Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Jeder kämpft gegen jeden""

Ein Ritter kämpft und fletscht dabei die Zähne

"Jeder kämpft gegen jeden"

Ein hoher und wachsender Anteil an prekär Beschäftigten, Kettenvertragsregelungen und wenige Nachbesetzungen: Die Zeiten für eine Karriere an einer österreichischen Universität waren schon einmal rosiger. Eine neue Studie ortet Lücken in der Gerechtigkeit zwischen den Generationen und bietet auch Lösungsvorschläge an.

Uni-Karrieren 23.04.2012

Neben einer besseren Basisfinanzierung für die Hochschulen wäre dies vor allem ein neues akademisches Laufbahnmodell nach nordamerikanischem Vorbild, wie die Hochschulforscher Elke Park und Hans Pechar vom Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Universität Klagenfurt meinen.

Sie haben an dem FWF-finanzierten Forschungsprojekt "EUROAC - The Academic Profession in Europe: Responses to Societal Challenges" teilgenommen, das die hochschulpolitischen Veränderungen in zwölf europäischen Ländern untersucht.

Die Studie:

Die EUROAC-Studie besteht aus zwei Teilen. Zum einen aus der standardisierten Online-Umfrage CAP ("The Changing Academic Profession"), die bereits öfter durchgeführt und nun erstmals auch an Österreichs Hochschulen angewandt wurde.

Wie selten bei einer Untersuchung fielen dabei Form und Inhalt schon bei der Auswahl der Teilnehmer zusammen. Denn die Frage ist: Wer zählt zum wissenschaftlichen Personal? Nur die hauptberuflich von den Unis Beschäftigten oder auch sämtliche externen Lektoren, Lektorinnen und Drittmittelbeschäftigten?

Da die Einladung zum Mitmachen bei der Studie aus Datenschutzgründen durch die Unis selbst erfolgte, mussten sich die Forscher um dieses Problem nicht kümmern. An über 20.000 von Unis Beschäftigte erging daher die Einladung mitzumachen. Letztlich ausgewertet wurden rund 1.200 Datensätze, die Ende 2010 von 17 österreichischen Universitäten gesammelt worden waren.

Der zweite Teil von EUROAC besteht aus 60 qualitativen Interviews, die die Forscher vom IFF mit unterschiedlichen Akteuren der Unilandschaft - von Professoren bis zu Managern und externen Lektoren - gemacht haben. Die österreichischen Teile der Studie sollen Ende 2012 veröffentlicht werden.

Links:

Aktionstage Politische Bildung:

Vom 23. April bis 9. Mai 2012 finden die Aktionstage Politische Bildung 2012 statt, die heuer unter dem Motto "Generationengerechtigkeit und Solidarität" stehen. (Programmheft)
Ö1 begleitet die Aktionstage mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Ö1 Sendungshinweise:

Radiokolleg, 23. - 26. 4., 9.45 Uhr: Melodien als Jungbrunnen. Musikalische Aktivitäten im Alter

Wissen aktuell, 23. - 27. 4., jeweils 13.55 Uhr: Serie zum Thema „Gelebte Solidarität. Best Practice-Modelle aus dem Alltag.“

Praxis - Religion und Gesellschaft, 25. 4., 16.00 Uhr: Die Zukunft des Alterns - neue Lebensweisen für alte Menschen.

Salzburger Nachtstudio, 25. 4., 21.01 Uhr: Alters-Kulturen. Kreative Lebensgestaltung im dritten Lebensalter

Diagonal, 28. 4., 17.05 Uhr: Ich oder wir. Diagonal über Egoismus und Solidarität.

Erfüllte Zeit, 29. 4., 7.05 Uhr: Alltags-tauglich - Kein Pflegefall nach dem Spital

Radiokolleg, 30. 4. - 3. 5, jeweils 9.05 Uhr: Das Alter - eine Herausforderung. Neue Rollenbilder abseits von Macht und Ohnmacht

Radiokolleg zum Mitreden, 3. 5., ORF KulturCafe - 19.30 Uhr - Eintritt frei

Praxis - Religion und Gesellschaft, 2. 5., 16.00 Uhr: Auf eigenen Beinen aus dem Spital

Dimensionen, 3. 5. , 19.05 Uhr: Sichere Zukunft für Jung und Alt. Generationenpolitik aus ExpertInnensicht.

Erfüllte Zeit, 6. 5., 7.05 Uhr: Alter Lebens-Wert. Ein Besuch im Diakonie-Haus für Seniorinnen und Senioren in Wels.

Kein typischer, aber ein …

"Einen typischen Karriereweg eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin gibt es heute in Österreich nicht", sagt Elke Park. Das liegt an den zahlreichen Hochschulreformen der vergangenen Jahre, die zu einem Nebeneinander höchst unterschiedlicher Berufstypen geführt hat.

