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Gemälde von da Vinci: Vitruvius - ein Beispiel für den Goldenen Schnitt.

Was den modernen Menschen ausmacht

Die Menschheitsgeschichte musste in den vergangenen Jahren mehrmals umgeschrieben werden, bis hin zu der Erkenntnis, dass Homo sapiens noch heute Spuren anderer archaischer Menschenarten in seinem Genom trägt. Man sollte diese genetischen Einsprengsel aber nicht überbewerten, meint ein britischer Paläontologe.

Anthropologie 03.05.2012

Chris Stringer warnt davor, daraus Schlüsse für die Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen zu ziehen und damit die Debatte in die falsche Richtung zu treiben. Das Gemeinsame sei wichtiger als alle Unterschiede und mache den modernen Menschen zu dem, was er heute ist.

Nur "Out-of-Africa" gewiss

Kommentar in "Nature":

"What makes a modern human?" von Chris Stringer

Vor nicht allzu langer Zeit war die Menschheitsgeschichte noch recht simpel: Demnach verließ vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren eine kleine Gruppe moderner Menschen ihre Heimat, den afrikanischen Kontinent. Von dort erreichten sie zuerst Asien, vor etwa 40.000 Jahren dann Europa; noch später überquerten sie die Bering Straße und gelangten nach Amerika. Mit ihrer Ankunft wurden die Neandertaler und alle anderen frühen Menschenarten zurückgedrängt, bis diese letztlich ganz verschwanden.

In den vergangenen Jahren ist das Bild allerdings etwas komplizierter geworden. Weitgehend gesichert ist nur noch der Teil, der besagt, dass der moderne Mensch ein Emigrant aus Afrika ist. Diese Idee hat sich gegenüber der alternativen Hypothese eines multiregionalen Ursprungs eindeutig durchgesetzt. Der Rest der Geschichte wurde allerdings in den letzten Jahren von zahlreichen Studien in Frage gestellt und muss vermutlich neu geschrieben werden: Debattiert wird nunmehr darüber, wann die Reise des modernen Menschen begann, wann sie endete, welche Wege unsere Vorfahren nahmen und was sie unterwegs alles trieben.

Wann und wo?

Archäologische Fundstücke auf der Arabischen Halbinsel etwa veranlassten Forscher erst letztes Jahr zu der Vermutung, dass der moderne Mensch Afrika schon viel früher verlassen haben muss, nämlich bereits vor über 125.000 Jahren. Die Funde legten zudem nahe, dass er den Kontinent auf einem ganz anderen Weg verlassen hat als bisher angenommen. Über den Anlass dafür lässt sich nur spekulieren: Die Forscher meinen, dass es den frühen Menschen zu eng geworden war. Denn ein wärmeres Klima sorgte für bessere Lebensbedingungen und eine Bevölkerungszunahme. Andere vermuten, dass Dürre und Hunger sie vertrieben hätten. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2009 kam zum Schluss, dass der moderne Mensch Afrika möglicherweise in mehreren Wellen verlassen habe.

Auch an anderen Stationen seiner langen Wanderschaft über den Globus kam der moderne Mensch neuen Erkenntnissen zufolge deutlich vor den ursprünglich vermuteten Zeitpunkten an. In Europa muss die Ankunft des Homo sapiens demnach ebenfalls vordatiert werden. Er war bereits tausende Jahre früher hier, wie genauere Radiokarbon-Datierungstechniken ergaben. Dadurch hätten Neandertaler und moderne Menschen viel länger nebeneinander existiert als bisher angenommen.

Auch an einer späteren Stelle seiner Weltreise muss die Geschichte des Homo sapiens neu datiert werden. Laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr wurde auch Amerika schon vor über 15.000 Jahren besiedelt, mehr als 2.000 Jahre früher als bis dahin angenommen. Die Clovis haben dadurch ihren Platz als "früheste Amerikaner" verloren.

Vermischung mit anderen Menschenarten

Die bei weitem überraschendste Erkenntnis zum Bild unserer Vorfahren kam jedoch aus der Genetik: In den vergangenen zwei Jahren wurden nämlich das Genom des Neandertalers und einer weiteren erst kürzlich entdeckten Menschenart, des Denisova-Menschen, sequenziert.

