreten.

Er wolle lieber "einen einzigen guten Vers schreiben, als 60 000 Trottel zu vertreten", notierte er, als ihm ein Reichstagsmandat der Partei angeboten wurde.

Kriegsjahre in Paris
In dem 1939 veröffentlichten Roman "Auf den Marmorklippen" beschrieb Jünger das Treiben eines Oberförsters, der mit bewaffneten Banden ein immer größeres Gebiet seiner barbarischen Terrorherrschaft unterwirft; die Gestalt des Oberförster wies Ähnlichkeiten mit Adolf Hitler auf.

In diesem Jahr wurde Jünger wieder zum Heer einberufen und erlebte die Kriegsjahre in Paris, wo er mit den Schriftstellern André Gide, Marcel Jouhandeau, Henri de Montherlant und Jean Cocteau freundschaftliche Gespräche über Kunst und Literatur führte.

Publikationsverbot
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde Jünger als Kriegsbefürworter und vermeintlicher Wegbereiter Hitlers mit Publikationsverbot belegt. Seine Ablehnung des Nationalsozialismus wurde negiert. 1950 erhielt er von dem Baron Friedrich Schenk von Stauffenberg – ein Verwandter des Hitler-Attentäters - das Angebot, in dem zum Schloss gehörenden Forsthaus im schwäbischen Wilflingen zu wohnen.

Hier verbrachte Jünger sein weiteres Leben – als "Anarch" /"Waldgänger" und entfaltete eine reichhaltige philosophische und literarische Tätigkeit. Jünger verstarb am im Alter von beinahe 103 Jahren am 17. Februar 1998 im benachbarten Krankenhaus in Riedlingen.

Käfersammler und Guru
Fast ein halbes Jahrhundert lebte der Schriftsteller Ernst Jünger im Forsthaus in Wilflingen am Südrand der Schwäbischen Alb. Hier entstand ein großer Teil seines literarischen
Werks, hier trug er seine rund 40.000 Exemplare umfassende Käfersammlung zusammen. Hier besuchten ihn zahlreiche Anhänger der amerikanischen Hippiebewegung, Schriftsteller wie Jorge Luis Borges oder der französische Staatspräsident Francois Mitterrand.

Als der Schriftsteller 1998 starb, machte es sich Liselotte Jünger, seine zweite Ehefrau, zu ihrem Anliegen, das Haus als Lebens- und Wirkungsstätte für die Nachwelt nicht nur zu erhalten, sondern gleichsam im Zustand des Todestages zu konservieren. Sie betrachtete – durchaus im Sinne des Hausherrn – das Haus als dessen letztes Vermächtnis. Man hat den Eindruck, so schrieb Roman Bucheli in einem Beitrag für die "Neue Zürcher Zeitung", "gleichsam die fortdauernde Anwesenheit des Hausherrn zu verspüren".

Um die weit verbreiteten Klischees über Jünger ad acta zu legen, hat der Philosoph Gerd B. Achenbach Anfang April ein mehrtägiges Seminar im schwäbischen Kloster Heiligkreuztal veranstaltet. Die Intention von Achenbach, der eine Philosophische Praxis in Bergisch Gladbach betreibt, war es, einige Erkundungen in das facettenreiche, subtile Werk des umstrittenen Künstler-Philosophen zu unternehmen.

Sie sollten zeigen, dass Jünger durchaus als Philosoph betrachtet werden kann, wenn man – so Achenbach - voraussetzt, dass Philosophie nicht mit Fußnotenphilologie und akademischer Seminararbeit verwechselt wird. Im Gespräch mit science.ORF.at verwies Achenbach auf Jüngers "Strategie", nämlich die Phänomene und Tätigkeiten des Alltagslebens, die kaum beachtet werden, als Ausgangspunktpunkt für theoretische Exkursionen anzusehen. Sie führen Jünger "vom scheinbar Trivialen in das unwegsame Dunkel des Geheimnisvollen".

Eine neue Sichtweise des Alltäglichen

Dokumente dieser Expeditionen in das Geheimnisvolle und finden sich in Jüngers Buch "Das Abenteuerliche Herz. Figuren und Capricchios". Es ging ihm darum, der Oberfläche der Dinge eine tiefere Bedeutung abzuringen und der sogenannten Realität eine neue Dimension hinzuzufügen. Sein Ziel war es, die Wirklichkeit mit den Mitteln der Kunst zu erschüttern.