An den Unis tummeln sich zurzeit ordentliche, außerordentliche und Assistenzprofessoren, Drittmittelbeschäftigte, Projektmitarbeiter, externe Lektoren, Studienassistenten - ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ungerechterweise ohne Binnen-I (denn nach wie vor gilt: Je weiter oben in der Hierarchie, umso weniger Frauen).

… idealer Karrierepfad

Was es schon gibt, ist ein Ideal, das einflussreichen unipolitischen Akteuren vorschwebt - wiewohl in der Realität nicht überall auf Zustimmung stößt. Dieses - vor allem für die Naturwissenschaften - ideale Karrieremodell sieht so aus: 1) Doktorat in einem strukturierten und finanzierten Doktoratsprogramm, 2) Postdoc-Erfahrung im Ausland, 3) Bewerbung um eine sogenannte tenure-track Stelle (dem aus dem nordamerikanischen Raum stammenden System einer Laufbahnstelle) bzw. Assistenzprofessur, 4) Qualifizierung für eine assoziierte Professur, 5) Berufung in eine ordentliche Professur.

Die österreichische Realität entspricht aber nicht unbedingt diesem Ideal, wie Hochschulforscher Hans Pechar ausführt: "Die zentrale Idee des amerikanischen tenure track ist, dass Unis ihren Nachwuchs nicht intern rekrutieren, wie das die Tradition im deutschsprachigen Raum ist, sondern extern. Nach dem PhD sollen sich die Studenten an Universitäten fern der eigenen bewähren. Im Uni-Kollektivvertrag von 2009 gibt es aber Bestimmungen, die dem widersprechen und die Möglichkeit geben, Personen auch von der eigenen Uni zu rekrutieren."

Im deutschsprachigen Raum gibt es zwar auf Professorenebene ein Hausberufungstabu, Pechar hält diesen "Mechanismus gegen Nepotismus" zu einem früheren Zeitpunkt - eben nach dem Doktorat oder PhD - aber für sinnvoller.

Interne oder externe Postenbesetzung

Der Kollektivvertrag wird laut den ersten Ergebnissen der EUROAC-Studie an den verschiedenen Universitäten des Landes sehr unterschiedlich umgesetzt. "Manche besetzen ihre Assistenzprofessuren nach einer sehr kompetitiven Auswahl nahezu ausschließlich von außen, andere bieten sie den eigenen Leuten an und setzen damit die interne Rekrutierung fort."

Der Nachteil: Die bekannte Praxis, bei der Professoren "ihre Assistenten" für eigene Zwecke ausnützen und z.B. ihren Namen unter deren Artikel schreiben, wird weiter fortgesetzt.

Aber: Auch das vermeintlich gerechtere Modell hat seine Tücken. "In unseren Interviews wurde die Notwendigkeit, nach dem PhD die Uni verlassen zu müssen, sehr oft als belastend beschrieben", sagt Elke Park. Menschen in einem Alter von Anfang bis Mitte 30, die oft gerade eine Familie gründen, empfinden dies eher als "Mobilitätszwang".

Die Idee des tenure track wurde von den Befragten hingegen sehr positiv gesehen, der Mangel an entsprechenden Stellen aber beklagt. "Die Leute müssen sich heute auf befristeten Assistentenstellen bewähren, die Uni wegen der Kettenvertragsregel aber nach sechs bis acht Jahren verlassen. Die akademische Karriere ist prekär", sagt Park.

Mangelnde Gerechtigkeit

Gerechtigkeit zwischen den Generationen gebe es derzeit an den Universitäten keine, finden die beiden Hochschulforscher. "Bis Mitte der 90er Jahre wurde recht großzügig pragmatisiert", sagt Elke Park. "Es war relativ leicht, eine unbefristete Assistentenstelle zu bekommen. Die Institute wurden mit diesen beamteten Positionen blockiert. Als Reaktion hat der Gesetzgeber 2001 befristete Dienststellen für Assistenten eingeführt."

Es sei zwar nichts prinzipiell gegen fixe Stellen einzuwenden. "Die nötige Sorgfalt, ob dafür die Besten ausgesucht wurden, wurde aber nicht immer ausgeübt", assistiert Pechar. "Die Nachbesetzungen sind über interne Netzwerke abgelaufen. Wer nicht das Glück hatte reinzurutschen, obwohl er vielleicht besser qualifiziert war, war chancenlos. Das ist natürlich ungerecht und bedeutet eine extreme Aufspaltung in Insider und Outsider."