Der Vergleich mit dem Genom des Homo sapiens ergab: Genetische Spuren der ausgestorbenen Gattungen finden sich noch bei heute lebenden Menschen. Demnach stammen bei jedem Mensch, der außerhalb Afrikas lebt, im Durchschnitt etwa 2,5 Prozent der DNA vom Neandertaler, im manchen Gegenden bis zu vier Prozent, bei Menschen, die in Australien oder Neuguinea leben, etwa fünf Prozent vom Denisova-Menschen, wie Chris Stringer in seinem Kommentar in "Nature" schreibt. Die wahrscheinlichste Interpretation für diese erstaunliche Tatsache: Der moderne Mensch hatte wohl mit beiden Sex.

Das wirft laut Stringer zwei kritische Fragen auf: Erstens, noch in der Schule hätten alle gelernt, dass verschiedene Arten sich nicht miteinander paaren bzw. fortpflanzen. Sollte man die Definition von Arten und die taxonomische Einteilung anhand fossiler Fundstücke überdenken? Und zweitens: Wie verändern diese Erkenntnisse unsere Vorstellung vom modernen Menschen, wenn dieser noch heute unterschiedliche Anteile archaischer Gene in sich trägt?

Archaische Spuren?

Erstere beantwortet Stringer schon aus rein pragmatischen Gründen mit einem klaren "Nein". Fasste man alle Menschenarten zusammen, wäre die Bandbreite der Variationen zu groß. Es gebe viele klare Unterscheidungsmerkmale, und außerdem wisse man, dass auch andere Primaten sich zu einem gewissen Ausmaß mit anderen nah verwandten Arten kreuzen.

Die zweite Frage hält er für problematischer. Bis jetzt sei noch recht unklar, ob die archaischen genetischen Anteile an sichtbare Merkmale geknüpft sind. Wie es aussieht, haben die Europäer weder ihre helle Hautfarbe noch ihre Anpassung an die Kälte von den Neandertalern geerbt, aber möglicherweise Teile ihres Immunsystems. Es könnte sein, dass manche Australier ihre Malariaresistenz von den Denisova-Menschen mitbekommen haben.

Die letzte Menschenart

Noch heikler wird die Debatte laut Stringer bei anderen Eigenschaften, denn manche genetischen Unterschiede zwischen Neandertaler und Mensch werden derzeit für die Entwicklung und Funktionen des Gehirns diskutiert. An diesem Punkt - wenn es plötzlich um kognitive Fähigkeiten und Intelligenz geht - werden auch Bezeichnungen wie "primitiv" und "archaisch", die aus dem Mund eines Paläontologen noch recht objektiv klingen, im allgemeinen Sprachgebrauch bedenklich.

Die neuen Daten könnten manche dazu veranlassen, die heute lebenden Menschen hinsichtlich ihres Grads an Modernität zu klassifizieren und zu reihen. Wie Stringer schreibt, findet man im Internet bereits derartige Einträge, die darüber spekulieren, ob manche Gruppen weniger "modern" bzw. "primitiv" sind. So lande man schnell in einer neuen Rassismusdebatte, das sei auch für den Fortschritt in der Paläontologie eine Gefahr.

Stringer zufolge hätten manche von uns zwar mehr oder weniger archaische genetische Anteile, die große Mehrheit unserer Gene - nämlich über 90 Prozent -, unseres Aussehens und unseres Verhaltens verdanken wir aber unseren afrikanischen Vorfahren. Viele Eigenschaften hätten sich zudem durch biologische und kulturelle Anpassung entwickelt bzw. weiterentwickelt.

Laut Stringer überwiegen die Gemeinsamkeiten die Unterschiede jedenfalls bei weitem und letztlich sind wir alle Mitglieder der übrig gebliebenen Menschenart Homo sapiens. Wir hätten nicht sehr viel gelernt in den vergangenen 50 Jahren, wenn kleine DNA-Abschnitte bestimmten, wie wir verschiedende Menschengruppen betrachten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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