Standort: science.ORF.at / Meldung: "Klimawandel gefährdet Gebirgspflanzen"

Ein hohe Teil des Apennin, in den Abruzzen östlich von Rom, wo besonders kälteliebende Pflanzen leben

Klimawandel gefährdet Gebirgspflanzen

Der Klimawandel treibt Gebirgspflanzen in höhere Lagen. Dadurch hat sich die Artenvielfalt auf den Gipfeln Südeuropas im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt um 1,4 Arten verringert, in Nord- und Zentraleuropa wächst dagegen die Vielfalt - für Forscher kein Grund zur Entwarnung: Die Zunahme erhöht den Konkurrenzdruck auf seltene Pflanzen.

Artenvielfalt 20.04.2012

Das zeigt eine paneuropäische Studie zum Vegetationswandel im Gebirge, die von Wiener Wissenschaftlern geleitet wurde.

Seltene Bergblumen bedroht

Die Studie in "Science":

"Recent Plant Diversity Changes on Europe’s Mountain Summits" von H. Pauli et al.

Die Wissenschaftler haben im Rahmen des internationalen Forschungsprogramms GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments) in den Jahren 2001 und 2008 auf 66 Berggipfeln zwischen Nordeuropa und dem südlichen Mittelmeerraum alle Pflanzenarten nach einer standardisierten Methode erhoben. Dabei zeigte sich, dass die Artenzahl pro Gipfel im Schnitt von 35 auf 38 angestiegen ist.

Chaenorrhinum glareosum, seltene Gebirgspflanze in der Sierra Nevada im spanischen Andalusien

Harald Pauli

Chaenorrhinum glareosum, seltene Gebirgspflanze in der spanischen Sierra Nevada.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch das Nachtjournal am 19.4. um 22:00.

Auf den meisten Gipfeln der gemäßigten und nördlichen Zone (43 von 52) steigerte sich die Artenzahl von durchschnittlich 38 auf 42 Spezies. Dagegen wurden auf acht der 14 untersuchten Gipfel im mediterranen Raum 2008 weniger Arten gezählt als 2001 (Rückgang von durchschnittlich knapp 24 auf 22 Arten).

"Der Rückgang auf den Gipfeln im Süden Europas ist besonders beunruhigend, weil die Gebirge im Mittelmeergebiet eine einzigartige Pflanzenwelt beherbergen, die zu einem Großteil aus nur dort lebenden Arten besteht - diese Bergblumen finden sich nirgendwo sonst auf der Erde", erklärte Erstautor Harald Pauli vom Institut für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). So ging etwa in der Sierra Nevada (Spanien) die Artenvielfalt von 65 auf 60 Spezies zurück, im Lefka Ori-Massiv auf Kreta von 58 auf 54.

Konkurrenz für kälteliebende Pflanzen

cerastium thomasii, kälteliebende Pflanze in den Abruzzen

Harald Pauli

Cerastium thomasii, kälteliebende Pflanze aus den Abruzzen.

Als Beispiele von Gebirgspflanzen, die hochgradig durch Klimaerwärmung und zunehmende Sommertrockenheit gefährdet sind, nennen die Wissenschaftler das Gletscher-Leinkraut (Linaria glacialis), das Sierra Nevada Polster-Sandkraut (Arenaria tetraquetra subsp. Amabilis), die Polster-Ochsenzunge (Anchusa caespitosa) oder das Kretische Felsenblümchen (Draba cretica).

Alyssum fragillimum, Gebirgspflanze auf Kreta

Harald Pauli

Alyssum fragillimum, Pflanze im Lefka Ori-Massiv

Dass die Gebirgsflora in den gemäßigten und nördlichen Zonen reichhaltiger wird - in den österreichischen Alpen etwa nahm die Zahl der Arten von 130 auf 134 zu, in den italienischen Alpen von 158 auf 170 - ist für die Wissenschaftler kein Grund zur Freude. Denn die neu hinzukommenden Pflanzen seien überwiegend weit verbreitete Arten aus tieferen Lagen, "die den Konkurrenzdruck auf die selteneren kälteliebenden Alpenblumen erhöhen", so Michael Gottfried vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität Wien. Die Gebirgspflanzen würden durch von unten nachrückende Arten verdrängt, die rascher wachsen, größer werden und dadurch die kleinwüchsigen Gebirgspflanzen beschatten, erklärte Pauli im Gespräch mit der APA.

Einengung der Habitate

Das karge Lefka Ori-Massiv auf Kreta

Harald Pauli

Das karge Lefka Ori-Massiv auf Kreta, Heimat seltener Pflanzenarten.

Die hohen mediterranen Gebirge sind kleinflächige kalte Lebensräume, Inseln im viel wärmeren Umland. Fast der gesamte Niederschlag fällt dort in Form von Schnee im Winter und Frühjahr. Das Schmelzwasser ist deshalb für die mediterranen Gebirgspflanzen essenziell für die Wachstumsperiode während der trockenen Sommer. Artenverluste gab es überwiegend auf den niedrigeren Gipfeln, wo der Wassermangel schwerwiegender war als auf den schneereicheren höheren Gipfeln.

Die Wissenschaftler erwarten eine Fortsetzung des in den vergangenen Jahren beobachteten Trends - Anstieg der Temperaturen und Rückgang der Niederschläge - im Großteil der mediterranen Gebiete. Damit sei von einer weiteren drastischen Einengung der Habitate für kälteliebende Pflanzen auszugehen, betonen die Forscher, die 2015 eine Folgeuntersuchung durchführen wollen.

Erst Anfang dieses Jahres hatten die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature Climate Change" über die Gefährdung alpiner Urwiesen und Felsfluren durch den Klimawandel berichtet. Sie waren über die Zunahme von wärmeliebenden Pflanzen in größeren Höhen überrascht. Das war europaweit nachweisbar und kann in wenigen Jahrzehnten in einigen niedrigeren europäischen Gebirgen zum Verschwinden offener alpiner Graslandschaften führen. Auch diese Ergebnisse wurden im Rahmen des Projekts GLORIA erzielt.

science.ORF.at/APA

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