Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hitler, Jesus und der Gender Gap"

Eine Collage mit Bildern zu Wikipedia

Hitler, Jesus und der Gender Gap

Hinter dem neutralen Gesicht des Lexikalischen verbergen sich kulturelle Unterschiede, wie eine Untersuchung an Wikipedia-Artikeln zeigt: Die Studie legt Schieflagen und Kuriositäten im Online-Netzwerk frei.

Wikipedia 25.04.2012

Im November letzten Jahres kündigte Sue Gardner einen Kurswechsel an. Die Online-Enzyklopädie solle weiblicher werden, so die Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung in San Francisco. Denn laut letzten Erhebungen sind 91,5 Prozent der Autoren Männer.

Nicht politische Korrektheit sei das Motiv, die Dysbalance der Geschlechter zu korrigieren - sondern Qualität, sagte die Kanadierin: "Wikipedia strebt danach, die Gesamtheit allen menschlichen Wissens zu sammeln. Und das können wir nicht, wenn unsere Autorenschaft aus einer kleinen Gruppe von Leuten besteht."

Eine aktuelle Studie von Netzwerkforschern gibt diesem Ansinnen wissenschaftliches Unterfutter: Pablo Aragon von der Barcelona Media Foundation hat mit drei Kollegen tausende biografische Wikipedia-Artikel in 15 Sprachen analysiert und jene 75 Einträge erhoben, die eine besonders wichtige Stellung im Online-Lexikon einnehmen. Wobei "wichtig" in diesem Fall heißt: so gut durch Links mit anderen Biografien verbunden, dass man die Texte als Zentrum des Wikipedia-Netzwerkes ansehen muss.

Politiker meistens an der Spitze

In der russischen Wikipedia ist etwa William Shakespeare die Nummer eins, sprich: die am besten ("zentralsten") verlinkte Person. Platz fünf belegt Joseph Stalin - was man gleich in zweierlei Hinsicht als pars pro toto nehmen kann: Ehemalige Staatschefs, Diktatoren ebenso wie demokratisch gewählte, sind in der Wikipedia-Rangliste nämlich überdurchschnittlich oft vertreten. Und Frauen sind äußerst rar. Von 75 möglichen Einträgen widmen sich nur vier einer Frau: Elizabeth II (Nummer eins in Polen und drei in Schweden), Marylin Monroe (Nummer eins in Norwegen) sowie Margaret Thatcher (Nummer drei in Polen).

Das ist, selbst wenn man die patriarchale Schlagseite der Weltgeschichte berücksichtigt, überraschend wenig. Aragon und seine Kollegen vermuten, der Überhang an Männern unter den Wikipedianern könnte etwas damit zu tun haben. Lexikalisches Schreiben, Verlinken und Editieren hätte demnach sowohl eine männliche wie eine weibliche Handschrift. Eine These, die in diesem Feld vielleicht neu sein mag. In der Literaturtheorie hingegen hat sie eine lange Tradition.

In ihrem Essay "Frauen lesen anders", betonte etwa Ruth Klüger schon vor 20 Jahren: "Wenn wir gelegentlich Bücher lesen, in denen Frauen nicht nur die Rolle spielen, die ihnen im Leben der Männer zukommt, sondern die sie in ihren eigenen Leben spielen, merken wir erst, wie viel leichter eine solche Lektüre ist, wie viel direkter und ursprünglicher man damit umgehen kann, wenn man den Sprung der Anpassung und Einfühlung nicht nötig hat."

Big in Russia: Kenneth Branagh

Abseits des Geschlechtergrabens legt die Studie von Aragon und Co. ein paar kuriose Details frei. In Polen liegt beispielsweise Papst Johannes Paul II auf Platz zwei des Netzwerk-Rankings - er ist damit deutlich prominenter positioniert als Jesus. In Deutschland markiert Adolf Hitler das Zentrum der biografischen Wikipedia-Landschaft, und nicht nur dort: Die Lebensgeschichte des Diktators ist auch in der kanadischen, japanischen und französischen Wikipedia am reichhaltigsten verlinkt. Politiker und Staatsmänner liegen, wie erwähnt, in vielen Ländern ganz vorne - in den USA sind etwa gleich vier Ex-Präsidenten unter den ersten fünf.

Gleichwohl gibt es auch Kulturen, deren enzyklopädischer Schwerpunkt im Fach Unterhaltung liegt. Als da etwa wären: Elvis Presley belegt in den Niederlanden die Spitzenposition, und Michael Jackson ist in Spanien die Nummer eins. Warum in Russland gerade Kenneth Branagh auf Rang drei liegt - und somit eine Vielzahl historischer Figuren hinter ihm, ist eines der, wie es so schön heißt, "kontraintuitiven" Resultate. Möglicherweise hat er als Shakespeare-Darsteller von der Spitzenposition des englischen Dramatikers profitiert. Wo allerdings der Konnex zu Russland liegt, entzieht sich selbst der gehobenen Interpretationskunst der Netzwerktheoretiker.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: