Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gewalt lässt Kinder schneller altern"

Ein Kind versteckt sein Gesicht hinter seinen Händen.

Gewalt lässt Kinder schneller altern

Gewalt geht Kindern unter die Haut - auch im wörtlichen Sinn: Wie Neurowissenschaftler der Duke University herausgefunden haben, altert das Erbgut von Kindern mit Gewalterlebnissen schneller. Dadurch werden sie als Erwachsene anfälliger für Krankheiten.

Molekularbiologie 25.04.2012

Die Enden der Chromosomen verkürzen sich bei diesen Kindern schneller als bei Alterskollegen ohne Gewalterfahrung, schreiben der Psychiater und Neurologe Idan Shalev und seine Kollegen. Der Zustand dieser Telomere entspreche jenem von Erwachsenen, nicht aber fünf- bzw. zehnjährigen Kindern.

Die Studie:

"Exposure to Violence During Childhood is Associated with Telomere Erosion from 5 to 10 Years of Age: A Longitudinal Study" ist in "Molecular Psychiatry" erschienen (doi:10.1038/mp.2012.32).

Langfristige Auswirkungen

Wer in der Kinderheit Gewalt erfahren hat, ist als Erwachsener anfälliger für Krankheiten. Diese Schlussfolgerung wurde schon in der Vergangenheit durch zahlreiche Studien belegt. Unklar blieb dabei aber lange Zeit der genaue Zusammenhang: Führen Gewalterlebnisse dazu, dass man weniger erfolgreich in Job und Privatleben ist und dadurch auch weniger auf seine Gesundheit achtet? Oder sind es die häufig vorkommenden Depressionen, die zu einer schlechteren körperlichen Verfassung führen?

Je mehr Wissen zu Gründen und Ablauf von biologischen Alterungsprozessen publik wurde, desto mehr erhoffte sich die Forschung auch Antworten auf diese Fragen. Insgesamt sechs relativ junge Studien nahmen speziell die Telomere ins Visier ihrer Untersuchung. Die Telomere sind die Enden der Chromosome, sie schützen - vergleichbar den harten Enden von Schuhbändern - die DNA vor der Auflösung. Man weiß, dass diese Teile unseres Erbguts mit den Jahren kürzer werden. Beschleunigt wird der Alterungsprozess durch negative äußere Einflüssen wie Rauchen, Fettleibigkeit und psychische Erkrankungen bzw. chronischen Stress.

Negativer Stress schadet Erbgut

Die Hypothese, dass Gewalt - also massiver negativer Stress - zu verkürzten Telomeren führen würde, haben erst kürzlich Janice Humphreys von der Universität Kalifornien in Los Angeles und Kolleginnen überprüft: Laut ihrer Studie sind die Chromosomenenden von Frauen, die unter Gewalt durch ihren Partner leiden mussten, deutlich kürzer. Finnische Forscher haben schon im Jahr 2010 in ihrer Untersuchung darauf hingewiesen, dass Menschen, die als Kinder misshandelt wurden, als Erwachsene über eben diese geschrumpften Telomere verfügen.

Zwillingsstudie

Dem Team um Idan Shalev ist es nun gelungen nachzuweisen, dass diese chromosomalen Veränderungen nicht erst - quasi als Langzeitwirkung - im Erwachsenenalter auftreten, sondern akut bereits in der Kindheit. Als Grundlage verwendeten die Forscher die Ergebnisse der "Environmental-Risk Logitudinal Twin Study", in der 2.232 Zwillingspaare, die in den 1990er Jahren in Großbritannien zur Welt kamen, erfasst wurden. Die Kinder wurden bei der Geburt sowie nach fünf, sieben, zehn und zwölf Jahren untersucht und - soweit es das Alter erlaubte - befragt bzw. Interviews mit den Eltern geführt.

Für die nun vorliegende Untersuchung griffen die Forscher 236 Kinder heraus, von denen 42 Prozent Gewalt erfahren hatten. Unter Gewalterlebnis wird entweder das Beobachten von gewaltsamen innerfamiliären Konflikten verstanden, die eigene Betroffenheit davon oder aber Mobbing durch andere Kinder. Viele der in die Studie einbezogenen Familien waren in Betreuung durch Sozial- bzw. Jugendamt, manche Kinder waren bereits bei Pflegeeltern untergebracht.

Stress bis in die Zellen

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 25.4. um 13:55.

Analysiert wurden DNA-Proben, die von den Kindern im Alter von fünf bzw. zehn Jahren genommen wurden. Es zeigte sich: Das Erbgut aller Kinder mit Gewalterfahrung wies verkürzte Telomere auf. Und nicht nur das, offenbar verstärkt sich die Wirkung: Je mehr Gewalt im Spiel ist, desto stärker war das Erbgut gealtert. Andere Faktoren wie Geschlecht, wirtschaftliche Lage der Familie und Körpergewicht wurden ausgeschlossen.

Der genaue chemische Prozess, der zur Abnutzung der Telomere führt, muss noch geklärt werden, schreiben die Forscher. Oxidativer Stress oder belastungsbedingte Entzündungen, die wiederum das Immunsystem kippen lassen, kommen für sie in Frage. Das veränderte Erbgut ist demnach auch für die höhere Krankheitsanfälligkeit im Erwachsenenalter verantwortlich.

Die Studie bestätigt einmal mehr: Gewalt an Kindern zu verhindern, ist die beste Gesundheitsvorsorge. Zumal dieser Stress offenbar bis in die Zellen wirkt.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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