Ähnlich wie die surrealistischen Schriftsteller entwarf Jünger eine neue Sichtweise auf das Alltägliche, die überraschende Perspektiven eröffnete. "Ein zu Boden fallendes Taschentuch kann dem Dichter der archimedische Punkt sein, von dem er eine ganze Welt in Bewegung setzt und erschließt", schrieb der Schriftsteller Guillaume Apollinaire.

Stereoskopische Sinnlichkeit

Das Mittel, die Realität zu transformieren, war der stereoskopische Blick, der neben der gewohnten Sichtweise der alltäglichen Gegenstände eine magische Qualität entdeckte, "als ob ein aufmerksam beobachtender Punkt aus exzentrischen Fernen das geheimnisvolle Getriebe kontrollierte und registrierte".

Stereoskopisch wahrnehmen heißt, so Jünger, ein und demselben Gegenstand gleichzeitig zwei Sinnesqualitäten abzugewinnen und zwar – dies ist das Wesentliche – durch ein einziges Sinnesorgan. Als Beispiel nennt er den Zimtgeruch der Nelke, "von dem nicht nur der Geruch durch eine aromatische, sondern gleichzeitig der Geschmack durch eine Gewürzqualität betroffen wird".

Die Magie des Realen entdecken

Der stereoskopische Blick Jüngers inszeniert eine simultane Überlagerung von Realitäten, Eindrücken, Impressionen, Erinnerungen und Traumgebilden; er führt zu einer erweiterten Wahrnehmung der Gegenstandswelt, die dadurch eine magische Qualität annimmt.

Auch hier finden sich Anklänge an surrealistische Autoren wie André Breton, die an die Stelle des stereoskopischen Blicks die "écriture automatique", - das automatisch erfolgende Schreiben - setzten. Beide künstlerische Expeditionen wollten den faktischen Bereich der Realität erweitern und in die Sphäre des Numinosen, Geheimnisvollen, Wunderbaren vorstoßen, die sich dem logisch-rationalen Zugriff entzieht.

Oft scheint uns der Sinn der Tiefe darin zu liegen, die Oberfläche zu erzeugen, die regenbogenfarbige Haut der Welt, deren Anblick uns drängend bewegt. Dann wiederum scheint dieses bunte Muster uns nur aus Zeichen und Buchstaben gefügt, durch welche die Tiefe zu uns von ihren Geheimnissen spricht. (Ernst Jünger)

Die Defizite der verwalteten Welt

Der stereoskopische Blick versucht eine Sphäre zu evozieren, die durch die in der Aufklärung erfolgte "Entzauberung der Welt" erfolgt ist. Jünger verweist auf den paranoischen Wahn der Aufklärungsepoche, alle Phänomene rational erklären und definieren zu wollen "Die Geometrie der Vernunft verschleiert ein diabolisches Mosaik, das sich zuweilen erschreckend belebt", notierte Jünger.

Die von der Sphäre des Numinosen, Wunderbaren entzauberte Welt wird somit zu einer monotonen, verflachten Welt des – nietzeanisch gesprochen – Herdenmenschen, der an den Wochenenden in den Supermärkten seinen Konsumrausch zelebriert, - gleichsam als Ersatz für den Verlust des Heiligen. Jüngers Kritik an der eindimensionalen Lebenswelt, die an die Lebensweise von Lemuren erinnert, trifft sich mit der Analyse von Theodor W. Adorno.

Der Paradeintellektuelle der "Frankfurter Schule" beklagte" das beschädigte Leben" des Individuums, das von der spätkapitalistischen Industriegesellschaft auf dem Altar der Profitmaximierung geopfert werde. Für Adorno war diese Gesellschaftsform das "ganz Falsche", die "Hölle menschlicher Existenz"; ein Totalschaden, der das Individuum zum "Lurch" degradiert.

Die Pforten der Wahrnehmung

Literatur

Publikationen von Ernst Jünger

Das abenteuerliche Herz. Zweite Fassung. Figuren und Capriccios
Annäherungen. Drogen und Rausch
Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt
Der Friede. Ein Wort an die Jugend Europas und an die Jugend der Welt
Eumeswil
An der Zeitmauer
Der Waldgang
Siebzig verweht I-V, Tagebücher

Sämtliche Publikationen Ernst Jüngers sind im Klett-Cotta Verlag erschienen

Sekundärliteratur
Bernd Erhard Fischer: Ernst Jünger in Wilflingen, Edition A.B. Fischer
Wolfgang Kaempfer: Ernst Jünger. Metzler
Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler
Alexander Pschera: Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht. Matthes & Seitz
Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biografie, Piper
"Im Haus der Briefe. Autoren schreiben Ernst Jünger 1945 – 1991", Herausgegeben von Detlev Schöttker unter Mitarbeit von Anja S. Hübner, Wallstein Verlag

Jünger war davon überzeugt, dass der Gebrauch von Drogen ebenfalls einen Zugang zu dem Bereich des Numinosen eröffne und mystische Zustände – jenseits der trostlosen Faktizität der gewohnten Welt - ermögliche. Die Einnahme von Haschisch, Opium, Meskalin, Kokain oder LSD, die Jünger als singuläre Experimente gestaltete, vermittelten ihm ein Gefühl jener archaischen Phänomene der Ekstase, die im abendländischen Zivilisationsprozess meist ausgeblendet wurden.

Im Drogenrausch zeigte sich das Unerwartete, das "ganz Andere", das bereits von dem englischen Schriftstellers Thomas de Quincey enthusiastisch geschildert wurde. Er sprach von einem gottähnlichen Zustand, der nach der Einnahme von Opium erfolgt. Diesen Zustand erlebte auch Jünger nach der Einnahme von LSD, das er gemeinsam mit Albert Hofmann, der diese Substanz kreierte, einnahm.

In dem Buch "Annäherungen. Drogen und Rausch" erwähnte er LSD als einen möglichen Zugang zum "Göttlichen, das alles bewegt". Bereits 1949 hatte Jünger in seinem Roman "Heliopolis" den geistigen Abenteurer Antonio Peri vorgestellt, der neben seinem Alltagsleben die durch halluzinogene Drogen hervorgebrachten "künstlichen Paradiese" aufsucht. Diese "künstlichen Paradiese" verheißen nun "frohe Botschaft, eleusinisches Licht". Sie können sich aber, auch darauf verweist Jünger – als "Fata Morgana entpuppen, die wahrhaftige Oasen vorspiegeln, ohne sie näher zu rücken".

Was den Umgang mit halluzinogenen Drogen betrifft, empfiehlt Jünger: "Einmal genügt. Sie haben dann eine Vorstellung von den Dimensionen gewonnen, innerhalb deren sie sich als Blinde bewegen, haben ein Mal die Tiefe ausgelotet, die unter den Planken ihres Bootes gähnt".

Waldgänger und Anarch

Als Denk - und Lebensstil propagierte Jünger den "Waldgang" – der sich der verwalteten Welt und dem Konsumrausch entzieht. Der "Waldgänger" ist ein Außenseiter der Zivilisation, der sich an deren Rändern ansiedelt; äußerst skeptisch gegen die Normativität des Common sense, der immer schon weiß, was für die Menschen "gut" ist.

Die radikale Abneigung gegen gesellschaftlich verbindliche Normen betrifft nicht nur die spätkapitalistische Gesellschaft, sondern richtet sich gegen jegliche ideologische oder religiöse Zwangskorsette. Der "Waldgänger" ist gleichzeitig "Psychonaut", der immer wieder extreme Zustände aufsucht, um das Bewusstsein zu erweitern. Er ist auch "Anarch", nicht Anarchist, der noch die Illusion hat, durch Aktionismus die Gesellschaft, die er bekämpft, verändern zu können.

Der "Anarch" bezieht sich auf Max Stirners "Einzigen", der seine Sache auf Nichts gestellt hat. Er entzieht sich nicht nur jeder Handlung, sondern auch jeder öffentlichen Artikulation seines nur noch im Geheimen entwickelten Denkens:

Als "Anarch" bin ich entschlossen, mich auf nichts einzulassen, nichts letzthin ernst zu nehmen – allerdings nicht auf nihilistische Weise, sondern eher als ein Grenzposten, der im Niemandslande zwischen den Gezeiten Augen und Ohren schärft (Eumeswil).

Nikolaus Halmer, science.ORF.at

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