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Lächelndes Mädchen aufgestützt auf Pferdeschultasche

"Casting" statt Förderung

Die immer früher einsetzende Selektion im Bildungsbereich zwingt leistungsschwächere Jugendliche aufs soziale Abstellgleis. Die Sozialwissenschaftlerin Karin Steiner fordert in einem Gastbeitrag zum Gegensteuern auf. Politik, Schulen und Betriebe sind ihrzufolge in der Pflicht, gegen die Spaltung in Bildungsgewinner und -verlierer anzugehen.

Bildung 27.04.2012

Berufseinstieg als Castingshow

Von Karin Steiner

Porträtfoto Karin Steiner

abif

Die Autorin

Karin Steiner ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des Forschungsinstituts abif. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Lebenslanges Lernen, Arbeitsmarkt und Gesundheit.

Beiträge für science.ORF.at:

Früh übt sich. Siebenjährige sollen in ihrer Freizeit in Volksschulen Kompetenzportfolios erstellen, um ihre Stärken besser kennenzulernen. Um in Elite-AHS aufgenommen zu werden, gehen Zehnjährige zu "Interviews", um zu beweisen, wie gut sie sich bereits selbst präsentieren können. Und Fünfzehnjährige müssen beim Kampf um die begehrten Lehrstellen bis zu dreitägige Auswahlverfahren durchlaufen.

Betriebe wollen ja nur die Besten ausbilden, und auf keinen Fall in die "falsche" Person investieren. Daher stehen Schulen immer mehr vor der Herausforderung, Kinder und Jugendliche stärker auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, um im Wettbewerb um Ausbildungsstellen mithalten zu können und die Aufnahme an höheren Schulen (mit Matura) oder Universitäten zu schaffen.

Schulen überfordert

Doch die Schulen laborieren an überfrachteten Lehrplänen. Nach wie vor wird dort zu sehr auf die Vermittlung von Wissen anstatt von Kompetenzen gesetzt. So scheitern die Schulen vielfach daran, benachteiligten Jugendlichen jene Fähigkeiten mitzugeben, die sie benötigen, um im heutigen Arbeitsmarkt zu bestehen. Und auch die bildungsfernen Familien, aus denen diese Jugendlichen oft kommen, können dieses Defizit nicht ausgleichen.

Mangelware Lehrstelle

Benachteiligte Jugendliche haben daher in unserem Bildungssystem kaum eine Chance zu reüssieren. Eine schulische Berufsausbildung ist häufig nicht möglich, weil Leistungsschwächere eine intensivere Betreuung benötigten, die aber nicht vorgesehen ist. Bliebe noch die Lehre - aber auch dieser Weg ist vielen wegen schlechter Schulnoten versperrt. Schnuppertage sind für Leistungsschwächere, z.B. Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen, in großen Betrieben oft gar nicht mehr möglich.

Selbst unbezahlte Praktikas werden häufig nur mehr sogenannten High Potentials zugestanden. So bleibt vielen nur der Weg zum AMS, das eine überbetriebliche Lehre mit regulärer Lehrzeit oder integrative Lehre (mit verlängerter Lehrzeit) anbietet. Beides ist zwar besser als gar keine Lehre, deren Absolventen haben aber deutlich schlechtere Chancen als jene mit regulärer Ausbildung.

Fazit: Schulen müssen sich ändern ...

Gebetsmühlenartig werden Reformen im Schulsystem gefordert. Allein die Politik bremst jegliche grundlegende Veränderung. Die Schaffung einer gemeinsamen Schule für die Zehn- bis Vierzehnjährigen alleine reicht bei weitem nicht aus. Stattdessen vertieft die immer früher einsetzende Selektion die bereits bestehende Spaltung zwischen leistungsstarken und -schwachen Kindern und Jugendlichen.

Daher sollten Projekte den Unterricht in Fächern und Kompetenz- die reine Wissensvermittlung ersetzen. Unreflektierte Leistungsorientierung genügt nicht mehr. Jugendliche müssen vor allem das Rüstzeug bekommen, sich in unserer komplexer werdenden Welt zurechtzufinden und nicht zuletzt sich am Arbeitsmarkt zu behaupten.

Dazu bedarf es mehr als nur der klassischen Kulturtechniken wie Rechnen, Schreiben und Lesen. Wichtig sind Fähigkeiten wie Selbstmanagement, das Bewusstsein, das lebensbegleitendes Lernen auch nach der Schule wichtig ist und Selbstreflexion, sprich: sich klar zu machen wo die persönlichen Stärken und Entwicklungspotentiale liegen.

... und Betriebe mehr Verantwortung übernehmen

Die Kosten für die Ausbildung leistungsschwächerer Jugendlichen können nicht allein dem Staat aufgebürdet werden. Auch Betriebe tragen soziale Verantwortung. Ihre Kunden sind nicht nur Leistungsstarke, sondern die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite.

Gerade um das drohende Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft in Bildungsgewinner und -verlierer zu verhindern, ist es notwendig auch leistungsschwächeren Jugendlichen im 1. Arbeitsmarkt eine Chance zu geben. Auch wenn sie den Leistungsstandards der "Wirtschaft" nicht zu 100 Prozent entsprechen. Unterm Strich würden wir alle davon profitieren.

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