Gegen Standeskämpfe

Pechar schwebt eine Uni vor, die ihre Postenbesetzung rein auf Qualifikation beruhen lässt. Das Gerechtigkeitsproblem zwischen vollen Professoren und dem akademischen Nachwuchs könne man nur "über ein tenure-track-System lösen, das den Namen auch verdient und nicht nur Bezeichnungen übernimmt", sagt der Hochschulforscher. Eine Folge seines Vorbildes Nordamerika wäre es, die hierzulande bestehende Kluft zwischen Mittelbau und Professoren zu überwinden. "In den Departments der US-Unis gibt es nur eine akademische Profession, natürlich gibt es auch Konflikte, aber keinen Standeskämpfe."

Der einzige Weg, um die heimischen Hochschulen zu verändern, ist für Pechar die Übernahme dieses Modells. Zwar haben sie sich in den vergangenen rund zehn Jahren von ministeriell geführten Staatsanstalten zu unternehmerischen Organisationen entwickelt. Ganz herumgesprochen haben sich die Segnungen des liberalen Modells aber offensichtlich noch nicht.

"In solchen Systemen gibt es Uni-Manager, die dem akademischen Personal gegenüberstehen. Dieser Antagonismus sorgt für eine Solidarität innerhalb des Personals, ohne Standesunterschiede wird an einem Strang gezogen. Bei uns hingegen kämpft jeder gegen jeden: die Professoren gegen den Mittelbau, Manager und Rektorat gegen das akademische Personal und alle zusammen gegen das Ministerium."

Externe Lektoren

Ein aktuelles Problem der Unis ist, dass sie ihre Lehre nur mit Hilfe externer Lektoren aufrechterhalten können - und dahinter lauert eine weitere Gerechtigkeitslücke. In manchen Studienrichtungen wird von ihnen mehr als die Hälfte der Unterrichtszeit geleistet, und das bei nicht gerade üppiger Entlohnung. Für zwei Semesterwochenstunden Lehre gibt es laut Kollektivvertrag monatlich rund 370 Euro brutto.

Die ursprüngliche Funktion, externer Lektoren war es, Erfahrung aus der außeruniversitären Praxis in die Institution einzubringen. "Mittlerweile stehen sie in erster Line für billige Lehre, und das ist ebenfalls ungerecht", sagt Hans Pechar. Zwar wurde mit dem UG 2002 für die Lehrtätigkeit speziell die Position von Senior Lecturers eingeführt. Diese haben aber den Nachteil, ausschließlich lehren und nicht forschen zu dürfen.

Unzureichende Finanzierung

Allem zugrunde liegt die ungenügende Finanzierung der Hochschulen, meint Pechar. Dass die Unis versuchen, die Lehre mit externen Lektoren weiterzuführen, ist eine nachvollziehbare und pragmatische Entscheidung - aber keine Lösung. Worin die liegt, kann der Hochschulforscher konkret nicht beantworten. Generell plädiert er aber für eine ausgewogene Balance zwischen fixem Kernpersonal und externen Beschäftigten. "Auch die letzteren brauchen vernünftige Arbeitsbedingungen und eine faire Entlohnung. Derzeit ist das nicht der Fall."

Generell, so der Hochschulforscher, besetzen die Unis Stellen gerade "extrem defensiv" nach. "Und das hat mit ihrer Finanzierung zu tun und nichts mit dem Karriereschema. Hier überlagern sich Probleme, und es ist schwierig sie auseinanderzuhalten. Das Hauptproblem besteht darin, dass sich seit Jahrzehnten eine Schere geöffnet hat zwischen der Basisfinanzierung der Unis und der wachsenden Anzahl der Menschen, die ein Studium beginnen."

Eine Berufsempfehlung?

Ob man jungen Menschen prinzipiell empfehlen kann, heute beruflich in die Wissenschaft zu gehen? Hans Pechar, Jahrgang 1950, sagt: "Ja. Wissenschaft war immer ein Beruf mit sehr hohem Risiko, das ist es auch in den besten Systemen. Wichtig ist, dass ein System der nachwachsenden Generation frühzeitig die Erfolgswahrscheinlichkeit kommuniziert. Im deutschen Sprachraum geschieht das schlecht, in Nordamerika viel besser. Wer sich mit 45 Jahren habilitiert und dann keine Stelle bekommt: Das ist das letzte."

Seine - deutlich jüngere - Projektmitarbeiterin Elke Park antwortet auf die gleiche Frage: "Nach den ersten Ergebnissen des Projekts ist mein Enthusiasmus für wissenschaftliche Karrieren gedämpft. Es gibt derzeit eine unglückliche Generation der 35- bis 45-Jährigen, die die aktuelle Umbruchszeit voll erwischt hat. Ich hoffe aber, dass sich die Situation durch neue demografische Entwicklungen entspannt und sich wissenschaftliche Arbeit mehr in Richtung eines normalen Jobs entwickelt. Und zwar weg von dem, was sie heute ist - eine Hochrisikokarriere."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: